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LUFTFAHRT Verdammt gut

Nun wird es ernst mit dem überschallschnellen Fliegen. Drei große Luftfahrtgesellschaften wollen die »Concorde« fest bestellen. Die Lufthansa hält sich noch zurück.
aus DER SPIEGEL 52/1971

Gehet hin und verkauft sie ...«, so überschrieb vorletzte Woche die Londoner »Financial Times« ihren Bericht über den derzeitigen Stand der britisch-französischen »Concorde«-Entwicklung. Chefverkäufer und PR-Manager beider Nationen schwärmten aus.

Georges Pompidou warb für das Überschau-Zeitalter, als er am vorletzten Sonntag mit einer »Concorde« zum Währungspoker mit Richard Nixon auf die Azoren flog. Und Großbritanniens Minister für Handel und Industrie, John Davies, ließ keinen Zweifel aufkommen, daß die Zukunft der »Concorde« gesichert ist. Nach einem Probeflug versicherte Davies vorletzte Woche, die britische Regierung werde alles unternehmen, »der »Concorde' zu dem wirtschaftlichen Erfolg zu verhelfen, der einem solchen Projekt zukommt«.

So werden die Anrainer der Weltflughäfen nicht verschont bleiben von der Lärmbelästigung durch ein Flugzeug, für das in Wahrheit kein Bedarf besteht und das nun gegen die Proteste ernstzunehmender Umweltschützer finanziert und gebaut wird. Nach neunjähriger Entwicklungszeit, mit einem Kostenaufwand von nahezu neun Milliarden Mark und den Erfahrungen aus rund 700 Test-Flugstunden, haben Briten und Franzosen eine erste Preiskalkulation ausgearbeitet:

»Wir geben sie nicht mit einem Pfund Tee als Zugabe weg, doch ich denke, es ist ein verdammt guter Kauf.« So kommentierte Britanniens Luftfahrtminister Frederick Corfield den »Concorde«-Preis, auf den er sich mit seinem französischen Kollegen Jean Chamant geeinigt hatte: 31,2 Millionen Dollar (104 Millionen Mark) je Flugzeug.

Aber einschließlich der Ersatzteile und des notwendigen Wartungszubehörs werden die 16 Luftfahrtgesellschaften, die sich für bislang 74 »Concorde«-Flugzeuge unverbindliche Lieferpositionen gesichert haben, rund 125 Millionen Mark für jedes Exemplar bezahlen müssen. Der Preis des Flugzeugs liegt damit um nahezu 80 Millionen Mark über dem einst kalkulierten Stückpreis.

Trotz des rapiden Preisanstiegs sind die »Concorde«-Manager zuversichtlich. Schon in den nächsten Wochen, so erwarten sie, werden die ersten verbindlichen Kauf-Orders der Luftfahrtgesellschaften eintreffen: von BOAC, Air France und Pan Am. Erstmals 1974 werden »die drei Gesellschaften ihre Fluggäste mehr als doppelt schallschnell von Paris und London nach New York transportieren können.

Reisenden, die in Frankfurt oder Hamburg starten wollen, wird der Tages-Trip nach New York -- morgens hin, abends zurück -- vorerst noch versagt bleiben: Mit voller Nutzlast (125 Passagiere) kann die »Concorde« bislang noch nicht non-stop von Frankfurt nach New York fliegen.

So neigt die Lufthansa, die für drei »Concorde«-Jets optierte (auf relativ späten Lieferpositionen), vorerst zum Abwarten. Lufthansa-Direktor Professor Gerhard Höltje letzte Woche: »Der Preis ist hoch genug, wir sehen keinen Grund, uns vorzudrängeln.«

Inzwischen sind -- außer den Prototypen -- bereits zehn Exemplare der Serie im Bau, Material für weitere sechs ist bestellt. Insgesamt hoffen die »Concorde«-Manager bis 1978 rund 150 Flugzeuge verkaufen zu können.

Konkurrenz haben sie ohnehin kaum zu fürchten. Nachdem im Mai dieses Jahres der US-Kongreß die Subventionen zur Entwicklung des amerikanischen Überschall-Passagierflugzeugs Boeing 2707 stoppte, verbleibt vorerst nur der in Leistung und Aussehen der »Concorde« ähnliche Sowjet-Überschall-Jet »TU 144« auf dem Markt, der bei westlichen Luftfahrtgesellschaften kaum Anklang finden dürfte.

Die Amerikaner jedoch, so wurde letzte Woche deutlich, wollen den Europäern den Überschall-Markt nicht für alle Zeiten kampflos überlassen. So verhehlte US-Präsident Nixon, als er von dem überschallschnellen Anreiseflug seines Gesprächspartners Pompidou erfuhr, nicht seine Bewunderung. Nixon während einer Tischrede zu Pompidou: »Ich bin nicht neidisch -- aber ich wünschte, wir hätten das Flugzeug gebaut.«

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