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JUGOSLAWIEN / ANALPHABETEN Vergeudete Zeit

aus DER SPIEGEL 16/1968

Was immer die Regierungspresse vorschreibt -- drei Millionen Bürger Jugoslawiens können höchstens zwischen den Zeilen lesen. Denn jeder vierte Serbe und Mazedonier, jeder dritte Bewohner des Bundeslandes Bosnien-Herzegowina und jeder zweite Skipetar ist Analphabet.

Des Schreibens und Lesens unkundig sind 18 Prozent aller Rekruten der jugoslawischen Volksarmee, die Hälfte der Landbevölkerung bei Prizren und 99 Prozent der Packerinnen einer Insektenmittel-Fabrik in Sabac. Mit rund drei Millionen Analphabeten steht Jugoslawien in Europas Rangliste der Unwissenheit an dritter Stelle -- nach Portugal und Albanien.

Während der Analphabeten-Anteil der Weltbevölkerung innerhalb von fünf Jahren wenigstens relativ von 44,3 auf 39,5 Prozent sank, steigt er in Jugoslawien wieder an. Serbiens Ex-Schulminister Milan Vukos: »Wir können uns mit dem alten Jugoslawien (1931: 44 Prozent Analphabeten) nicht mehr entschuldigen. Das jetzt sind unsere sozialistischen Analphabeten.«

Zwar wurde 1952 die Acht-Klassen-Pflichtschule eingeführt, aber alle Kinder, deren Wohnung mehr als sechs Kilometer von der Schule entfernt liegt, dürfen sie legal versäumen. Auf den Dörfern sind viele Häuser von der Schule wesentlich weiter entfernt.

Dennoch marschieren im Bundesland Montenegro täglich 7800 bildungsdurstige Pennäler durch Wolfsgebiete und Schneefelder. Rund 50 000 jugoslawische Eltern hingegen nehmen die durch Paragraph 157 des Schulgesetzes angedrohten Strafen -- bis zu 30 Tagen Gefängnis -- in Kauf und erziehen ihren Nachwuchs zur Enthaltsamkeit in Bildung.

Dobrisav Vasiljevic aus der Umgebung des Heilbads Gornia Toplica gab zu Protokoll: »Ich bin im letzten Jahr bestraft worden, weil ich mein Kind Slavica nicht zur Schule schickte; meine Frau hatte mich verlassen, und ich war ohne Arbeit. In diesem Jahr ist meine Frau wieder da, aber ich arbeite noch immer nicht und schicke mein Kind abermals nicht in die Schule.«

In Kulic und Lip bei Smederevo (20 Prozent Analphabeten) unterschrieben die Eltern ihre Strafbescheide mit drei Kreuzen. Selbst wiederholte Geldstrafen von 17 bis 170 Mark erziehen sie nicht um: Die Kinder können durch Saisonarbeit oder Schweinehüten ein Mehrfaches des Bußgeldes verdienen.

Schon vier Jahre Zwangsschule gelten als »vergeudete Zeit«, erläuterte ein Bauer in Trnovo: Volksschulabsolventen überfällt der Drang nach Höherem, sie verlassen das Dorf. In der Stadt aber finden sie oft keine Arbeit. Jugoslawien hat 269 000 Arbeitslose bei rund 3,5 Millionen Beschäftigten.

Spätestens nach der vierten Klasse geben 150 000 Jugoslawen auf, in Bosnien jeder vierte Schüler, in Crkvicne bei Tuzla jeder zweite. Der Weg zum »kleinen Abitur«, dem Volksschul-Abgangszeugnis, ist noch beschwerlicher: Ohne Verzögerung absolviert in einigen Gemeinden Montenegros nur jeder zwanzigste Schüler alle acht Klassen. im entwickelten Slowenien sind es nur zwei von drei Kindern.

82 Prozent der Gesamtbevölkerung Jugoslawiens und fast die Hälfte aller Arbeiter und Angestellten haben keine abgeschlossene Schulbildung genossen. Und jeder dritte Jugendliche, der zum Gipfelmarsch auf das »große« Abitur antritt, bleibt schon in der ersten Gymnasialklasse stecken.

Nur 6000 Jugoslawen mühen sich, das Versäumte nachzuholen -- In Serbien ging die Zahl der Abc-Schulen für Erwachsene in vier Jahren von 132 auf 13 zurück. Die Brauerei von Valjevo verzichtete von vornherein darauf, einen Schreibkurs zur Bildung ihrer Arbeiter einzurichten.

Jährlich vermehrt sich die Anzahl jugoslawischer Voll-Analphabeten um etwa 50 000. »Der Analphabetismus«, resignierte der mazedonische Schulrat Lazar Pop-Lazarow, »ist unter unseren Bedingungen ein Naturphänomen.«

In den wissenschaftlichen, Kultur- und Schuleinrichtungen der mazedonischen Landeshauptstadt Skoplje arbeiten 283 Analphabeten. Unter einer Million Bewohnern der Bundeshauptstadt Belgrad haben 460 000 Bürger keinen Volksschulabschluß. 80 000 sind Analphabeten. Die Regierung beschloß daher, bis 1970 aller Schriftunkundigkelt ein Ende zu setzen.

Die Frist wurde offenbar von einem Planer erfunden, der des Rechnens unkundig ist. Alphabet Jovan Hadzi-Kostic von den Belgrader »Abendnachrichten« errechnete einen anderen Termin, zu dem beim gegenwärtigen Bildungstempo allein in Serbien alle Erwachsenen lesen und schreiben können: »In 217 Jahren.«

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