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SPANIEN »Vereinzelte Flecken«

Regierung und Behörden haben die Ölpest vor Galicien schlicht verschlafen - umso größer ist nun der Schaden.
aus DER SPIEGEL 49/2002

Er hätte auf seinen alten Gönner hören sollen. »Wer nicht jagen kann, soll zu Hause bleiben«, hatte einst der spanische Diktator Francisco Franco seinem Minister für Information und Tourismus barsch empfohlen. Damals hatte der junge Manuel Fraga Iribarne, gebürtig in der galicischen Heimat des Caudillo, der Tochter des Generalísimo ins Hinterteil geschossen.

Doch Fraga kann das Jagen nicht lassen. Am Wochenende vor seinem 80. Geburtstag, ausgerechnet als das Öl aus dem vor der Costa da Morte leckgeschlagenen Tanker »Prestige« die galicische Küste erreichte, ging der Landesvater wieder einmal auf die Pirsch - fern von der Heimat, in Aranjuez. Er sei nicht mehr in der Lage, die Geschicke Galiciens zu bestimmen, befand daher empört die Opposition im regionalen Parlament und verlangte Fragas Rücktritt. Doch der alte Haudegen, Gründungsvater der konservativen Volkspartei, meinte nur, wer ihn zur Strecke bringen wolle, »muss besser zielen«.

Mag sein, dass der gerissene Greis auch diese Krise aussitzt. Die Gallegos jedenfalls, die den Patriarchen viermal mit großer Mehrheit ins Amt des Präsidenten der Landesregierung getragen hatten, fühlen sich jetzt im Stich gelassen. Seit der Havarie des Billigflaggenpotts am 13. November und seinem Untergang sechs Tage später rund 250 Kilometer vor dem Kap Finisterre hat stinkendes zähflüssiges Schweröl schon an die 600 Kilometer Küste bis hinauf nach Asturien verseucht. Die Hälfte der 14 000 Fischer und ein Sechstel der fast 6000 Muschelsammler in Galicien haben ihre Existenz verloren. Doch die Behörden kümmern sich nur sehr lax um ihre Nöte.

Umweltminister Jaume Matas kam erst am achten Tag der Katastrophe aus der Hauptstadt angeflogen. Ihm zu Ehren wurde ein Trüppchen Marinesoldaten mit Spaten und Kübeln zur Reinigung der vom Minister besuchten Bucht abgestellt. Als er mittags wieder verschwand, durften die Soldaten die Säuberung einstellen.

Landesvater Fraga zeigte sich gar noch später in den verseuchten Fischerdörfern. Dort versprach er, im Haushalt des kommenden Jahres 60 Millionen Euro für die Beseitigung der Schäden bereitzustellen. Vorschnell beruhigte er die Fischer: Die verbliebene Ölladung werde auf dem kühlen Meeresgrund verklumpen. Dass die besorgten Nachbarn in Portugal und Frankreich auf Satellitenbildern von der Untergangsstelle nachwiesen, dass aus dem Wrack weiter Öl auslief, wurde offiziell bestritten: Für die Behörden war das angeblich nur Altöl des Tankers.

Die Regierung habe »weder informiert noch zu reagieren gewusst«, kritisierte der Generalsekretär der Sozialisten, José Luis Rodríguez Zapatero, das Kompetenzchaos. Den Regierungschef in Madrid forderte er auf, endlich Antworten auf die Krise zu geben: »Man erwartet Sie in Galicien, Herr Aznar.« Mit ihrer absoluten Mehrheit verhinderte die Volkspartei, dass ein Untersuchungsausschuss im spanischen Parlament das fragwürdige Krisenmanagement näher beleuchtet.

Der Tankerunfall traf die Spanier völlig unvorbereitet. Und das, obwohl 70 Prozent des Seetransports von Erdöl in der Europäischen Union an Galicien vorbeigeschleust werden. Jährlich passieren bis zu 1400 mit Gefahrgut beladene Schiffe hier die Küste. Aus den drei schweren Ölkatastrophen seit 1976 - zuletzt vor zehn Jahren, als die »Aegean Sea«, Eigentum desselben griechischen Reeders wie die »Prestige«, im Hafen von La Coruña auseinander brach - haben die Verantwortlichen nicht gelernt.

Weder wurden Krisenpläne erarbeitet, noch wurde Personal für Umweltkatastrophen ausgebildet. Material zur Bekämpfung ausgetretenen Brennstoffs, ebenso wie Absaugmaschinen, Spezialschiffe und hochseetaugliche Ölsperren fehlen.

Ende vergangener Woche trieb ein Ölteppich bei Windstärken bis 7 aus West auf Galicien zu, der fast dreimal so groß wie Hamburg war. Das bestritt Vizepremier Mariano Rajoy indes entschieden: Es handele sich nur um kleinere »vereinzelte Ölflecken«.

Folgerichtig leugnete der Gallego, der gern Aznar als Spitzenkandidat bei den nächsten Wahlen nachfolgen will, dass seine Heimat eine »Ölpest« erleide. Selbst als Chef des ressortübergreifenden Krisenstabs mochte er lediglich von einem »komplizierten Thema« reden und behauptete, die Rettungsmaßnahmen funktionierten »vernünftig und gut«.

Derlei Beschönigungen wirft Ezequiel Navío vom World Wild Fund for Nature (WWF) der spanischen Regierung als Versagen vor. Die Verantwortlichen hätten die Gefahr heruntergespielt und die Bevölkerung mit Desinformation verwirrt. »Bei einer Ölpest«, so Navío, 38, der seit 1991 weltweit als Leiter der Rettungsaktionen des WWF bei Verseuchung durch Brennstoffe im Einsatz ist, »muss man so schnell handeln wie bei einem Waldbrand.«

Doch viel kostbare Zeit verstrich, bis Madrid endlich mit Absaugpumpen für Schweröl ausgestattete Spezialschiffe von ausländischen Staaten anforderte. Die deutsche »Neuwerk« traf so erst Anfang voriger Woche ein, konnte aber zunächst wegen hoher Wellen nicht arbeiten.

»Es war fahrlässig von der Regierung, nur den 'best case' anzunehmen«, schimpft der WWF-Experte. So wurden die ersten zur Reinigung eingesetzten 150 Soldaten in Uniform an die verschmutzten Strände geschickt - im Linienbus. Dass die schwarz glänzende Puddingmasse hochgradig schwefelhaltig ist, verschwiegen die Behörden zunächst. Deshalb hatten verzweifelte Fischer begonnen, den toxischen Brei mit bloßen Händen wegzuräumen. Erst später wurden die Helfer immerhin aufgefordert, Brillen, Masken, Schutzanzüge und Handschuhe selbst mitzubringen.

Ministerpräsident José Maria Aznar richtete unterdessen Schadensersatzforderungen an alle Staaten, die mit dem Unglücksschiff in Berührung gekommen waren. Beim EU-Gipfel in Kopenhagen Mitte Dezember wünscht er über eine Verlegung des Schiffskorridors und ein schnelleres Verbot von Ein-Hüllen-Tankern zu debattieren. Seit vergangenem Mittwoch, so verabredete Aznar mit dem französischen Präsidenten Jacques Chirac, wollen beide Länder alle unsicheren Gefahrguttransporter aus ihrer 200-Meilen-Hoheitszone verbannen.

Die neue Wachsamkeit könnte alsbald auf die Probe gestellt werden: Aus Estland sollte zum Ende der Woche der Öltanker »Byzantio«, 26 Jahre alt, mit 53 000 Tonnen Schweröl in Richtung EU-Gewässer auslaufen. Er ist von der gleichen Schweizer Firma gechartert wie der Unglückstanker »Prestige«. HELENE ZUBER

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