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JUGOSLAWIEN Vergiftete Brunnen

In der Provinz Kosovo droht jetzt der offene Bürgerkrieg: Die Belgrader Zentralregierung hat die Autonomie-Rechte suspendiert, um den Nationalitätenstreit zwischen Serben und Albanern zu beenden. *
aus DER SPIEGEL 27/1986

Ein paar hundert serbische Männer, Frauen und Kinder aus dem Dorf Batuse in der Autonomen Provinz Kosovo kletterten im Morgengrauen des vorletzten Freitags in Busse und Lastwagen, um bei der jugoslawischen Bundesregierung in Belgrad gegen albanische Schikanen in ihrem Heimatdorf zu demonstrieren und um eine »neue, sichere Heimat« zu bitten.

Weit kam der Konvoi der Heimatvertriebenen freilich nicht. Der Wagen-Korso wurde weit vor Belgrad von der Polizei gestoppt; mit dem Hubschrauber herbeigeschaffte Spitzenpolitiker aus Belgrad und der Parteichef des Kosovo, Azem Vlasi, bemühten sich hektisch, den Volkszorn abzukühlen und die vertriebenen Serben zur Rückkehr zu bewegen.

Der unmittelbare Anlaß für den serbischen Exodus, die albanische Umbenennung der über 100 Jahre alten serbischen Dorfschule von Batuse, wurde rückgängig gemacht, für die Regelung der mittelbaren Anlässe Hilfe in Aussicht gestellt: Mehr als die Hälfte der Bauernhöfe im einst überwiegend von Serben bewohnten Dorf sind in den letzten Jahren auf noch ungeklärte Weise in albanischen Besitz gekommen.

Weil aber der Protest aus Batuse nur der jüngste von einer Reihe ähnlicher aus dem Kosovo ist, sah sich die Belgrader Zentrale unter Druck gesetzt nach langem Zögern endlich zu handeln.

Am Vorabend des Parteitages der jugoslawischen KP, auf dem vorige Woche als wichtiges Thema gleichfalls das ungelöste Problem Kosovo stand, haben Staats- und Parteipräsidium auf einer gemeinsamen Sitzung beschlossen, die der Provinz Kosovo laut Verfassung zugestandene Autonomie aufzuheben und die seit Jahren aufrührerische Region unter die Kontrolle der zentralen Staatsorgane zu stellen.

Kurator dieses Verfassungsbruchs ist der jugoslawische Polizeiminister Dobroslav Culafic, ein Montenegriner, der sich als erklärter Gegner jeder »zentrifugalen Entwicklung« des Vielvölkerstaates schon mehrfach einen Namen gemacht hat und für seine Härte bekannt ist.

Aus dem noch geheimen Maßnahmen-Katalog wurde bekannt, daß die Belgrader Zentrale alle als »Nationalisten« verdächtigen Richter und Universitätsprofessoren im Kosovo ablösen will, aber auch Parteifunktionäre und Polizisten. Durch Dekret soll der »Ausverkauf« serbischer Dörfer an Albaner rückgängig gemacht, sollen die Kaufverträge für ungültig erklärt werden.

Zudem ist zu erwarten, daß das öffentliche Zeigen der albanischen Farben im Kosovo (die mit der Staatsfahne des benachbarten kommunistischen Albanien identisch sind) unter Strafe gestellt wird.

Solch repressive Maßnahmen, das hat die Vergangenheit gezeigt, werden weder der im Kosovo lebenden albanischen Mehrheit noch den serbischen und montenegrinischen Minderheiten nützen. Die Einschränkung der Autonomie, die nach Meinung der Albaner ohnehin nur eine »Souveränität für Sklaven« sei, wird den Bürgerkrieg zwischen den längst verfeindeten Volksgruppen vermutlich nicht verhindern.

Die Teilrepublik Serbien, unter deren administrative Zuständigkeit das Kosovo seit Titos Gründung der jugoslawischen Föderation gehört, hat auch schon mobil gemacht: Beurlaubte Soldaten wurden in die Kasernen zurückgerufen und die Parteikader in den Betrieben in Alarmbereitschaft versetzt, weil mit einer Massenflucht von Serben aus dem Kosovo gerechnet werden müsse.

Die nahezu unlösbare Tragödie dieser Südprovinz ist das Resultat chauvinistischer Politik und gegenseitiger Unterdrückung. Serben wie Albaner fordern ihr Heimatrecht mit historischen Argumenten: Für die Serben gehört die fruchtbare Hochebene zum großserbischen Reich, dessen Verteidiger, Fürst Lazar, 1389 in der Schlacht auf dem Amselfeld im Kampf gegen die Osmanen fiel. Erst dann - so die Serben - kamen im Gefolge der Türken die Albaner.

Für die Albaner ist das Kosovo Teil des albanischen Reiches, das im Jahr 1913 beim osmanischen Beute-Verteilen durch den Vertrag von London gezwungen war, Kosovo an die Serben abzutreten. Die Revision der Grenzen fordern Nationalisten auf beiden Seiten, ohne Rücksicht auf das kommunistische System. Daß die Albaner Moslems, die Serben orthodoxe Christen sind, macht eine Verständigung nicht leichter.

Tito hatte im Partisanenkampf des Zweiten Weltkriegs seinen Freiwilligen aus dem Kosovo angeblich einen eigenen Staat versprochen. Doch als er siegreich in Belgrad einzog, war er eher gewillt, _(Bauern aus dem Kosovo nach der Besetzung ) _(des Parlaments. )

bei der Gründung seiner sozialistischen Föderation auch noch Albanien einzugliedern.

Sein Bruch mit Moskau verhinderte die Annexion; aber der von Tito eingesetzte Innenminister Alexander Rankovic war entschlossen, zumindest im Kosovo das Albaner-Problem mit staatlicher Gewalt zu lösen. Der Großserbe Rankovic setzte verläßliche Serben als Statthalter im Kosovo ein und ließ die jugoslawische Geheimpolizei Tausende von Kosovo-Albanern als angebliche Staatsfeinde verfolgen und ermorden.

Die jugoslawische Parteipresse über diese Schreckenszeit: »Selbst die türkischen Sultane, die serbischen und montenegrinischen Könige ließen sich nichts Grauenhafteres einfallen.«

Als 1966 der Moskau-Freund Rankovic gestürzt war (weil er Tito sogar im Schlafzimmer abhören ließ), besserte sich zwar für die Albaner die Lage, aber der Süden war inzwischen zum Armenhaus verkommen.

Das verkehrsferne und unterentwickelte Bauernland hat bis heute den niedrigsten Lebensstandard und die höchste Arbeitslosenquote Jugoslawiens. Fast 40 Prozent der Erwachsenen haben keine ständige Beschäftigung, und das bei einem Durchschnittsalter von 28 Jahren.

Tito gab der verarmten Provinz mehr Selbstverwaltung, ließ Albaner auch in höhere Ämter aufsteigen und zwang die reicheren Republiken, einen Teil ihres erwirtschafteten Volksvermögens in einen Fonds für die unterentwickelten Gebiete einzuzahlen. Kosovo bekommt aus dieser Armenkasse den Anteil von 63,4 Prozent.

Doch die Forderung der Kosovo-Albaner nach einer eigenen Republik wollte Tito nicht erfüllen: Aus Rücksicht auf die Gefühle der Serben und aus Mißtrauen gegen die albanischen Nationalisten, denen er zutraute, den in der Mehrzahl albanisch bewohnten Landesteil durch einen Volksentscheid unter die Herrschaft des verfeindeten Tirana stellen zu wollen.

Der brüchige Frieden hielt nur bis ein Jahr nach Titos Tod. Ausgelöst von Studenten der Universität in Pristina, flammte 1981 ein albanisch-nationalistischer Volksaufstand auf, den Titos Erben nur mit dem Einsatz von Panzern und Militär niederschlagen konnten. Mindestens elf Tote - so die Belgrader Version - waren die Opfer.

Die Regierung rief den Ausnahmezustand aus. Bis Ende vorigen Jahres, so jüngst der Justizminister im Kosovo, wurden über 6400 Personen wegen »politischer Vergehen« zu mehr als 10000 Jahren Gefängnis verurteilt.

Aber der Kampf für die albanische Autonomie hat sich nicht auf die Konfrontation mit der Staatsmacht beschränkt. Durch Schikanen und Diskriminierungen der inzwischen meist albanisch besetzten Behörden wurde in den

ländlichen Bezirken den nicht-albanischen Minderheiten das Lehen erschwert, durch Drohungen oder Geld die Bauern zum Verkauf ihrer Höfe gebracht und schließlich mit reichlichem Kindersegen - Kosovo hat die höchste Geburtenrate in Europa - die Provinz systematisch albanisiert.

Ein Großteil der in ihrer Heimat fremd gewordenen Serben und Montenegriner gab auf: 200000 von ihnen zogen in den letzten Jahren zu den Ihren. In Serbien und Montenegro gibt es Dörfer, in denen nur Vertriebene aus dem Kosovo wohnen - der Volksmund nennt sie »Palästinenser«.

Gegen Serben, die nicht freiwillig gehen, wenden die Albaner auch härtere Mittel an: Fälle von Mord, Vergewaltigung von serbischen Frauen, Vergiftung von Brunnen und Vieh, Brandstiftung oder die Schandung von serbischen Grabmälern stehen in der langen Liste ungeklärter Straftaten.

So ging der Bevölkerungsanteil der Serben im Kosovo von etwa 30 Prozent im Jahr 1945 auf elf Prozent zurück. Entsprechend stieg der albanische Anteil von knapp 60 auf 83 Prozent: heute leben 1,4 Millionen Albaner im Kosovo, halb so viele wie in der Volksrepublik Albanien.

Die Partei, die das Problem lange unterschätzt hat, ist hilflos. Welche Entscheidung sie auch immer trifft, für Jugoslawiens Bestand ist es die falsche. Gibt sie den Forderungen der Albaner nach, dann brechen auch andernorts im Vielvölkerstaat separatistische Wünsche auf, bei den Mazedoniern, den Moslem in Bosnien oder den westorientierten Slowenen und Kroaten.

Gibt sie die Selbständigkeit des Kosovo zugunsten Serbiens auf ist die Empörung im Land nicht geringer: Kroaten und Mazedonier, aber auch die Bewohner der Republik Bosnien-Herzegowina werfen Belgrad ohnehin »großserbischen Unitarismus« vor und fürchten sich vor hegemonialen Ansprüchen.

In einem Papier, das dem Parteitag in Belgrad vorlag, bezeichnen die Autoren den Kosovo-Konflikt »als eine Bedrohung der Stabilität, des Friedens und der Sicherheit, nicht nur auf dem Balkan, sondern in ganz Europa.«

Für ein Gebiet, das nicht größer als Schleswig-Holstein ist, sind das große Worte. Doch daß die Warnung nicht aus der Luft gegriffen ist, hat eine Rede, die kürzlich der neue Führer Albaniens Ramiz Alias hielt, bestätigt. Albanien, so der KP-Chef aus Tirana, werde in dem Fall, daß Jugoslawien Gefahr drohe, seinen Völkern, aber auch seinen Brüdern im Kosovo zur Hilfe eilen - Breschnew-Doktrin auf albanisch.

[Grafiktext]

ITALIEN JUGOSLAWIEN RUMÄNIEN Schwarzes Meer KOSOVO TÜRKEI MONTE NEGRO ALBANIEN MAZEDONIEN SERBIEN Pristina KOSOVO Volkszugehörigkeit der Einwohner von Kosovo in Prozenten Albaner Sonstige Montenegriner Serben

[GrafiktextEnde]

Bauern aus dem Kosovo nach der Besetzung des Parlaments.

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