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Vergiftetes Miteinander

Global Village: Warum britische Kinderbuchautoren und Schulbusfahrer beweisen sollen, dass sie nicht pädophil sind
aus DER SPIEGEL 39/2009

Kinder lieben die magischen Welten des Fantasy-Autors Philip Pullman. Aber liebt Pullman auch Kinder?

Auf den ersten Blick mag ja einiges dafür sprechen, dass der Bestsellerautor ("Der Goldene Kompass") ein Pädophiler sein könnte. Pullman ist ein Mann. Er sucht oft und immer wieder die Nähe von Kindern, die nicht seine eigenen sind. Er geht in die Schulen seines Wohnorts Oxford. Er liest den Kleinen vor. Er schaut ihnen in die Augen. Er spricht mit ihnen. Es könnte sein, dass er sogar ihr Vertrauen gewinnt. Und dann?

Hollywood macht Weihnachtsfilme aus Philip Pullmans Werken. Aber wie sieht die Realität aus? Wie gefährlich ist eine Schullesung des Schriftstellers?

Überall auf der Welt schlief der Staat, als Kindesentführer wie Priklopil, Fritzl und Garrido ihre Untaten begingen. Keiner schaute hin. Keiner schöpfte Verdacht. Immer noch werden jeden Tag Kinder missbraucht, weil es den Tätern so leichtgemacht wird. Das darf nicht länger sein, hat nun die Labour-Regierung von Großbritannien beschlossen.

Unschuldsvermutung? Das war gestern. Am Flughafen ist schon heute jedermann ein potentieller Terrorist. Und ab dem 12. Oktober ist im Vereinigten Königreich vor dem Gesetz jeder, der Umgang mit fremden Kindern hat, ein potentieller Pädophiler.

Verdächtig ist der Lehrer. Die Krankenschwester. Der Schulbusfahrer. Der Hausmeister. Die ältere Frau, die in ihrer Freizeit den Kindern im Kindergarten vorliest. Der Nachbar, der die Jungs der Straße zum Fußball fährt. Der Trainer im Judoverein. Die Frau, die Ponyferien veranstaltet. Die Eltern, die im Sommer einen deutschen Austauschschüler aufnehmen. Und eben auch der bebrillte 62-Jährige, von dem behauptet wird, er habe Kinder mit seinen millionenfach verkauften Büchern glücklich gemacht.

Dass Pullman sich in seinem Leben noch nie der Pädophilie verdächtig gemacht hat, dass es natürlich keinen ernstzunehmenden Grund gibt, ihn für einen Kinderschänder zu halten, das hat vor den Behörden keinerlei Bedeutung. Wenn Pullman künftig in Schulen vorlesen will, dann muss er erst eine Genehmigung von der ISA einholen, einer neuen Behörde, die sich auch »Ministerium für Kindersicherheit« nennen könnte.

Pullman muss 64 Pfund, etwa 72 Euro, bezahlen für die Dienste der Independent Safeguard Authority. Dafür wird die ISA in einer gewaltigen Datenbank, der größten ihrer Art auf der Welt, sein Vorstrafenregister prüfen und nötigenfalls seinen Lebenswandel und Leumund untersuchen, und zwar indem ISA-Mitarbeiter Pullmanns Kollegen, Nachbarn, Freunde und Feinde befragen und in einschlägigen Chatrooms im Internet nachforschen. Wenn sich dabei immer noch kein Anhaltspunkt für Pädophilie finden sollte, stellt ihm die ISA eine vorläufige Unbedenklichkeitsbescheinigung aus. Dieser Schrieb ist die staatliche Lizenz, mit fremden Kindern in Kontakt zu treten, ob beruflich oder ehrenamtlich. Ohne ihn darf Pullman von November kommenden Jahres an keine Schule mehr betreten. Geht er dennoch hin, um Kindern aus seinen Fantasy-Romanen vorzulesen, begeht er eine Straftat, und darauf steht eine Buße von bis zu 5000 Pfund.

Ohne diesen Persilschein dürfen Lehrer nicht mehr unterrichten. Eltern dürfen keine regelmäßigen Fahrdienste verrichten für Kinder anderer Eltern. Der 19-jährige ehrenamtliche Helfer im Jugendclub bleibt zu Hause. Der Austauschschüler findet keine Gastfamilie mehr. Mindestens elf Millionen Bürger, ein Viertel aller Erwachsenen in England, Wales und Nordirland, müssen jetzt Anträge stellen und vom Staat freigestempelt werden. Der Staat traut ihnen nicht.

Großbritannien ist das Land mit den meisten Überwachungskameras der Welt. Routinemäßig gleichen Polizeicomputer die Kennzeichen von Autos an Tankstellen ab mit den Fahndungsregistern. Nirgendwo speichert der Staat mehr DNA-Proben als hier, von Kriminellen wie von erwiesenermaßen Unschuldigen. Daran haben sich alle gewöhnt, aber nun will der Staat auch noch überprüfen, wer freitags die Kinder der Nachbarschaft zum Schwimmen fährt.

»Ich gehe seit 20 Jahren als Autor in Schulen«, sagt Pullman. »Niemals war ich da mit einem Kind allein.« Den Gedanken, dass er jetzt eine Gefahr darstellen soll, empfindet er als »irrsinnig und beleidigend«. Kinder würden zu Hause missbraucht, oft von Familienmitgliedern, nicht von Schriftstellern in Klassenzimmern. Die ganze Idee der ISA-Prüfung erscheint ihm als »Gift für das normale soziale Miteinander«. Heranwachsende würden angehalten, in jedem Erwachsenen zuallererst einen Vergewaltiger und Mörder zu vermuten.

Die größte Kinderschutzorganisation Großbritanniens klagt, die Regierung gefährde »vollkommen sichere und normale Aktivitäten« zwischen Kindern und Erwachsenen. Rasch verspricht der zuständige Minister, an den Details noch einmal ein bisschen zu arbeiten, vom Konzept insgesamt aber rückt er nicht ab.

Philip Pullmans Entschluss steht fest. Er weigert sich zu zahlen für ein staatliches Attest, dass er nicht pädophil ist. Lieber setzt er aus Protest nie wieder einen Fuß in eine Schule. Ebenso haben die Kinderbuchautoren Anthony Horowitz, Michael Morpurgo und Anne Fine entschieden.

Eine Kindheit in Großbritannien dürfte bald einsamer und weniger unterhaltsam sein - aber sicherer? MARCO EVERS

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