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SALT-2 Verdammte Dinger

Die USA verschrotten zwei Atom-U-Boote und beachten damit vordergründig Salt-2. Tatsächlich schaffen sie sich aber Freiraum für die Entwicklung neuer strategischer Waffen. *
aus DER SPIEGEL 21/1986

Caspar Weinberger beschwor die Vergangenheit. »Aus kleinen deutschen Übertretungen«, erinnerte Weinberger, an die systematische Unterhöhlung der Versailler Verträge durch Hitler, »entstanden schließlich große deutsche Schlachtschiffe.«

Die historische Parallele steht in einer Geheimstudie, in der das Pentagon die sowjetischen Verletzungen des vom US-Senat zwar nicht ratifizierten, aber von den Supermächten weitgehend beachteten Salt-2-Abkommens aufgeführt hatte. Fazit des Weinberger-Reports: Ungeachtet ihrer Bedeutung im strategischen Gesamtkonzept solle jede sowjetische Salt-2-Übertretung mit einer amerikanischen beantwortet werden.

Fünf Monate lang stritten im Pentagon, im State Department und im Weißen Haus die Vertreter einer harten und einer weichen Linie erbittert über das Weinberger-Konzept. Mitte letzten Monats, am Tag nach dem US-Bombenüberfall auf Libyen, verkündete US-Präsident Reagan, er wolle sich vorerst an das Salt-2-Abkommen halten.

Reagan gab Order, mit der Verschrottung von zwei alten strategischen Poseidon-U-Booten zu beginnen, wenn am Dienstag kommender Woche das achte Boot der modernen »Ohio - Klasse« in den Atlantik vor der Küste des Bundesstaates Connecticut zur ersten Erprobungsfahrt ausläuft.

Die »Nevada« hat 24 »Trident«-Interkontinentalraketen (mit jeweils bis zu 15 Sprengköpfen) an Bord. Damit hätten die Vereinigten Staaten das Salt-2-Limit, das die Anzahl der Raketen mit Mehrfachsprengköpfen auf 1200 begrenzt, um 22 überschritten. Durch Reagans Verschrottungsbeschluß bleibt die nukleare Arithmetik jedoch ausgeglichen. War Reagan jäh unter die Abrüster gegangen?

Gewiß hatte die rüstungsnärrische Weinberger-Garde, unter ihr CIA-Chef William Casey und Abrüstungskontrolldirektor Kenneth Adelman, die gegen ein Verschrotten der Poseidon eingetreten waren, durch den Beschluß des Präsidenten eine Niederlage erlitten.

In Wahrheit allerdings erwies sich die Reagan-Order als listiger Schachzug, der etwaige weitere Aufrüstungspläne der Sowjets abblocken und auch den Pentagon-Etat entlasten soll.

Vor allem aber bescherte die Defacto-Einhaltung von Salt-2 den US-Aufrüstern, wie Englands »Economist« befand,ein wunderschönes nützliches und neues Argument, Entwicklung und Anhäufung neuer Waffen voranzutreiben, die den verabredeten Begrenzungen nicht geradewegs zuwiderlaufen«.

Die den Sowjets angelasteten Salt-2-Verletzungen waren nach Ansicht des demokratischen US-Abgeordneten Les Aspin zwar politisch insoweit bedeutsam gewesen, als sie die Stellung der amerikanischen Politiker unterminiert hätten, die sich für eine Rüstungsbegrenzung einsetzen »Militärisch gesehen aber«, so Aspin, »waren sie nicht einmal Hühnerfutter.«

Eine Salt-2-Mißachtung durch die Amerikaner hätte derzeit hauptsächlich den Sowjets Vorteile gebracht. Sie wären moralisch berechtigt gewesen, ihrerseits nach Kräften aufzurüsten. Denn deren Rüstungskapazität, Wissen US-Militärs und Geheimdienstler, ist bei Raketen größer als die der Amerikaner. Nach einer CIA-Schätzung könnte die Sowjet-Union innerhalb von zehn Jahren die Anzahl ihrer einsatzbereiten nuklearen Sprengköpfe von 12000 auf 21000 fast verdoppeln.

Die nun zur Verschrottung freigegebenen Poseidon-U-Boote hätten die amerikanische Marine auch sonst in Bedrängnis gebracht, wäre der Weinberger-Plan durchgeführt worden. Danach sollten die beiden Boote wohl ausgemustert, aber betriebsbereit gehalten werden. Anders als herkömmliche Kriegsschiffe, die irgendwo verpackt, vertäut und vergessen werden können, müssen atomar getriebene Boote auch im Ruhestand ständig bemannt bleiben.

Auf den beiden Poseidons hätten je 80 hochqualifizierte Nuklear-Ingenieure einen langweiligen Wartungsdienst versehen müssen. Viele von ihnen hätten, so die Erwartung und Erfahrung der Navy, abgemustert und den bei der US-Marine traditionellen Personalengpaß an Atomexperten verschärft.

Die Boote ins Trockendock zu legen, um die notwendigen Wartungscrews klein halten zu können, würde andererseits die Dockkapazität eingeschränkt haben. Da den Atomreaktoren der trockengelegten Poseidons ständig über einen Schlauch Kühlwasser zugeleitet werden muß, wäre diese Einlagerung

noch riskant gewesen: Bei Ausfall des Kühlwassers würde eine Kernschmelze heraufbeschworen werden.

Um die beiden Boote, wenn nötig, wieder zu entmotten, hätte die Navy je Boot 300 Millionen Dollar aufwenden müssen. »Die wahre Ursache, die Boote auszumustern«, erklärte denn auch ein Staatsbeamter im Weißen Haus sei weniger Salt-2 gewesen, sondern vielmehr: »Die verdammten Dinger hatten so gut wie ausgedient«

Der Entschluß fiel um so leichter als das Boot »Nathanael Greene« Anfang letzten Monats aus bislang unbekannter Ursache in der Irischen See auf Grund lief und dabei so schweren Schaden nahm, daß es abgewrackt werden muß.

Daß Weinberger sich offenbar ohne Murren dem Verschrottungsbeschluß fügte, ist deshalb nicht verwunderlich. Mit nun schon bewährter Technik machte Reagan seinem Rüstungschef die kleine Niederlage außerdem noch erträglich.

Der Präsident will die Produktion der mobilen Interkontinentalrakete »Midgetman« beschleunigen und gab zudem eine Studie in Auftrag, die klären soll, ob die bislang nur mit einem Sprengkopf geplante »Midgetman« sich zu einem vielköpfigen Monster ausbauen ("mirven") läßt.

Eine gemirvte »Midgetman« aber wäre für den Hochrüster Weinberger eine überzogene Antwort auf die jüngst installierten mobilen Sowjet-Raketen vom Typ SS-25, die nur einen Sprengkopf haben, deren Entwicklung das Pentagon aber als Verstoß gegen Salt-2 einstuft.

Bevor allerdings eine »Midgetman« den ersten Probeflug absolviert, steht eine neue Bewährungsprobe für Salt-2 an. Ende dieses Jahres wird der 130, mit atomaren Sprengköpfen ausgerüsteten Marschflugkörpern modernisierte B-52-Bomber an die Air Force ausgeliefert. Damit erreichen die USA eine weitere Vertragsschwelle: Die Salt-2-Obergrenze für Langstreckenbomber mit Cruise Missiles, U-Boot- und landgestützten Interkontinentalraketen (jeweils mit Mehrfachsprengköpfen) liegt bei 1320.

Doch da die Produktion des neuen Langstreckenbombers B-1 und das Modernisierungsprogramm der B-52 auf vollen Touren läuft, halten Salt-2-Gegner die Verschrottung der beiden Poseidon-Boote für nicht tragisch - im Gegenteil. Für sie ist der Abwrackbeschluß eher ein Hinweis darauf, daß Reagan, wie »Time« meldete, spätestens »kommenden Dezember die Rüstungsvereinbarung brechen wird«.

Davon unterrichtete Reagan auch schon die Staats- und Regierungschefs; die am Weltwirtschaftsgipfel in Tokio teilnahmen. Die Alliierten, die einen ungebremsten. Rüstungsweltlauf fürchten, widersprachen - vergebens. Reagan sagte nur zu, ihre Bedenken »in Erwägung« zu ziehen.

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