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GROSSBRITANNIEN Vergangene Kriege

Mit einstweiligen Verfügungen und Drohungen gegenüber dem Buchhandel will der Pressemagnat Robert Maxwell zwei nicht autorisierte Biographien unterdrücken. *
aus DER SPIEGEL 13/1988

Wenn jemand es vom barfüßigen Bauernjungen aus den Karpaten zum internationalen Medien-Millionär gebracht hat, dann sollte er - verdammt noch mal - Anspruch auf eine maßgeschneiderte Biographie zu seinem 65. Geburtstag haben.

So denkt jedenfalls der britische Zeitungs-Tycoon Robert Maxwell, der diesen Geburtstag am 10. Juni feiert. Er stellte deshalb den Chefredakteur für Politik seiner »Mirror Group Newspapers«, Joe Haines, vom täglichen Routinegeschäft frei, überließ ihm aus seinem umfangreichen Privatarchiv 47 000 Briefe, 248 Festvorträge von Freunden sowie dreieinhalb Zentner Zeitungsausschnitte: Nun schreib mal schön.

Haines schrieb sechs Monate lang. Der Chef war mit dem Ergebnis zufrieden. Maxwell brachte Haines'' 540-Seiten-Werk »Maxwell« im Februar im hauseigenen Macdonald-Verlag heraus. In seinen Massenblättern »Daily Mirror« und »Sunday Mirror« ließ er Auszüge aus der »autorisierten Biographie« veröffentlichen, für deren Promotion er 750 000 Pfund bereitstellte.

»Geboren als Tscheche, in Ungarn als Spion verhaftet, zweimal mit zwei verschiedenen Armeen als Soldat in Frankreich«, werben Zeitungsanzeigen für das Buch, »lest die Wahrheit über Maxwell, einen der bemerkenswertesten Männer unserer Zeit.«

Ein so bemerkenswerter Zeitgenosse zieht natürlich auch unautorisierte Schreiberlinge an. Neben seinem Angestellten Haines schrieben auch der BBC-Mitarbeiter Tom Bower und die ehemaligen Maxwell-Manager Peter Thompson und Anthony Delano Bücher über den Großunternehmer. _(Joe Haines: »Maxwell«. Macdonald, ) _(London; 540 Seiten; 12,95 Pfund. Tom ) _(Bower: »Maxwell, The Outsider«. Aurum ) _(Press, London; 384 Seiten; 12,95 Pfund. ) _(Peter Thompson and Anthony Delano: ) _("Maxwell, A Portrait Of Power«. Bantam ) _(Press, London; 256 Seiten; 12,95 Pfund. )

Der aber hat gern alles unter Kontrolle und versuchte deshalb, Bowers und Thompsons/Delanos »nicht autorisierte« Biographien per einstweiliger Verfügung vom Markt zu halten. Maxwells Begründung: Die beiden Bücher enthielten insgesamt 35 Verleumdungen oder Verunglimpfungen.

Maxwell scheiterte mit den einstweiligen Verfügungen und begann daraufhin, eine »battle of the books« ("Daily Telegraph"), die das New Yorker »Wall Street Journal« an »Londons vergangene Pressekriege« erinnert:

Durch seine Anwälte forderte Maxwell Großbritanniens Buchhändler auf, die beiden nicht autorisierten Biographien nicht mehr anzubieten. Er wolle nämlich ihre Autoren verklagen und behalte sich das Recht vor, auch gegen Verbreiter der beiden Bücher gerichtlich vorzugehen. Zum erstenmal in der britischen Geschichte bedrohte jemand Geschäftsleute, weil sie ein legal veröffentlichtes Buch verkaufen.

Es ist daher höchst unwahrscheinlich, daß Gerichte gegen die Buchhändler entscheiden. Dennoch stoppten die W.-H.-Smith-Kette (mit 350 Niederlassungen das größte Unternehmen der Branche) und Buchhandlungen wie Hatchard den Verkauf der Maxwell-Biographien. Sie fürchten um ihre Verträge über den Vertrieb von Maxwell-Zeitungen und -Büchern. »Tyrannen«, kommentierte der Londoner »Independent«, »leben von der Feigheit ihrer Opfer.«

Tapferer verhielt sich die Buchhandelskette Blackwell in Oxford, die - nun erst recht - die unliebsamen Maxwell-Lebensläufe in die Auslagen packte. Chris Payne im Londoner Stadtteil Chiswick hängte Vergrößerungen des Drohbriefs von Maxwell ins Fenster seines Buchladens und pappte Aufkleber auf die Bower- und Thompson/Delano-Bücher: »The book Maxwell tried to ban«.

Die angeblichen Verunglimpfungen in den Büchern, die er verboten haben möchte, hat Maxwell bislang nicht spezifiziert. Deshalb ist das Publikum auf Mutmaßungen angewiesen. In der Biographie von Thompson/Delano ärgern Maxwell sicher solche Stellen: *___Die Königin, der Maxwell einmal jovial auf die Schulter ____geklopft habe, »nannte einen ihrer Cockerspaniel ____''Maxwell'', weil der Hund laut und energiegeladen war«. *___Maxwell hasse nach eigenen Worten »zwei Dinge im Leben ____- Steuern und Deutsche«. Nach Telephonaten mit ____Deutschland habe er oft »fucking krauts« geschimpft, ____eine Angewohnheit, die seine Söhne übernommen hätten.

Im Bower-Buch verdrießen den eitlen Tycoon wahrscheinlich Beschreibungen

von Maxwellschen Geschäften in den Nachkriegsjahren. Da gingen Chemikalien aus England für eine Ladung Porzellan, Glas und Textilien in die DDR. Die DDR-Produkte wurden nach Argentinien verschifft und dort eingetauscht gegen minderwertiges Schweinefleisch. Das wurde zum Teil in Holland zu Konserven verarbeitet und dann wieder an die DDR verkauft. Die gab dafür Zement. Der Baustoff wurde - nachdem für Großbritannien keine Einfuhrlizenz zu erhalten war - nach Kanada verschifft, kam aber steinhart an, weil das Schiff leckgeschlagen war.

Bower beschreibt auch, wie der aufstrebende Geschäftsmann Maxwell in den fünfziger Jahren Besucher nervte, weil er an seinem riesigen Schreibtisch ständig in verschiedenen Sprachen in vier Telephone bellte. »Einige Mitarbeiter beharren darauf, daß mindestens zwei Apparate nicht angeschlossen waren, aber wichtige Requisiten darstellten für seine Rolle als internationaler Tycoon.«

Ein Tycoon ist Maxwell heute ohne Zweifel. Nach neuen Untersuchungen des »Money Magazine« gilt er als achtreichste Person in Großbritannien, über 2,1 Milliarden Mark ist der Aufsteiger schwer.

Weshalb dieser gemachte Mann nun die Bücherschlacht vom Zaune brach, ist schwer begreiflich. Denn die beiden nicht autorisierten Maxwell-Biographien, so finden die Rezensenten übereinstimmend, seien keineswegs bösartiger Hinrichtungsjournalismus. Im Gegenteil.

»Bower präsentiert letztlich ein überzeugenderes und runderes Porträt eines wahrhaft bemerkenswerten Mannes (als der offizielle Maxwell-Biograph Haines)«, schreibt der »Guardian«.

Den Menschen Maxwell zeichnet Bower »gewissenhaft fair« ("The Observer") und absolut einleuchtend: Maxwell wird heute verspottet, weil er sich mit seinem Armeerang Captain (Hauptmann) ansprechen ließ. Über Jahrzehnte aber konnte ein zugereister Mitteleuropäer weniger mit Geld die Achtung der Briten erringen als mit der Tatsache, Hauptmann und Ordensträger der siegreichen Streitkräfte zu sein - »Captain Maxwell, M. C.« (Military Cross).

Alle drei Bücher schildern, wie der jüdische Jüngling Jan Ludvik Hoch in den Wirren des Zweiten Weltkriegs den Weg in die britische Armee fand. Der tapfere Draufgänger erhielt vom Feldmarschall Montgomery persönlich das Military Cross. Seine Sprachkenntnisse prädestinierten den sich nun Robert Maxwell nennenden Neubriten für die Abwehr und später für Aufgaben im besiegten Deutschland.

Als Presseoffizier in Berlin lernte Maxwell den Wissenschaftsverleger Ferdinand Springer kennen (nicht verwandt mit Axel Springer). Maxwell verschaffte Springer und anderen deutschen Geschäftsleuten wieder internationale Kontakte. Er verdiente sich dabei das Kapital für seinen eigenen Wissenschaftsverlag, Pergamon Press, der in den sechziger Jahren Millionengewinne abwarf.

Einige Jahre später leitete Maxwell Englands erfolgreichstes Lohndruckunternehmen und die »Mirror Group Newspapers« _("Daily Mirror«, »Sunday Mirror«, »Sunday ) _(People«, die in Schottland erscheinenden ) _("Daily Record« und »Sunday Mail« sowie ) _("The Sporting Life«. ) .

Inzwischen ist Maxwell groß ins internationale Fernseh- und Datenübermittlungsgeschäft eingestiegen (SPIEGEL 48/1987).

Hausbiograph Haines schreibt Rückschläge in Maxwells Märchenkarriere äußeren Umständen und anderen Menschen zu. Bower und Thompson/Delano sehen da eher Fehler des »tschechischen Stehaufmännchens«.

So sei die Auflage des »Daily Mirror« während der ersten 18 Monate unter Maxwell um 500 000 Exemplare gefallen, weil der neue Besitzer die Leser mit aufdringlicher Selbstdarstellung langweilte - Maxwell rettet Hungernde in Äthiopien, Maxwell kauft bankrotte Firma, Maxwell hilft britischem Fußball, Maxwell trifft KP-Chef der Mongolei.

Dieser Welt-Staatsmann ziert neben anderen Großen an seiner Seite die offizielle Biographie. Typische Bildunterschriften: »Weltumspannende Diskussionen mit Henry Kissinger in Tokio«. Und: »Mit Ihrer Majestät, der Königin, bei den Commonwealth-Spielen in Edinburgh«.

Den knallharten Robert Maxwell offenbaren in der offiziellen Biographie abgedruckte Briefe aus dem Krieg an seine kurz zuvor angetraute Frau Betty.

»3. April 1945. Gestern hatte ich einen sehr amüsanten Tag . . . Ich sagte dem Bürgermeister (einer von britischen Truppen belagerten deutschen Stadt), _(Robert Maxwell, vierter von links, ) _(untere Reihe. )

daß er die Deutschen auffordern müsse zu kapitulieren, sonst würde die Stadt zerstört werden.«

»Eine Stunde später kam er zurück und sagte, die Soldaten würden kapitulieren. Die weiße Fahne wurde aufgezogen, aber sobald wir vorrückten, begann ein deutscher Panzer zu feuern. Glücklicherweise traf er nicht, so erschoß ich den Bürgermeister, und wir zogen uns zurück.«

Joe Haines: »Maxwell«. Macdonald, London; 540 Seiten; 12,95 Pfund.Tom Bower: »Maxwell, The Outsider«. Aurum Press, London; 384 Seiten;12,95 Pfund. Peter Thompson and Anthony Delano: »Maxwell, A PortraitOf Power«. Bantam Press, London; 256 Seiten; 12,95 Pfund.»Daily Mirror«, »Sunday Mirror«, »Sunday People«, die in Schottlanderscheinenden »Daily Record« und »Sunday Mail« sowie »The SportingLife«.Robert Maxwell, vierter von links, untere Reihe.

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