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Vergifteter Apfelkuchen

aus DER SPIEGEL 17/1995

Die fetten schwarzen Schwaden downtown sind vom nächtlichen Regen in feinen Ruß verwandelt worden. Der Urknall ist verhallt. Über Oklahoma City steht mutwillig die Sonne.

»Terror in heartland« lesen die Bürger auf der Titelseite ihrer Morgenzeitung - Terror im Herzland. Gemeint ist ihre Heimat, die Herzkammer, für abenteuerlustigere Gemüter auch Strafkammer Amerikas: Oklahoma. Im Schatten der Wolkenkratzer, die Urbanität mitten im Weideland vorgaukeln, steht der Torso eines rechteckigen Neunstöckers. Ein postmoderner Klotz, dem Schutt aus dem Bauch quillt wie einer geborstenen Matratze das Seegras.

Während in den Ruinen des Alfred-P.-Murrah-Gebäudes noch die Suchhunde nach Verschütteten schnüffeln, geht draußen das Leben weiter. Menschen mit Anti-Drogen-Stickern sammeln sich mit missionarischem Schimmer im Auge zum Kongreß. Im Cowboy-Viertel werden Sattel und Seilzeug bereitgehalten. Und über den niedlichen Einfamilienhäusern, aus deren Innerem Mittwestler seelisches Gleichgewicht schöpfen, liegt unheimliche Stille.

Als die Bombe in Sekunden Dutzende Menschen in den Tod riß, habe er gedacht: »Das kann doch gar nicht in Oklahoma passieren.« Jetzt steht Dan Waters da, Notfallchirurg im St. Anthony Hospital, und bekämpft sein zerbrochenes Weltbild mit Arbeit. Säubert blutverschmierte Gesichter, schließt Wunden, gibt gute Worte. »Mit meiner Familie bin ich nie nach New York gefahren«, sagt Waters kopfschüttelnd, »weil ich gehört hatte, daß dort Leute in der U-Bahn umgebracht werden.«

Das »disaster building«, wie der zum Mahnmal zerborstene Büroblock mit den eingeklemmten Leichen inzwischen hier heißt, hat die Menschen von Oklahoma City getroffen wie Laserlicht den Neandertaler. Massenmord auf altem Siedlerboden, wo aus Bürgerruhe, Eifer und Kinderliebe ein gepflegtes Biotop für knapp eine halbe Million Menschen geschaffen wurde?

Wie konnte es jemand wagen, Gift zu streuen in der Hauptstadt des Bundesstaates, der sinnbildlich geradesteht für die Identität stiftenden Tugenden der Nation? Den sie All-American Applepie nennen - nach der nationalen Leibspeise?

Präsident Bill Clinton ist nur 300 Meilen östlich, in Arkansas, groß geworden. Er trifft mit seiner Rede, halb Trost, halb Drohung, mühelos den blanken Nerv der Menschen von Oklahoma City, die still vor den Bildschirmen in Bennigan's Kneipe sitzen, bei leichtem Bud vom Faß.

Minuten vorher haben sie ihren Gouverneur gesehen, wie er den Schauplatz des größten Terroranschlags in der Geschichte der Vereinigten Staaten abschritt. Um dann, eine Spur zu zackig, zwischen Kameras und ungeborgenen Leichen, den Glaubenssatz der Republikaner wiederzukäuen: »Nun bleibt nur eines - zusammenstehen, zusammen beten, zusammen kämpfen.«

Die Bürger der Stadt haben ihre eigene Witterung für die politischen Druckwellen, die das Schlagwetter am Rand ihrer Innenstadt erzeugt hat. Die Ecke, an der die Attentäter zuschlugen, sei die Lebensader von Oklahoma, sagt Donna Brown, der einzige Fleck, wo ihr Staat nicht »country« sei - Bauernland.

Donna ist 26, Kind dieser Gegend. Früh Mutter geworden, warmherzig ihren Freunden, scharfsinnig den Vorgängen im unmittelbaren Umfeld gegenüber. Was hinter den Staatsgrenzen von Oklahoma liegt, verschwindet im ortsbedingten Bodennebel. Die Frage nach dem Einfluß von Negern auf die deutsche Politik zählt nicht zu den gröbsten Ausreißern unter den Einlassungen von Bewohnern des Apple-pie-Bezirks.

Donnas Vertrauen in Staat und Gerechtigkeit ist erschüttert. Sie sagt, seit dem Attentat fühle sie sich nicht mehr sicher. Ihre Zwillingsschwester trauert vor allem um die toten Kinder: »Warum Kinder? Die hatten noch nicht einmal die Möglichkeit zu sündigen.« Donna sagt: »Fast jeder in Oklahoma City kennt einen, der drin war im Gebäude oder noch ist.«

Donna hat eine gleichaltrige Freundin, die im elften Schuljahr ihre erste Geburt hatte und ein Jahr später noch eine. Karen aber wollte mehr. Das aparte Mädchen mit kurzem brünettem Haar hat studiert und sich beim Staat beworben. Als »loan officer« bei der Bundeskreditanstalt für Arbeitnehmer hatte sie ein sicheres Auskommen. Mit Jay, ihrem zweiten Mann, kam das Glück hinzu. Sie haben in Las Vegas geheiratet, im vergangenen Jahr ein Haus im feinen Stadtteil Moore von Oklahoma City gekauft und im März einen neuen Ford Taurus. Für die letzte Aprilwoche war wieder Las Vegas geplant, des Spielens und der Liebe wegen.

Karens Ford ist, zum Klumpen geschmolzen, aus der Parkgarage des Bundesgebäudes geborgen worden. 30 Stunden nach dem Attentat ist ein Polizeibeamter bei Jay an der Tür gewesen, um nach Röntgenaufnahmen von Karens Gebiß zu fragen. Vorher könne er zu ihrem Verbleib keine Aussage machen. Die ältere Tochter hat still geschluchzt.

Zwei von Karens Kolleginnen sind aus den Trümmern gezerrt worden. Sie erzählen, daß konferiert worden sei im zweiten Stock des Bundesgebäudes, das sich die Kreditanstalt mit FBI und Geheimdienst, mit Kinderkrippe, Sozialversicherung und anderen teilte, als die Bombe vor dem Haus detonierte.

Jay, der Ehemann, sitzt mit Eltern und Schwiegereltern zu Hause und hofft gegen alle Vernunft, daß seine Frau zwischen den Betonbrocken noch lebt. Der Vater hat die Krankenhäuser der Stadt vergebens durchstreift und Bilder von seiner Tochter verteilt. Jay mußte von den Rettungstruppen daran gehindert werden, selbst in die Ruine zu klettern.

Bevor er noch Donna zum vereinbarten Treffen am Abend sieht, die Freundin seiner Frau, die ihn für wenige Stunden auslösen will aus der Zwangsgemeinschaft der Wartenden, meldet der lokale Sender Channel 4, daß 13 Leichname an ein und derselben Stelle geborgen worden seien. Es müsse sich um die Teilnehmer einer Konferenz handeln. Wenig später erscheint die Telefonnummer einer Beratungsstelle für Trauerfälle im Bild.

Der praktische Teil der Katastrophenbewältigung funktioniert makellos. Blutkonserven werden gespendet, Handschuhe, Knieschützer, Speisen und tröstende Worte. Das Heer privater Fernsehanstalten wirkt als rast-, wenn auch nicht selbstloser Multiplikator.

Journalisten und Politiker loben am Schirm Ärzte und Helfer, Ärzte loben Feuerwehrmänner, Feuerwehrmänner und Retter loben die Spender - ein geschlossener Kreislauf der Bewunderung, der das Grauen erträglicher macht.

Und doch wirkt es so, als erneuere sich das Immunsystem der amerikanischen Demokratie gerade durch die Art und Weise, wie es frontale Angriffe abwehrt. Da helfen sich Menschen, verbünden sich Zirkel, die sich sonst nicht nahestehen. Da ist ein gemeinschaftlicher Geist gewachsen, in gut 200 Jahren.

Daß beim atemlosen Bestreben, sich nützlich zu machen, Fragen nach einem möglichen Hintergrund des beispiellosen Blutbads ausbleiben, ist naheliegend. Die Menschen beten und weinen. »Alle sollen wissen, daß Karen ein guter Mensch war, und für sie beten«, sagt Donna, noch bevor sie vom Leichenfund im Bundesgebäude erfährt.

Die fetten schwarzen Schwaden über der Ruine sind in Ruß verwandelt, und auch der verschwindet.

Oklahoma City betrauert seine Toten. Y

»Fast jeder kennt einen, der drin war im Gebäude«

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