Zur Ausgabe
Artikel 76 / 83
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Briefe

VERGILBTES PAPIER
aus DER SPIEGEL 39/1968

VERGILBTES PAPIER

(Nr. 37/1968, Münchner Abkommen) Es ist überaus wohltuend, endlich einmal eine differenzierende, also objektive Darstellung des Verhältnisses zwischen Tschechen und Sudetendeutschen während der letzten Jahrzehnte zu lesen, vor allem auch, daß die Volksdeutschen dort in ihrer überwiegenden Mehrheit eben keine Rassisten und Nazis gewesen sind. Nur -- dankbar sein kann man dem SPIEGEL dafür nicht, denn das alles hätte schon vor rund zehn Jahren geschrieben werden können.

Dörnberg (Nieders.) HEINZ BACH

Dieses Abkommen war vom Anfang an gerecht. Wer dieses Abkommen ablehnt und gleichzeitig den Vietnamkrieg verurteilt, ist schizophren.

Braunschweig H. HANKER

Die Völkerrechtswidrigkeit des Münchner Abkommens vom 29. September 1938 ist so offensichtlich, daß Streit und Zweifel hierüber unvertretbar erscheinen. Sachliche Gründe, die einer ernsthaften rechtlichen Überprüfung standhalten, lassen sich für die Gültigkeit dieses Vertragswerks nicht vorbringen. Dieses Abkommen, an dessen Abschluß die tschechoslowakische Republik nicht beteiligt war, stellt einen in der Rechtsordnung unwirksamen Vertrag zu Lasten eines Dritten dar.

Bad Godesberg DR. JUR. HANS-PETER VOGT

Wenn das Münchner Abkommen von 1938, wie auch aus Ihrer Abhandlung zu folgern ist, nur der Verwirklichung des Selbstbestimmungsrechts von mehr als drei Millionen deutscher Menschen diente, die in einem geschlossenen deutschen Siedlungsgebiet wohnten, dann kann ein solches Abkommen niemals nichtig sein oder gegen die allgemein gültigen Gesetze des Völkerrechts verstoßen.

München KARL KLINGER

Obwohl ich die Schlußfolgerungen Ihres Artikels »Münchner Abkommen« in dieser Form nicht teile, freue ich mich über die gründliche Arbeit des SPIEGEL. Was dort wiederum erschreckend sichtbar wird, ist die Tatsache, daß beide Seiten -- Tschechoslowaken und Deutsche -- in vielen ihrer politischen Handlungen immer wieder Rache für die Geschichte nehmen wollten.

Zur Entwicklung des deutsch-tschechoslowakischen Verhältnisses erlauben Sie mir noch folgende Ergänzungen:

Eduard Benesch glaubte von früh an, daß im Laufe der ersten Hälfte des Jahrhunderts der tschechische Volksteil durch seinen hohen Geburtenüberschuß sich gegenüber dem deutschen in den böhmischen Ländern durchsetzen werde. Bis kurz vor Hitlers brutalem Zugriff verweigerte Benesch ein Minderheitenstatut (obwohl es 1919 dem neuen Staate auferlegt und von Benesch selbst versprochen worden war) aus ideologischer Sturheit, die ihm zu glauben eingab, daß er den Sudetendeutschen verfassungsrechtlich nichts schuldig sei, weil sie bis 1949 (!) weniger als 20 Prozent des Staatsvolkes ausmachen würden. Als ich selbst zuletzt mit meinem Kollegen Dr. Müller-Hermann im Mai in Prag war, fiel mir auf, daß in den Schaufenstern vieler Buchhandlungen und bei den Straßenkiosken Bilder von Masaryk Vater und Sohn ausgestellt waren, nirgends aber ein Konterfei von Benesch. Staatspräsident Svoboda legte auch nicht am Grab von Benesch, sondern an demjenigen von Masaryk einen Kranz nieder.

Kaiserslautern (Rhl.-Pf.) DR. WERNER MARX MDB

Das von vier europäischen Großmächten unterzeichnete Abkommen kann nicht ohne weiteres annulliert werden. Ebensowenig kann eine einseitige Forderung der Tschechen, daß die Bundesrepublik die ausdrückliche Nichtigkeit erklären soll, erfüllt werden, da sonst unabsehbare Folgen für andere, ähnliche Abkommen allgemein entstehen könnten. Zum Beispiel wäre dann das Abkommen zwischen Hitler und Mussolini über Tirol und eventuell sogar das Konkordat mit der Katholischen Kirche zu revidieren.

Heiligenhaus (Nrdrh.-Westf.) EDUARD FISCHER

Erlauben Sie mir, Sie auf eine Unterlassung Ihrer Archivabteilung aufmerksam zu machen. In der Titelgeschichte zum Münchner Abkommen wird durch die Formulierung auf Seite 114 durch die Zitierung von Politikern aller drei Bundestagsparteien und die generelle Erwähnung von »Bonn der Eindruck erweckt, als ob es keinen Bonner Politiker gegeben hätte, der jemals die Nichtigkeitserklärung des Münchener Abkommens von Anfang an gefordert hätte.

Ihren Sachbearbeitern ist anscheinend entgangen, daß der damalige stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Helmut Schmidt schon am 3. Juni 1966 auf dem Dortmunder Parteitag eine solche Erklärung forderte (Protokoll Seite 460). Er erhob allerdings den Vorbehalt, daß zuvor die Staatsangehörigkeits- und vermögensrechtlichen Fragen geregelt werden müßten. Bei Gesprächen mit Politikern der CSSR, die Helmut Schmidt im Juli 1966 in Prag führte und die ich protokollierte, wurde ihm versichert, daß die genannten rechtlichen Fragen gelöst werden könnten; es käme der Regierung der CSSR allein auf eine politische Erklärung an.

Bonn WOLFGANG SCHULZ*

Und jenes vergilbte Papier von 1938, die Vollzugsanordnung eines vorher ohne Deutschland geschlossenen Abtretungsvertrages? Wer soll denn das widerrufen? Die Bundesrepublik auf keinen Fall, denn diese hat es nicht geschlossen, und deren Territorium betrifft es nicht.

Mühlacker (Bad.-Württ.) DR. ERHARD MORGENSTERN

1. Oktober 1938: Deutscher Einmarsch in die Tschechoslowakei. Besetzung des Sudetenlandes. Danktelegramin Faulhabers im Namen des deutschen Episkopats an den Führer: Der Führer hat den Frieden gerettet. Dankgottesdienste am folgenden Sonntag in allen deutschen Kirchen, In der Diözese Berlin wird von den Kanzeln verlesen: Gott hat das Gebet der Christenheit um Frieden erhört. Tedeum für Frieden und Anschluß der Sudetenländer an das Reich.

Es wäre gerade heute vielleicht ganz nützlich, einige »Christliche Abendländler« daran zu erinnern, was ihre »Hirten« damals alles gelobt haben.

Berlin PAUL MÜLLER

Wer keinen Unterschied zu machen weiß zwischen Hitlers Einmarsch in

* Wissenschaftlicher Assistent des Arbeitskreises I der SPD-Bundestagsfraktion.

Böhmen und dem der Warschauer-Pakt-Mächte -- zwischen faschistischen Horden und einem sozialistischen Verband, der seinen bestehenden sozialistischen Fundus, das beißt seine Existenz zu erhalten sucht, der ist entweder politisch ein Analphabet oder ein böswilliger Mensch, der den Weltfrieden stört. Den SPIEGEL werde ich mir vorläufig nicht mehr kaufen, damit ich mir künftig ähnliche Aufregungen erspare.

Reutlingen (Bad.-Württ.) MARTIN SCHANZ

Ihr Bericht über das Münchner Abkommen war im ganzen erfreulich objektiv. Als ein Versäumnis sehe ich es aber an, daß Sie über die Ereignisse von 1945 mit der etwas summarischen Bemerkung hinweggegangen sind, daß die Sudetendeutschen das Land »teilweise unter grausamsten Bedingungen« verlassen mußten.

Es hätte nichts geschadet, wenn Sie diese »grausamsten Bedingungen« etwas ausführlicher geschildert hätten.

Freiburg RÜDIGER BARTHOLME

Sie müssen selbstverständlich in dieselbe dumm-demokratische Kerbe hauen! 1938 bis 1968 ... Dabei sind die beiden Invasionen der Tschechoslowakei gar nicht miteinander zu vergleichen. Die Tschechen (und Slowaken) gehörten an die tausend Jahre zum Deutschen Reiche, Prag ist die älteste deutsche Universität, gegründet 1348! Unter Karl IV. wurde Prag Hauptstadt des Deutschen Reiches. Hitler glaubte, er müsse das Versailler Produkt »Tschechoslowakei«, nachdem er Österreich heim ins Reich geholt hatte, zur Abrundung haben. Die Hälfte der Wiener waren ohnehin Tschechen. Der Verrat der Tschechen an Österreich im Ersten Weltkrieg hat sich sehr bitter gerächt! Die Russen haben es ihnen heimgezahlt. Leider nicht denjenigen von damals, sondern einer ganz neuen Generation. Aber: ... an den Kindern bis ins dritte und vierte Glied!

Burg Esbach (Bad.-Württ.) ALFRED GRAF ESBACH-ESBACH

Über die Titelgeschichte Ihres Blattes war ich enttäuscht. Die Darstellung über das Münchner Abkommen von 1938 war doch nicht dringlich. Sie hätten es auch noch eine oder zwei Wochen später bringen können. Der Artikel enthält so viele falsche geschichtliche Angaben. Sie hätten doch vorher einen sudetendeutschen Politiker oder Historiker das Konzept überprüfen lassen sollen.

Wiesbaden DR. ROSSMEISSL

In der Geschichte »Das Münchner Abkommen von 1938« erwähnen Sie eine Episode, die sich nie ereignet hat. Daran, daß im September 1938 der tschechoslowakische Staatspräsident Dr. Benesch die sudetendeutschen »Unterhändler Kundt und Sebekovski« aufgefordert habe, ihre Forderungen gegen die Zusage, sie im voraus zu billigen, niederzuschreiben und, als seine Besucher schwiegen. selbst einen Papierbogen genommen habe, um nach Diktat die sudetendeutschen »Bedingungen« aufzuschreiben, ist kein wahres Wort. Dieses Märchen hat Herr Benesch 1945 im Rahmen eines Interviews einem Journalisten des »Daily Herald« aufgetischt, wo es auch am 8. Oktober 1945 veröffentlicht wurde

Diese Darstellung des Herrn Benesch ist zum Unterschied von der ernstzunehmenden deutschen Literatur in der englischen Literatur -- soweit mir bekannt -- kritiklos übernommen worden. Von englischen Autoren hat meines Wissens lediglich Ch. C. Tansil Zweifel an diesem Interview geäußert. Wenzel Jaksch schreibt hierzu in seinem Buch »Europas Weg nach Potsdam": »Der Kenner der zentraleuropäischen Geschichte mußte sofort merken, daß es sich um eine Nacherzählung der Begebenheit zwischen dem ungarischen Staatsmann Deák und den Kroaten vor dem Ausgleich von 1867 handelte.«

Essen DR. WILHELM SEBEKOVSKY

Auf Seite 106 zeigen Sie ein Bild von Konrad Henlein und schreiben, daß der andere Mann der Abgeordnete Sebekovski ist. Das ist aber niemals Herr Dr. Sebekovski, und außerdem war Dr. Sebekovski kein Abgeordneter. Er war lediglich Mitglied des Führungsrates der SdP. Er konnte gar nicht Abgeordneter werden, da er zur Zeit der Wahl das vorgeschriebene Alter noch nicht erreicht hatte.

Karl Hermann Frank war bestimmt ein Nazi, er konnte aber kein alter DNSAP-Führer sein. Als solcher wäre er nicht schon nach der Gründung der damaligen SHF Mitglied der Hauptleitung geworden und nach Einzug der SdP in das Prager Abgeordnetenhaus niemals Fraktionsführer dieser Partei.

Immenstadt (Bayern) GUSTAV SCHUBERT

Da ich den Zusammenbruch in Prag 1945 erlebt habe, gestatten Sie mir nur eine kleine Richtigstellung:

Der damalige Staatsminister Karl Hermann Frank wurde nicht in Preßburg, sondern in Prag öffentlich hingerichtet; es war ein Volksfest, an welchem über 30 000 Tschechen teilgenommen haben. Aufnahmen von dieser öffentlichen Hinrichtung sah ich 1946 in einer amerikanischen Wochenschau. Der ersten öffentlichen Hinrichtung nach der Neugründung der CSSR 1945 in Prag fiel der deutsche Bürgermeister von Prag, Professor Pfitzner, zum Opfer, der -- zum Unterschied von Frank -- kein Nazi gewesen war.

Josef Tiso, katholischer Priester und Staatspräsident der von 1939 bis 1945 selbständigen Slowakei, wurde trotz aller Proteste des Westens 1947 gleichfalls hingerichtet.

Detmold (Nrdrh.-Westf.) WALTER HABERHAUER

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 76 / 83
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel