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ISRAEL Verbundene Augen

Auf der Jagd nach Terroristen kaperten israelische Kampfflugzeuge einen Ziviljet. An Bord waren syrische Politiker. Radikale Araber drohen mit Vergeltung. *
aus DER SPIEGEL 7/1986

Abgespannt und unrasiert trat Muammar el Gaddafi ans Podium. 22 militante Araber-Organisationen wollte er Anfang letzter Woche in Tripolis zum »verstärkten Kampf gegen den Imperialismus« aufstacheln.

Seit gut zwei Wochen schon kreuzte Washingtons 6. Flotte vor Libyens Küste. In dieser Woche soll die hochgerüstete Armada sogar in die von Tripolis zum nationalen Hoheitsbereich erklärte Große Syrte einlaufen.

Doch Libyens Staatschef, seit langem mit Washington in verbalem Gefecht, fand wenig Resonanz. Nicht einmal radikale Palästinenser wie Georges Habasch, Chef der Volksfront zur Befreiung Palästinas oder der Arafat-Feind Abu Mussa, Führer der Fatah - Revolutionäre Bewegung, wollten seinem Appell bedingungslos folgen. Konkrete Zusagen für internationale Terrorhilfe erhielt Gaddafi nicht.

Nur Stunden nach dem offiziellen Konferenzende am Dienstag voriger Woche hätten die Bitten des Revolutionsführers wohl mehr Anklang gefunden: Zwei israelische Kampfflugzeuge fingen etwa 80 Kilometer östlich von Zypern einen syrischen Gulfstream-Jet ab und zwangen die Maschine um 13.40 Uhr zur Landung auf dem Militärflugplatz Ramat David im Norden Israels.

Jerusalems gefürchteter Geheimdienst Mossad hatte drei Erzfeinde des Judenstaats in der Maschine mit dem Kennzeichen »5A DDR« auf dem Rückflug von Tripolis nach Damaskus gewähnt. Neben Habasch und Abu Mussa glaubten Mossad-Späher noch Ahmed Dschibril, Führer der syrisch orientierten Volksfront zur Befreiung Palästinas - Generalkommando, an Bord.

Dieses Trio schien es Israels Terroristenjägern wert, sich dem Vorwurf der »Luftpiraterie« auszusetzen. Premier Peres und sein Verteidigungsminister Rabin ordneten das Kommandounternehmen an. Doch die allen Regeln des Völkerrechts widersprechende Aktion, die der erfolgreichen US-Abfangjagd gegen die Entführer des Kreuzfahrtschiffes »Achille Lauro« im Oktober nachempfunden war, geriet Israels scheinbar unfehlbaren Geheimdienstlern wie ihren politischen Führern zur Blamage.

Der zweimotorigen Maschine, umringt von 150 Elitesoldaten, entstiegen neun Passagiere und drei Besatzungsmitglieder - doch keiner der gesuchten Terrorführer war darunter: Die hatten kurzfristig umgebucht.

Statt dessen führten israelische Spezialisten den Vizesekretär und Chefideologen der syrischen Baath-Partei, Abdullah el-Ahmar, mit erhobenen Händen und verbundenen Augen zum Verhör, und mit ihm gleich die gesamte Delegation aus Damaskus. Fünf Stunden später waren Jet und Passagiere wieder frei. Premier Peres befand: »Das war ein Fehlschlag.«

Es war nicht der erste: *___Im Februar 1973 schossen Israelis eine verirrte ____libysche Boeing 707 über dem Sinai ab, 104 Tote lautete ____die blutige Bilanz. *___Im August desselben Jahres ließ der damalige ____Verteidigungsminister Mosche Dajan eine Caravelle der ____Middle East Airlines zur Landung in Israel zwingen. Der ____Piratenakt galt Habasch. Der aber hatte kurz zuvor den ____Flug gewechselt.

Rache schworen die Araber damals wie heute. Israel habe sich »wie die Nazis« verhalten, schimpfte Radio Damaskus. Syriens Stabschef Hikmat el-Schihabi drohte: »Wir werden den Israelis eine unvergeßliche Lektion erteilen.«

Der nach fünf Stunden freigelassene Ahmar wütete: »Wir könnten alle Flüge nach Israel blockieren.« Gaddafi befahl gar seiner Luftwaffe die Abfangjagd gegen israelische Zivilflugzeuge. Und in seinem Libyen hieß es, Anschläge auf israelische und amerikanische Flugzeuge seien nunmehr gerechtfertigt. Denn: »Die amerikanische Mittelmeerflotte hat erneut die jüdischen Piraten unterstützt.«

Zweifellos überwacht die U. S. Navy den libyschen Luftverkehr. Aber eine Zusammenarbeit mit Jerusalem wurde in Washington strikt dementiert. Das State Department ging sogar auf Distanz (siehe Seite 128). Doch im UN-Sicherheitsrat verhinderten die USA mit einem Veto, daß Israel für seinen Abfangakt international verurteilt wurde.

Israels Anti-Terror-Taktik löste weltweit Proteste aus, Kritik gegen die unbedachte Aktion regte sich auch in Israel selbst:

»Wir haben einen gefährlichen Präzedenzfall geschaffen«, klagte ein Minister. Andere monierten, es sei im Kabinett nie grundsätzlich debattiert worden, ob Entführungen von Terroristen erwünscht und sinnvoll seien. Minister und Ex-Luftwaffenchef Eser Weizman hätte »dagegen gestimmt«, wenn er gefragt worden wäre, denn »wir hätten uns die langfristigen Folgen dieses Beschlusses reiflicher überlegen müssen«.

Selbst die Zweckmäßigkeit einer eventuell erfolgreichen Intervention wird jetzt in Jerusalem bezweifelt: *___Zwar hätte einem geglückten Einsatz, wie 1976 in ____Entebbe, »die ganze Welt applaudiert«, glaubt ____Ex-Außenminister Abba Eban. *___Zwar hätte die Festnahme wichtiger Palästinenser-Führer ____deren zentralistisch aufgebauten Organisationen einen ____harten Schlag versetzt. *___Zwar könnte sogar der mißglückte Schlag vorbeugend ____wirken, indem er die Terrorgruppen in die Defensive ____drängt und ihre Chefs verunsichert.

Doch einer Festnahme der PLO-Prominenten wären sicherlich neue Anschläge und Freipressungsversuche gefolgt, um die Schmach zu rächen und Inhaftierte freizukämpfen. Für die liberale Zeitung »Haaretz« wäre deshalb »eine solche Entführung ein Israels Interessen abträglicher Pyrrhus-Sieg geworden«. _(Nach dem Verhör beim Abflug aus Israel. )

Nach dem Verhör beim Abflug aus Israel.

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