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JAPAN Verfall der Sitten

Der Ölmangel trifft Japan härter als andere Industrienationen.
aus DER SPIEGEL 31/1979

In den städtischen Krematorien der japanischen Präfektur Osaka bleiben Leichen liegen weil nicht mehr genügend öl für die Verbrennungsöfen geliefert wird.

Verwaltungsbeamte der Stadt Osaka gehen bei Heizölhändlern und Tankstellenpächtern betteln, um auch nur kleine Mengen von hundert Litern, die ungefähr für jede Einäscherung benötigt werden, aufzutreiben.

Aus Spritmangel müssen 200 Fischkutter einen Tag jede Woche in der Bucht von Tokio zwangsdümpeln. Vier Fünftel der rund 57 000 Tankstellen in Japan machen an Sonn- und Feiertagen freiwillig dicht.

»Wenn wir das rund ein Jahr lang beibehalten, dann haben wir bis zu 700 000 Tonnen Benzin gespart«, freut sich Kazuo Kaneko, Energieexperte im Ministerium für Internationalen Handel und Industrie.

Die konsumverwöhnten Japaner sind seit Beginn der neuen Ölkrise mehr als andere westliche Industrienationen darauf angewiesen, den Energieverbrauch zu drosseln. Keiner der vergleichbaren Industriestaaten ist so abhängig von Ölimporten wie Japan.

Die Japaner müssen ihren gesamten Ölbedarf durch Einfuhren decken. Und der Anteil des Öls am gesamten Energieverbrauch ist überaus groß: über 72 Prozent. In der Bundesrepublik hat das Öl dagegen nur einen Anteil von 52 Prozent an allen Primärenergieträgern, in den Vereinigten Staaten sogar nur 47 Prozent.

Zudem ist in Japan das Öl mehr als in den anderen hochentwickelten Staaten der Schmierstoff für die industrielle Wachstumsmaschine. Nippons Industrie verbraucht über 54 Prozent des Öls -- in der Bundesrepublik wie in den USA fließen nur knapp 30 Prozent in die Industrie.

Das Dilemma, in dem Japans Wirtschaftsmanager stecken, ist denn auch besonders groß. Kappen sie den Ölverbrauch drastisch, gefährden sie das gerade mühsam wieder auf Touren gebrachte Wirtschaftswachstum -- und damit auch die Weltkonjunktur.

»Wir können den Ölverbrauch nicht drastisch einschränken«, bekennt Masumi Esaki, Minister für Internationalen Handel und Industrie, »weil wir unseren Handelspartnern versprochen haben, die Wirtschaft weiter anzukurbeln.«

Weniger aus Rücksicht auf die Interessen der Partnerstaaten allerdings als vielmehr aus Furcht vor einem Wirtschaftschaos im eigenen Lande wollen Japans Industriestrategen dafür sorgen, daß Öl nicht noch knapper wird.

Schon in den drei Monaten April, Mai und Juni lieferten die Ölmultis wie Exxon und Shell, Gulf, Mobil und BP den Japanern fast ein Viertel weniger Rohöl als ursprünglich vorgesehen. Und die Lücke wird, fürchten Energieexperten, womöglich noch größer.

Für die Japaner rächt es sich jetzt, daß die Regierungen sich in der Vergangenheit stets gegen ausländische Investitionen im Raffinerie- und Verteilungsgeschäft gesperrt hatten. Von den 38 Raffinerie- und Ölhandelsgesellschaften gehören nur drei ausländischen Konzernen -- Shell, Mobil und Exxon. Doch keine einzige von diesen dreien zählt zu dem halben Dutzend großen Unternehmen, die den japanischen Markt beherrschen. Die Regierungsökonomen waren lange darauf aus, daß durch scharfen Wettbewerb möglichst vieler unabhängiger Gesellschaften die Exportindustrien wie Automobilbau, Stahlwerke und Werften so billig wie möglich ans Öl kamen.

Doch jetzt in der Krise erwiesen sich die japanischen Raffinerien als zu schwach, um im großen Weltmarkt-Poker um Preise und Mengen so richtig mithalten zu können. Und Japans mächtige Handelshäuser, die im letzten Fiskaljahr immerhin über ein Viertel der japanischen Öleinfuhren abwickelten, handelten häufig nicht eben im Interesse der Nation.

Als der Iran seinen nach der Revolution verhängten Lieferstopp lockerte und den Japanern wieder Öl verkaufte, zogen es manche Handelshäuser vor, berichten Insider, den wertvollen Rohstoff lieber auf den Spotmärkten von Rotterdam und Singapur zu Rekordpreisen zu verhökern, als den heimischen Markt zu beliefern.

Kein Wunder, daß Tokios Regierung unter Premierminister Masayoshi Ohira den Ölmultis und heimischen Händlern gleichermaßen mißtraut. Sie versucht nun, das Ölgeschäft auf eigene Faust zu betreiben. Fast gleichzeitig schwärmten Minister und Beamte in die Ölförderländer aus, um direkte Regierungskontrakte über langfristige Lieferungen nach Japan auszuhandeln.

Außenminister Sunao Sonoda reiste nach Nigeria, Außenhandels- und Industrieminister Masumi Esaki flog nach Saudi-Arabien, in die Vereinigten Arabischen Emirate, nach Kuweit und in den Irak. Naohiro Amaya, Chef des Amtes für Rohstoffe und Energie, sprach in Mexiko vor.

Als Gegenleistung für eine sichere Ölzukunft bieten die Japaner viel Geld und industrielles Know-how. So macht sich Tokios Regierung dafür stark, daß der Mitsubishi-Konzern den Saudis, mit einem Anteil von fast 30 Prozent Japans wichtigster Öllieferant, einen Petrochemie-Komplex im Wert von rund 1,6 Milliarden Dollar hinsetzt -- gegen teilweise Bezahlung in Öl.

Für gutes Verhandlungsklima in Mexiko sorgte ein 125-Millionen Dollar-Kredit, den 16 japanische Banken gerade mit der staatlichen Ölgesellschaft Pemex vereinbarten. Ein 500-Millionen-Dollar-Kredit als Vorauszahlung für angestrebte Öllieferungen soll als zusätzlicher Köder dienen.

Zu derlei Kreditgeschäften hatten die Japaner schon nach der ersten Ölkrise 1973 die Indonesier überredet. Gegen einen 400-Millionen-Dollar-Kredit sicherte Jakarta Japan zu, über zehn Jahre verteilt 58 Millionen Tonnen Öl zu liefern. Jetzt schossen die Japaner noch einmal 160 Millionen Dollar -- für die Ölsuche mit Hilfe japanischer Firmen -- nach. Werden die Unternehmen fündig, wird Indonesien die Schulden mit Öl begleichen.

Aufs Öl allein mögen aber auch die Japaner nicht mehr bauen. Fast zwölf Milliarden Dollar (21 Milliarden Mark) will die Regierung bis 1990 ausgeben, um neue Energiequellen zu entwickeln. »Japans Apollo-Programm«, frohlockte die Zeitung »Asahi Shimbun« in Anspielung auf das Weltraumprogramm, das den ersten Amerikaner auf den Mond brachte.

Vorerst aber mussen die Japaner

noch um ihre Ölversorgung bangen. Buchstäblich am eigenen Leib sollen die Manager des Landes den Ernst der Lage erfahren. »Ich habe«, verriet Toshio Doko, 82, Präsident des mächtigen Industrieverbandes Keidanren, »meinen Kollegen gesagt, sie sollten in den Büros auf Krawatte und Jackett verzichten.« Der Freizeit-Look in den Büros soll Energie sparen: Auch an schwülheißen Tagen können so die Klimaanlagen gedrosselt laufen. Solcher Verfall der Kleidungssitten wiegt im so sehr auf Etikette bedachten Japan besonders schwer.

Der Ölmangel bewirkt womöglich gar, was nicht einmal Japans starke Gewerkschaften schafften: die Regierung erwägt, die Fünf-Tage-Woche für Behörden und Banken einzuführen.

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