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Verfolgt, verjagt, vergast

aus DER SPIEGEL 15/1991

Gäbe es einen Staat Kurdistan in dem Gebiet, auf dem die indogermanischen Kurden, eines der ältesten Völker der Erde, seit 3000 Jahren ihre Kultur und Zivilisation pflegen, wäre dieser in Westasien die drittgrößte Nation nach den Arabern und Türken.

Als einziges Land der Region hätte Kurdistan Wasser und Öl im Überfluß: Die Quellen von Euphrat und Tigris gehörten ebenso dazu wie der Löwenanteil des irakischen Öls.

Aber diesen Staat gab es nie. Die Welt des 20. Jahrhunderts spricht von der Verfolgung »nationaler Minderheiten«, wenn die zwölf Millionen Kurden in der Türkei, die fünf Millionen in Iran, die vier Millionen im Irak und die eine Million in Syrien getötet, verfolgt, verjagt, vergast oder ihrer Identität beraubt werden.

Ebenso wie die Armenier, die das Christentum annahmen, siedelten die im 7. Jahrhundert zum Islam bekehrten Kurden schon über zwei Jahrtausende in weitgehend identischen Regionen, als Türken und Mongolen in ihre gebirgigen Stammesgebiete einfielen. Ihr größter Sohn war Sultan Saladin, der 1187 Jerusalem eroberte.

Mit den Osmanen schlossen die kurdischen Fürsten 1515 einen Pakt - Autonomie gegen Soldaten. Das Abkommen sicherte ihnen 300 Jahre ein friedliches Zusammenleben.

Damit war es vorbei, als kurdische Führer Anfang des 19. Jahrhunderts vom Nationalstaaten-Virus der Französischen Revolution angesteckt wurden. Doch endgültig begann der Leidensweg der Kurden 1918 nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reichs, das im Ersten Weltkrieg an der Seite des Deutschen Reichs gekämpft hatte.

Dabei waren die Kurden in ihrer langen Geschichte dem Traum vom eigenen Staat nie näher als damals. Im Vertrag von Sevres versprachen die Siegermächte 1920 den Kurden Autonomie, den Armeniern, den Opfern des ersten Genozids dieses Jahrhunderts, gar die Unabhängigkeit.

Beide Völker wurden betrogen, im Vertrag von Lausanne 1923 war von ihnen keine Rede mehr. Die Briten zogen es vor, die kurdischen Erdölregionen Kirkuk und Mosul ihrem Mandatsgebiet Irak einzuverleiben, die Franzosen vergaßen die Kurden in ihrem Mandatsgebiet Syrien ebenfalls, und Resa Schah in Iran sowie Kemal Atatürk, der Gründer der Türkei auf den Restbeständen des Osmanenreiches, machten sich ans Niederschlagen kurdischer Aufstände.

Bis auf den heutigen Tag sind die türkischen Kurden ein gedemütigtes, von mörderischen Armee- und Gendarmerie-Aktionen gepeinigtes Volk. »Bergtürken« hießen sie offiziell, ihre Sprache war verboten, bis Präsident Turgut Özal jüngst, mitten im Golfkrieg, Verbesserungen in Aussicht stellte.

Seit die Kurden auf fünf Staaten aufgeteilt sind, dienen sie als Spielball fremder Mächte. Sie suchten oftmals im Ausland Hilfe und mußten dafür bluten.

Mit sowjetischer Unterstützung errichteten sie nach dem Zweiten Weltkrieg die Republik Mahabad. Sie wurde 1946 im besetzten Iran gegründet und im selben Jahr wieder zerschlagen. Mit Hilfe des Irak erhoben sich die iranischen Kurden 1979 gegen das Chomeini-Regime, die Revolutionswächter metzelten den Aufruhr nieder.

Bei den zahlreichen Kurden-Aufständen im Irak wiederum mischte der Iran häufig mit - und beim Kurdenkrieg 1975 waren auch die Amerikaner mit von der Partie, die dem legendären Führer Mustafa el-Barsani Unterstützung zugesagt hatten. Als der Schah jedoch in jenem Jahr gegen den Irak seine Grenzansprüche am Schatt el-Arab durchsetzen konnte, ließ Washington die Kurden fallen. Bagdad nahm furchtbare Rache mit Napalmbomben, 300 000 Kurden flohen nach Iran.

Vom Beginn des jetzigen Baath-Regimes 1968 bis zum Anfang des Golfkriegs, schätzt die Gesellschaft für bedrohte Völker, sind im Irak 200 000 Kurden umgebracht worden.

5000 Dörfer im Norden wurden zerstört, unzählige Kurden in den Süden deportiert aus Rache dafür, daß irakische Kurden sich im iranisch-irakischen Krieg von Iran aufwiegeln ließen. Dasselbe hatte der Irak mit iranischen Kurden getan, weshalb auch sie neuerlichen Verfolgungen ausgesetzt waren.

Der Golfkrieg zur Befreiung von 680 000 Kuweitern stürzte vier Millionen irakische Kurden in den Abgrund. Für die über 20 Millionen in Kurdistan hat der Krieg eines ihrer ältesten Sprichwörter wieder einmal bestätigt: »Die Kurden haben keine Freunde.«

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