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AUSZEICHNUNGEN Verdienter Kalk

aus DER SPIEGEL 42/1960

Im »Nassauer Hof« zu Wiesbaden hatten sich am Mittwoch vorletzter Woche prominente Mitglieder des »Bundesverbands der Deutschen Kalkindustrie e.V.« zu einer Feierstunde eingefunden, in der Hessens Ministerpräsident Georg-August Zinn dem Kalkindustriellen Wilhelm Schaefer aus Diez an der Lahn das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik um den Hals hängte und in einer Ansprache die Taten dieses verdienten Unternehmers würdigte.

Vor der Feierstunde waren die Kalkleute mit einer ungewöhnlichen Bitte an den Wiesbadener Regierungschef herangetreten. Er solle in seiner Rede nichts darüber verlauten lassen, warum ausgerechnet er, Zinn, als hessischer Ministerpräsident dem rheinland-pfälzischen Kalkunternehmer den Bundesorden verleihe und nicht der eigentlich dafür zuständige Chef der Mainzer Regierung, Peter Altmeier.

Als nämlich im Februar dieses Jahres die Kalkwerke Johann Schaefer im rheinland-pfälzischen Diez zur Feier ihres hundertjährigen Jubiläums rüsteten, hatte der in Köln ansässige Kalkverband die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes für sein Vorstands- und Beiratsmitglied Wilhelm Schaefer beim rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Altmeier beantragt.

»Die deutsche Kalkindustrie«, schrieb der Kalkverband an Altmeier, »sieht in Herrn Schaefer in jeder Beziehung einen Pionier des technischen, wirtschaftlichen und sozialen Fortschritts und beantragt deshalb die Würdigung seiner großen Verdienste für die Allgemeinheit durch die Verleihung des Großen Verdienstkreuzes des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.«

Nun wäre der Bundesorden dem Wilhelm Schaefer gewiß auch bereits am 28. April 1960 - seinem 70. Geburtstag, an dem gleichzeitig die Jubiläumsfeierlichkeiten der Firma stattfinden sollten

- verliehen worden, hätte Landesvater

Altmeier in dem Lebenslauf des Jubilars nicht etwas Anstößiges entdeckt:

Wilhelm Schaefer ist Mitbegründer und Vorsitzender des »Heimatbundes Hessen-Nassau«, einer Bürgervereinigung im rheinland-pfälzischen Nordosten, die - im Rahmen der Neugliederung der Bundesländer - eine Loslösung ihrer Heimatprovinz, des heutigen Regierungsbezirks Montabaur, von Rheinland-Pfalz und deren Anschluß an Hessen anstrebt. Montabaur gehörte schon vor der Gründung des Retortenlandes Rheinland-Pfalz zum Land Hessen.

Ob solcher landesverräterischen Betätigung des Diezer Unternehmers konnte Altmeier sich nicht dazu verstehen, den Verdienstkreuz-Antrag des Kölner Kalkverbands an den Bundespräsidenten weiterzuleiten. Er sandte vielmehr den Vorsitzenden der Vereinigung mittelrheinischer Unternehmerverbände in Koblenz, den Herdorfer Hüttendirektor Berndt, als Emissär nach Diez.

Bei einem Glas Wein eröffnete Berndt dem Wilhelm Schaefer: Wenn er (Schaefer) sich mit seiner Tätigkeit beim Heimatbund etwas mehr zurückhalte, werde es dem Ministerpräsidenten Altmeier bestimmt viel leichter fallen, den Antrag des Kalkverbandes in Bonn zu befürworten. So erpicht war nun freilich der Heimatbund-Vorsitzende auf den Orden auch wieder nicht. Seine Antwort: »Daß ich mir mein Gewissen nicht abkaufen lasse, werden Sie doch verstehen.«

Der Erfolg dieses Schaefer-Wortes: Der Bundesverband der deutschen Kalkindustrie wartet heute noch auf die offizielle Beantwortung seines am 12. Februar gestellten Ordensantrags durch die Mainzer Regierung. Nur durch inoffizielle Kanäle drangen Informationen über den Fortgang der Angelegenheit nach Köln.

Kalkverbands-Geschäftsführer Dr. Paul Alff: »Nach einigem Hin und Her wurde uns unter Anspielung auf die politische Betätigung Schaefers bedeutet, daß unser Antrag abgelehnt worden sei. Natürlich fragten sich die Herren unseres Verbandes, was die Verleihung eines Bundesverdienstkreuzes an einen Industriellen wohl mit dessen politischer Haltung zu tun haben soll ... Uns allen war klar, daß da etwas getan werden müsse. Schließlich erinnerten wir uns, daß Herr Schaefer ja noch mit einem Bein in Hessen steht.«

Das eine Bein Schaefers steht, vier Kilometer von seinem Heimat- und Wohnort Diez entfernt, am Stadtrand

von Limburg auf hessischem Boden. Es ist das Bürogebäude des Kalkwerks Limburg, der kleineren der zwei Schaefer-Fabriken: Mitten durch das Fabrikgebäude hindurch verläuft die Grenze zwischen Hessen und Rheinland-Pfalz. Nur der Schaefersche Kalkbruch gehört ins Rheinland-Pfälzische.

Die Ausdehnung der Schaefer-Besitzungen ins Hessenland brachte den Kalkverbands -Geschäftsführer Alff drei Wochen vor dem Geburtstag des Wilhelm Schaefer auf einen Gedanken, wie er die Altmeierschen Widerstände umgehen könne: Da Schaefer

nicht immer in seiner Diezer Wohnung, sondern bisweilen auch im Büro seines Limburger Zweigwerks übernachte, so kombinierte der Kalkvertreter schlüssig, habe er (Schaefer) zweifellos auf hessischem Territorium seinen,

zweiten Wohnsitz.

Geschäftsführer Alff bat alsdann den Ministerpräsidenten Zinn dem Hessen Schaefer zu geben, was dem Rheinland-Pfälzer Schaefer versagt geblieben- war, und sandte den gleichen Ordensantrag, der vorher schon nach Maifiz gegangen war, ein zweites Mal ein: diesmal an die Wiesbadener Staatskanzlei.

Den Mainzern blieb die Ausweichaktion derweil keineswegs verborgen. Altmeiers CDU-Abgeordnete vermuteten im Landtag, das Bundespräsidialamt werde den Georg-August Zinn mit seinem Antrag sicherlich abblitzen lassen. In dem Glauben, dem für die Verkleinerung des kleinen Bundesländchens eintretenden Kalkindustriellen werde auf diese Weise die dekorative Auszeichnung versagt bleiben, verwetteten sie sogar mehrere Flaschen Sekt gegen ihre Kollegen von der SPD-Opposition.

Indes, die Parteifreunde Altmeiers haben ihre Sekt-Wette verloren: Genau fünf Monate nach dem Kalkwerk-Jubiläum wurde dem Kalkpionier Schaefer in einem fremden Land die Ehrung zuteil, die man ihm daheim verwehrt hatte.

Industrieller Schaefer (M.), Zinn (r.)*: Orden aus Nachbars Land

* Links: Hessischer Staatssekretär Bach.

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