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GRIECHENLAND Vergessenes Land

Nach Jahrzehnten der Landflucht animiert die Regierung die Städter jetzt zur massenhaften Rückkehr in die Provinz. *
aus DER SPIEGEL 39/1984

Schön ist unser Dorf«, findet ein alter Mann im Kafeneion des thessalischen Bergnestes Ampelochori, »nur fehlen leider die Menschen. Endlich haben wir eine Schule, aber leider haben wir keine Kinder.«

Auf Thirasia im Archipel der Kykladen gibt es zwar Kinder, 18 an der Zahl, aber dort fehlt das Lehrpersonal: »Niemand«, jammerte das Lokalblatt »Kykladika Nea«, »bleibt länger als zwei Monate auf dieser unversenkbaren 'Galeere'.«

Auf griechischen Inseln, auf dem Festland, allenthalben das gleiche: Ganze Landstriche sind fast menschenleer geworden, nur noch gebrechliche Alte hausen in Geisterdörfern.

Der große Exodus aus der griechischen Provinz vollzog sich in mehreren Wellen. Bis zum Ende des Bürgerkriegs 1949 trieb die Angst vor den kommunistischen Partisanen zahllose Dörfler in die Städte. Nach der Niederlage der Kommunisten flüchteten Zehntausende ihrer Anhänger in die Ostblockstaaten.

Den bedeutendsten Aderlaß unter der Landbevölkerung bewirkte jedoch die Industrialisierung Griechenlands. Wer in den 50er Jahren in den Fabriken von Athen und Saloniki keine Arbeit fand, emigrierte nach Deutschland, nach Australien, Kanada und in die USA.

Heute drängt sich ein Drittel der griechischen Gesamtbevölkerung, 3,5 Millionen Menschen, auf den überfüllten 400 Quadratkilometern des Großraums Athen. 150 000 Personen, die Bevölkerung von 15 Kleinstädten, kommen jedes Jahr dazu. Was Wunder, so Innen-Staatssekretär

Mitiades Papaioannou, daß »rund 75 Prozent der Dörfer mit ernsten Überlebensproblemen kämpfen«.

Der Landflucht wollen die regierenden Sozialisten mit Geld entgegenwirken: Finanzielle Anreize in Millionenhöhe, 50 Millionen Mark davon allein aus dem Regional-Entwicklungsfonds der Europäischen Gemeinschaft, sollen die noch verbliebenen Provinzler zum Ausharren bewegen. Aber auch smog- und lärmgestreßte Großstädter sollen Athen oder Saloniki den Rücken kehren und in elysisch-ländlichen Gefilden ihr Glück versuchen. Der Staat zahlt den Umzug, eine Prämie von 2500 Mark und zwei Jahre lang eine Mietbeihilfe von 150 Mark im Monat.

Mit verlorenen Zuschüssen bis zu 60 Prozent des Gesamtaufwandes finanzieren die Sozialisten außerdem Existenzgründungen, seien es Kleinfabriken, Handwerksstätten oder Treibhäuser im Hinterland.

Damit Provinzbeamte bleiben, wo sie sind, und nicht nach einer Karriere in Athen, dem Mekka aller Bürokraten, schielen, winken ihnen hohe, zinsgünstige Kredite - über 100 000 Mark - für den Wohnungsbau. Anspruch auf fast ebenso hohe Darlehen für Häuser und Arbeitsräume wie beispielsweise Praxen oder Labors haben Jungakademiker, die sich in der verödeten Provinz niederlassen.

Geholfen wird griechischen Remigranten, sofern sie bei ihrer Heimkehr aus dem Ausland einen Bogen um die Ballungsräume machen. 25 000 Ex-Partisanen sind nach der Regierungsübernahme der Sozialisten auf Einladung des Ministerpräsidenten Andreas Papandreou aus dem Ostblock heimgekehrt. Sie bekommen, neben Aufbaukrediten, das von ihnen einstmals verlassene Land zurück oder müssen von den neuen Besitzern entschädigt werden.

Die öde Provinz soll, nach Jahrzehnten der Vernachlässigung, attraktiver werden. 200 kleine Inseln und Bergdörfer, bislang ohne Telephon, wurden mit Funkgeräten ausgerüstet, damit sie in Notfällen Kontakt mit den jeweiligen Bezirkshauptstädten aufnehmen können. Etliche vom Schiffsverkehr nicht berührte Inseln erhielten Hubschrauber-Landeplätze für Krankentransporte.

Noch ist es der Regierung nicht gelungen, die medizinisch unterversorgten ländlichen Gebiete - gut die Hälfte der 24 000 griechischen Ärzte praktiziert in Athen - mit einem Netz von 200 geplanten Gesundheitszentren zu überziehen. So lange bereisen von Papandreous Hilfsappellen für das »vergessene Griechenland« angerührte Mediziner in Freiwilligeneinsätzen die vernachlässigten Regionen.

Provinz zu Probierpreisen bietet seit Anfang des Jahres die griechische Fremdenverkehrszentrale den eigenen Landsleuten. 7,5 Millionen Mark läßt sie sich ein Sozialtouristik-Programm kosten, mit dem Arbeiter, Rentner oder Handwerker Ferien machen können in abgelegenen, von den großen Touristenströmen nicht erfaßten Gebieten. Sechs Mark kostet die Urlauber das pro Tag, Kinder wohnen gratis. Jugend-Staatssekretär Kostas Laliotis schickte in diesem Sommer rund 1000 Jungakademiker zu Forschungsreisen aufs Land, auch auf die ehemaligen Verbannungsinseln Jaros, Makronissos und Leros.

Von alledem erhofft sich die Regierung, daß die Städter bei diesen ländlichen Stippvisiten Feuer fangen und ihre Zementgefängnisse in der Großstadt verlassen. Doch die erhofften Umsiedlungswunder werden so schnell nicht stattfinden. Auf der Insel Kastelorizon im Dodekanes-Archipel zum Beispiel wohnen nur noch 174 Menschen - ein Fünfzigstel der Bevölkerung von 1910. Dafür leben 18 000 Kastelorizoner und deren Nachkommen im fernen Australien, und nichts spricht dafür, daß sie jemals heimkehren.

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