Zur Ausgabe
Artikel 59 / 94

FRANKREICH Vergiftetes Ragout

Millionen aus der Staatskasse verschwunden, ein Ex-Minister unter Verdacht und Mitterrands Afrika-Politik diskreditiert: Wieder hat Frankreich einen großen Skandal - »Carrefour«. *
aus DER SPIEGEL 33/1986

In den Hof des Elysee-Palastes rollte ein gepanzerter Renault R 25. Hausherr Francois Mitterrand hatte ihn nur einmal benutzt - im Dezember 1984 beim 11. französisch-afrikanischen Gipfeltreffen in Burundis Hauptstadt Bujumbura.

Man schrieb den 15. April 1986. Wenig später sollte die Staatskarosse eine Hauptrolle in einem Politskandal spielen, der Frankreich erschüttert.

Während der R 25 vor der Freitreppe des Elysee parkte, empfing der sozialistische Staatschef den Mann, der das Gefährt hatte anrollen lassen: Yves Chalier, 45, ehemaliger Kabinettschef des im März mit der sozialistischen Regierung abgewählten Entwicklungshilfeministers Christian Nucci.

Mit einem Aktenordner in der Hand eröffnete Chalier dem Präsidenten eine Neuigkeit: Das präsidiale Auto auf dem Hof sei aus der Kasse einer staatlich subventionierten Entwicklungshilfeorganisation namens Carrefour du developpement (etwa: Kreuzweg für Entwicklung) bezahlt worden. Mitterrand begriff sofort: Man hatte ihn in einem schmuddeligen Geschenk in Afrika herumgefahren.

An diese Enthüllung knüpfte Chalier, ehemals Schatzmeister des Carrefour, sogleich eine dreiste Forderung: Es sei besser, wenn der Präsident von der Geschichte nichts verlauten lasse und überdies alle möglichen Enthüllungen über Carrefour unterdrücke.

Später, im selbstgewählten Exil in Paraguay, wo ihn im Juli ein Reporter des »Figaro Magazine« aufspürte, erinnerte sich Chalier: »Der Präsident wurde sehr böse.« Andere Elysee-Zeugen berichten, der Präsident habe seinen Besucher »wortlos« hinausgeworfen.

Die Gefahr eines Skandals vor Augen handelte der Staatschef rasch. Er ließ den R 25 durch den Elysee-Palast bei Renault nochmals bezahlen und bat den Automobilkonzern, den Kaufpreis von 1005801 Franc (etwa 312000 Mark) an Carrefour zurückzuschicken. Doch der Verein existierte nicht mehr. Die Sozialisten hatten ihn in sicherer Erwartung eines Wahlsiegs der Rechten bereits am 31. Januar aufgelöst.

Überdies erhielt Chalier Order, sich sofort dem Entwicklungshilfeminister der neuen Rechtsregierung, Michel Aurillac, zu offenbaren.

Chalier gehorchte, doch der neue Minister schickte den Reumütigen großmütig in die verwaiste Geschäftsstelle des Carrefour in die Pariser Rue Friant zurück mit dem Auftrag, erst einmal Ordnung in das wüste Durcheinander der Abrechnungsbelege zu bringen.

Doch dann geschah Eigenartiges: In der Geschäftsstelle wurde Ende April eingebrochen, die wichtigsten Dokumente _(Mit dem damaligen ) _(Entwicklungshilfeminister Nucci (l.) ) _(1984 beim französisch-afrikanischen ) _(Gipfel. )

verschwanden. Und plötzlich war auch Chalier nicht mehr auffindbar.

Der Einbruch machte den Skandal publik. Ein anonymer Anrufer verständigte einen Rundfunksender, und der verbreitete die Information. Nun mußte sich Minister Aurillac äußern. Zurückhaltend sprach er jedoch lediglich von »Anomalien« in der Geschäftsführung von Carrefour, schaltete aber den Rechnungshof ein, und die Pariser Justizbehörden nahmen Ermittlungen auf. Erst jetzt geriet der Skandal zur sommerlichen Staatsaffäre.

Seither gehen Kaskaden verwirrender Details auf die Franzosen nieder. Das Wochenmagazin »L''Express« urteilte: »Ein schwarzer Roman«.

Darin fehlte keine der Zutaten, die ein saftiges »Sommerfeuilleton« - wie andere Blätter die Affäre nennen - ausmachen: ein Ex-Minister (Nucci) vor der Anklage, ein halbes Dutzend Ermittlungsverfahren, verschobene Millionen, geheime Wahlkampffonds, Frauen und ein veritables Schloß.

Dazu Spekulationen um den ersten Mann im Staate. Was wußten hohe Mitarbeiter Mitterrands oder der Präsident selbst? Mißbrauchte der Elysee-Palast afrikanische Verbindungen? Schont der gaullistische Premierminister Jacques Chirac den Staatschef, mit dem er in einer delikaten politischen Zwangsehe lebt?

Im Reigen der Unterstellungen und Dementis sind harte Tatsachen bislang rar. Eine der wenigen ist die Gründung von Carrefour du developpement im Juni 1983. Sozialistische Politiker wollten mit dem gemeinnützigen Verein afrikanische Politiker formen und fördern. Die Stiftung unterstand der Aufsicht des Entwicklungshilfeministers. Die damalige sozialistische Regierung bewilligte in gut zwei Jahren Staatszuschüsse von 81 Millionen Franc.

Doch die Organisation wurde unter Schatzmeister Chalier zu einer gigantischen Betrugsmaschine. Heute steht fest, daß von den 81 Millionen nur etwa 16 Millionen verbucht sind.

Fassungslos erfährt Frankreich jetzt, wem Minister Nucci, ein freundlicher, dem Aktenstudium freilich wenig zugetaner Ex-Lehrer, die Führung seines Kabinetts und des Vereins übertragen hatte: einem größenwahnsinnigen Mann mit einem Doppelleben.

Als Jurist, Absolvent der Militärakademie Saint-Cyr und Oberstleutnant der Reserve schien Chalier für den Job bestens qualifiziert. Tatsächlich aber betrieb er nebenher Privatgeschäfte, darunter mit Waffen, verfügte über ein Privatkonto in Höhe von zehn Millionen Franc, umgab sich mit schönen Frauen und warf mit Geld um sich.

So schenkte der Lebemann einer Stewardeß Wohnung und Auto im Wert von etwa 1,5 Millionen Franc (500000 Mark). Mit Carrefour-Geldern erstand er das Chateau d''Ortie in der Sologne, das kurz darauf in den Privatbesitz Chaliers und einiger Freunde überging.

Ex-Minister Nucci will von alledem nichts gewußt haben. Seine Unterschriften auf vielen Carrefour-Schecks seien gefälscht, erklärte er. Chalier dagegen hat in einem Bekennerbrief behauptet, er habe immer mit Wissen seines Ministers gehandelt.

In der Tat gibt es gravierende Vorwürfe gegen Nucci, der noch immer Abgeordneter der Nationalversammlung und Bürgermeister der Kleinstadt Beaurepaire bei Grenoble ist. So hat er ein gemeinsames Konto mit Chalier unterhalten. Und Parteifreund Daniel Ronjat, der eine kleine Druckerei in Beaurepaire besitzt, hat bereits gestanden, daß er Nucci fingierte Rechnungen in Höhe von 330000 Franc ausgestellt hat.

Mit diesem Geld hat Nucci offenbar eigene sowie die Wahlkampagnen anderer Genossen finanziert. Wie zum Beweis erstattete die Partei vor kurzem fast 100000 Franc für Nucci-Wahlplakate an Ronjat. Auch der ehemalige sozialistische Parlamentspräsident Louis Mermaz, Abgeordneter des Departements Isere, dessen Hauptstadt Grenoble ist, geriet in Verdacht, aus der Nucci-Quelle Wahlgelder bezogen zu haben.

Ihren internationalen Anstrich erhielt die Carrefour-Affäre durch den Afrika-Gipfel 1984 in Bujumbura, wo Mitterrand sich in dem ominösen Renault R 25 - Kennzeichen FRANCE - chauffieren ließ.

Dieses traditionelle Treffen Frankreichs mit seinen ehemaligen Kolonien und anderen französischsprachigen Ländern Afrikas hatten Nucci und Chalier vorbereitet - in einem unzeitgemäßen Kolonialstil, der die Politik von Mitterrands mächtigem Afrika-Berater Guy Penne schwer diskreditiert und indirekt damit auch den Drittwelt-Freund Mitterrand selbst.

In der Hauptstadt des Mini-Staates verpulverte Chalier neben offiziell bewilligten 17 Millionen weitere 51 Millionen Franc. Hotels wurden renoviert, Telexleitungen gelegt, aber auch Schwärme von dubiosen Privatagenten, »Barbouzes« genannt, eingeflogen sowie hohe Schmiergeldsummen und teure Geschenke verteilt. 105 Renault-Automobile wurden aus Frankreich zum Hafen Mombasa verschifft und dann in einem Konvoi über 2200 Kilometer nach Bujumbura gefahren.

Frankreich fühlt sich nun an den Ex-Staatspräsidenten Giscard d''Estaing erinnert, der 1977 dem zentralafrikanischen Diktator Bokassa eine bombastische Kaiserkrönung finanziert und Diamantengeschenke eingestrichen hatte.

Man habe von der sozialistischen Regierung erwartet, klagte jetzt der linke »Nouvel Observateur«, daß sie im Unterschied zu ihren Vorgängerinnen die Afrikaner als Partner behandelte. Statt dessen dasselbe Lied: »Korruption, Intrigen, Barbouzes, vergiftete Ragouts«.

Daß die Drahtzieher der Affäre je auspacken müssen, gilt als unwahrscheinlich. Wie viele von den Bujumbura-Millionen insgeheim nach Frankreich zurückgeschleust wurden und in wessen Taschen sie flossen, wird wohl nie herauskommen. Schließlich blieben alle großen Politskandale der Fünften Republik letztlich unaufgeklärt.

Zwar schrieb »L''Express«, die Versenkung des Greenpeace-Schiffes »Rainbow Warrior« durch Pariser Agenten in Neuseeland hätte lehren müssen, daß »Staatslügen schlechte Politik sind«.

Doch das Blatt übersah, daß auch diese Affäre bis heute ungeklärt ist. Der Hauptverantwortliche, der sozialistische Ex-Verteidigungsminister Charles Hernu, will sogar für das Amt des Staatspräsidenten kandidieren.

Mit dem damaligen Entwicklungshilfeminister Nucci (l.) 1984 beimfranzösisch-afrikanischen Gipfel.

Zur Ausgabe
Artikel 59 / 94
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.