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China Verdächtige Tüten

Mit einer peinlichen Propagandaschau, deren Besuch als Pflicht gilt, suchen die Pekinger Machthaber ihr Juni-Massaker zu bewältigen.
aus DER SPIEGEL 37/1989

Von einem riesigen Plakat gegenüber dem Militärmuseum blicken ein Soldat und zwei Polizisten auf die Fuxingmen-Straße, heldenhaft und sozialistisch-realistisch eine lichte Zukunft suchend - Abbilder jener nach offizieller Lesart heroischen Uniformierten, die nicht weit von dem bunten Anschlag entfernt am 3. Juni ihren Vormarsch Richtung Tienanmen-Platz begannen, um den Pekinger Frühling mit Panzern niederzuwalzen.

Das Plakat mit den drei Kampfgenossen weist auf eine Ausstellung im Museum hin, wo der große Sieg der Armee dokumentiert wird - eine Propagandaschau über die »Niederschlagung der konterrevolutionären Unruhen«.

»Eiserne Beweise« der während des »konterrevolutionären Aufruhrs verübten Verbrechen« (Ausstellungsparole) sind auf dem Vorplatz des Museums aufgereiht: ausgebrannte Schützenpanzer, zu Barrikaden umfunktionierte Straßengitter, ein demolierter Krankenwagen sowie jener weiße Daihatsu, Pekinger Kennzeichen: F 1255, mit dem die Computerfirma Stone angeblich die Unruhen unterstützt hat. Das Gefährt, so der Text, diente einem ungenannten »Kopf« der Studenten als Transportmittel.

Im Museum sind Fotos von Demonstrationen zu sehen, ein blaues Suzuki-Moped, das von einem »Selbstmörderkommando« der Arbeiter verwendet wurde. Dazu selbstgebastelte Pistolen und sogar zwei Milchtüten der australischen Marke Anchor, mit denen dunkle ausländische Mächte die Besetzer des Tienanmen-Platzes unterstützt hätten. Und schließlich: Fotos getöteter Soldaten, zerbeulte Stahlhelme, blutige Hemden.

All dies ist der eher peinlich wirkende Versuch, die Bedrohung des Staates und der Partei zu belegen, den Beweis dafür zu liefern, daß ein Massaker notwendig war, um diese Gefahr für den chinesischen Sozialismus abzuwenden.

Dabei geben die Veranstalter den Besuchern Gelegenheit, sich erneut mit den Forderungen der aufrührerischen Studenten und Intellektuellen vertraut zu machen: In Schaukästen sind Flugblätter ("Freiheit und Demokratie") und Transparente der Pekinger kurzen Freiheit angehäuft - und vor ihnen drängen sich die meisten Zuschauer.

So ist etwa der Brief des Dissidenten und Astrophysikers Fang Lizhi an KP-Führer Deng Xiaoping abgebildet, in dem er für die Freilassung aller politischen Gefangenen plädierte. Das war, behaupten die Aussteller, ein »Zeichen für den Angriff auf die KP«.

Das Rätsel, wie eine »kleine Zahl« Konterrevolutionäre eine so große Zahl »unwissender Massen« über zwei Monate mit sich ziehen konnte, müssen die Besucher selbst lösen. Offen bleibt auch, wie viele Todesopfer es unter den Aufrührern gegeben hat. Laut Amnesty International waren es 1300 Zivilisten.

Dafür entlarvt das »mit Blut geschriebene Lehrbuch« (Pekinger Volkszeitung) den Ex-Generalsekretär der Partei, Zhao Ziyang, als einen der Hauptschuldigen an der Konterrevolution.

In einem Videofilm und auf Schrifttafeln heißt es, er habe »mit Absicht den Speer des Kampfes« auf Deng Xiaoping gerichtet, indem er dem sowjetischen Besucher Michail Gorbatschow anvertraute, Patriarch Deng müsse, statutenwidrig, vor allen wichtigen Entscheidungen der Partei konsultiert werden.

Der Film konstruiert auch eine optische Verbindung zwischen Zhao und den Demonstrationen: Eine Sequenz zeigt, wie er vom Dach der Großen Halle des Volkes die Tienanmen-Besetzer mit einem Fernglas beobachtet - der Anführer und seine Gefolgschaft.

Neben seinen Worten, die Proteste seien nicht gegen das System gerichtet, ein Foto des zerstörten Regierungsbüros der Provinz Shanxi und eine Tafel mit über 80 von den Unruhen erfaßten Städten - der Parteichef als Aufwiegler.

Die Ausstellung fügt sich nahtlos in die derzeitige kollektive Kopfwäsche in ganz China: In den Universitäten, deren Studenten nach ihrer Abschlußprüfung zur Austreibung liberaler Gedanken aufs Land müssen, lesen und diskutieren die Hochschüler in den meist einwöchigen Kursen Reden von Deng sowie die jüngsten Parteidokumente gegen den »bourgeoisen Liberalismus«. Dazu schreiben sie befehlsgemäß Selbstkritiken. Doch, so ein Sprachenstudent, »wir sagen, was sie hören wollen«.

Auch das nicht immer. Als in einer Pekinger Wirtschaftsfakultät ein Videofilm mit dem Dissidenten Fang Lizhi gezeigt wurde, gab es lauten Beifall. Als Ministerpräsident Li Peng zu sehen war, gellten Pfiffe. Strafe der Obrigkeit für die weiterhin aufmüpfigen Studenten: noch eine Woche Politunterricht.

Ungewohnte Schwierigkeiten haben die Behörden auch bei der Organisation der Massenveranstaltung zum Gründungstag der Republik am 1. Oktober auf dem Tienanmen-Platz. Jede Arbeitseinheit, so der Plan, soll 20 politisch zuverlässige Pekinger entsenden. Voraussetzung: Nichtteilnahme an den Demonstrationen zwischen April und Juni. Viele Einheiten mußten nach oben melden, so viele Nicht-Demonstranten ließen sich gar nicht finden.

Der Besuch der Ausstellung im Militärmuseum ist dagegen für die Pekinger zur Pflicht geworden. Sie werden in Bussen gebracht, nach ideologischer Erbauung dürfen sie sich an einem Stand mit »Hua du - fried chicken« stärken. Bislang wurden über 800 000 Menschen durchgeschleust. Wer von sich aus hingeht, bekommt die 25 Pfennig Eintrittsgeld vom Arbeitgeber zurück.

Der verlangt dafür den Beweis, daß die Botschaft, dem Staat sei gar nichts anderes übriggeblieben, als die Studentenunruhen mit Waffengewalt niederzuschlagen, richtig verstanden wurde.

Im Politunterricht sollen die Pekinger schildern, was sie im Museum am meisten beeindruckt hat. Das klingt dann laut Volkszeitung so: »Ich werde«, verspricht hintersinnig ein Mittelschüler, »die Märtyrer, die sich für die Revolution geopfert haben, nie vergessen.«

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