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GRIECHENLAND Vergiß die Heimat nicht

Sowjetische Funktionäre warben um griechische Reeder -- mit ähnlichem Erfolg wie Tinas Kausow, scheint es.
aus DER SPIEGEL 32/1978

Als Christina Onassis im Moskauer Hochzeitspalast den sowjetischen Schiffahrtsexperten Sergej Kausow zum Manne nahm, brach für die Athener Verwandtschaft der Reederstochter eine Welt zusammen. Tinas Tante Artemis schimpfte: »Wenn sie nach Griechenland kommt, werden wir sie sofort zum Psychiater bringen.«

Eine andere Tina-Tante klagte: »Russen sollen jetzt auf unseren schönen Schiffen das Kommando führen -- unmöglich.«

Vielen Athener Reedern aber erscheint das heute weder unmöglich noch unwillkommen. Sie sind inzwischen weit entfernt davon, die Ausbreitung der sowjetischen Handelsschifffahrt als »rote Bedrohung« zu sehen, wie sie die griechische Schiffahrtszeitung »Naftika Chronika« noch im März erschreckt feststellte und vom greisen Onassis-Berater Kostas Gratsos ständig beschworen wurde.

Zunehmende Schwierigkeiten und schwindende Aussichten auf ein baldiges Ende der Tankerkrise zwingen die Griechen, sich mit dem Gedanken einer Kooperation mit der aufkommenden Schiffahrtsmacht Sowjet-Union allmählich vertraut zu machen.

Rund 300 von etwa 800 griechischen Reedereien kämpfen um ihr Überleben. Hunderte von Schiffen mit insgesamt 5,5 Millionen Bruttoregistertonnen, mehr als ein Sechstel der Griechen-Tonnage von 35 Millionen Bruttoregistertonnen, sind mangels Fracht aus dem Verkehr gezogen. Werften und Banken bangen um ihr Geld.

Möglich, daß Tinas Hochzeit psychologische und ideologische Barrieren bei den Griechen abbaut, von Moskau Hilfe anzunehmen. Die bieten die Sowjets schon seit langem an.

Bereits 1976 begannen sie, durch Kauf- und Beteiligungsofferten gegenüber krisenanfälligen Reedereien den Zugang zu der griechischen Handelsschiffahrt zu suchen, dienten sich durch lukrative Frachtaufträge als Retter an.

Dabei blieb es nicht. Anfang Februar signalisierte das Athener Rechtsblatt »Eleftheros Kosmos« eine »methodische und äußerst geheimnisvolle sowjetische Infiltration im Hafen von Piräus.

Sowjet-Unternehmen gründeten drei als Handelsfirmen getarnte Schiffahrtsgesellschaften. Die Gründer behielten 60 Prozent des Kapitals für sich. Sowjetische Staatsbeamte übernahmen das Management.

Schon im Mai aber meinten die Moskauer Funktionäre, sie brauchten ihre Präsenz nicht mehr zu kaschieren: Sie gründeten unter dem Firmennamen »Transmed Shipping SA« ihre zehnte Schiffahrtsgesellschaft in Westeuropa und betrauten sie mit der Vertretung ihrer Interessen, die bisher von Agenturen der Reeder Vernikos-Evgenidis und Moundreas wahrgenommen wurden.

Ein Dutzend Sowjet-Funktionäre, unterstützt von einheimischen Schifffahrtsexperten, die Transmed durch verlockende Offerten abwerben konnte, leiten seither die Moskauer Befehlszentrale in griechischen Gewässern.

Unterdessen hatten auch die Griechen begonnen, Gefallen an Zukunftsperspektiven im Verein mit den Sowjets zu finden. »Die Zukunft der Seetransporte« fand das Athener Blatt »Ta Nea«, »gehört wahrscheinlich der russischen und der griechischen Schifffahrt.«

Den Griechen schien sie bisher zu gehören. Ende Juni zählte die griechische Nationalflotte 4008 Schiffe mit einer Gesamttonnage von 35 Millionen Bruttoregistertonnen. Zusammen mit ihren meist unter Gefälligkeitsflaggen (wie Liberia und Panama) fahrenden Schiffen kontrollieren die Griechen heute etwa 5000 Tanker, Frachter und Passagierschiffe mit einer Gesamttonnage von 52 Millionen Bruttoregistertonnen. Damit stehen die Griechen auf Platz Nr. 1 in der Weltschiffahrt.

Aber immer mehr sehen sich die griechischen Reeder in den letzten Jahren einer wachsenden Konkurrenz durch die Sowjets gegenüber: Noch 1946 rangierte die Sowjet-Flotte an 23. Stelle, heute hat sie bereits mit 8167 Schiffen und 21,4 Millionen Bruttoregistertonnen den 6. Platz in der Weithandelsflotte inne. Die laufenden Schiffbau-Aufträge der Sowjets machen weitere 5,7 Millionen Bruttoregistertonnen aus.

Die rote Flotte machte den Griechen schwer zu schaffen. Konnten die Südländer noch vor einigen Jahren für erhebliche Frachtaufträge aus der Sowjet-Union, vor allem Getreide- und Erztransporte, eingesetzt werden, so benutzten die Sowjets im bilateralen Handel immer häufiger ihre eigenen Schiffe.

Die griechische Handelsschiffahrt wurde durch eine Dumpingpolitik, die westliche Frachtraten bis zu 40 Prozent unterbietet, aus angestammten Geschäftsbereichen verdrängt. Heute befördern die Sowjet-Schiffe mehr als zwei Drittel der Waren in ihrem Handel mit Großbritannien, 95 Prozent der Güter im Handel mit Holland und drei Viertel der Frachten im Handel mit der Bundesrepublik.

Schlimmer noch könnte die Lage für Griechenlands Schiffer werden, wenn die EG die Empfehlung der Uno-Konferenz für Handel und Entwicklung (Unctad) akzeptieren würde, die Beförderung von Frachten zu je 40 Prozent auf das Ausfuhr- und das Einfuhrland aufzuteilen und nur 20 Prozent Dritten zu überlassen.

Die Frachtchancen im EG-Handel würden dadurch für die Griechen auf ein Minimum sinken. Sie befürchten überdies, die EG-Vollmitgliedschaft ihres Landes würde die griechische Handelsschiffahrt um ihre entscheidenden Vorteile gegenüber den Konkurrenzflotten der Partnerländer bringen: niedrigere Heuern und Sozialabgaben, wenig penible Betriebs- und Sicherheitsvorschriften.

Diese Befürchtungen treiben die Griechen möglicherweise dazu, die Zusammenarbeit mit den Sowjets zu verstärken. Auf dem Papier existiert diese schon seit Dezember 1975. Damals wurde ein Schiffahrtsabkommen zwischen beiden Ländern geschlossen. Eine gemischte griechisch-sowjetische Schiffahrtskommission tritt turnusmäßig zusammen. Auf ihrer Tagung im Januar in Moskau forderten die Sowjets die Unterstützung der Griechen in internationalen Schiffahrtsorganisationen. Die Griechen sagten zu -- »unter der Bedingung der Gegenseitigkeit oder der Identität der Interessen«. Die sich anbahnende Interessengemeinschaft könnte dem Westen zu schaffen machen. Vergebens suchte letztes Jahr der britische Transportminister William Rodgers während seines Besuchs in Athen die Griechen dazu zu bewegen, geplante Maßnahmen des Westens gegen die Sowjetschiffahrt zu unterstützen. Die Griechen lehnten ab, sich an einer Politik der Repressalien gegen die Sowjets zu beteiligen, denn dies würde weder der griechischen Handelsschiffahrt noch den allgemeinen Interessen des Landes nutzen.

Den Interessen des Landes dient wohl eher, sich den lukrativen Frachtmarkt der Dritten Welt aufzuteilen. Die Entwicklungsländer bieten 4<) Prozent aller Seefrachten, befördern aber nur sechs Prozent durch ihre eigenen kleinen nationalen Flotten.

Schon gelang es den Sowjets, Schifffahrtswege, die westliche Reedereien traditionell und ungestört seit Jahrzehnten bedienten -- dank billiger Raten -, unter ihre Kontrolle zu brinen.

Griechen und Sowjets wollen sich diesen Markt teilen. Die UdSSR versucht auch immer mehr, die griechischen Reeder zur Abwicklung von Waffen- und Mineralöltransporten in Krisengebieten einzusetzen und Blockaden zu brechen.

Bei ihrem Flirt mit den Griechen locken die Sowjets auch mit attraktiven Angeboten. Sie bieten etwa langfristige Zeitcharterverträge an. Nach ähnlichen Abkommen fahren bereits fünf Onassis-Schiffe für die sowjetische Staatsfirma »Sovfracht«.

Das Magazin »Tachydromos« freilich entdeckte auch Nachteile des »griechisch-russischen Liebesabkommens": Die Onassis-Flotte beschäftigt heute 4000 Griechen. Keines der Schiffe fährt aber unter griechischer Flagge.

Das bedeutet unter anderem, daß Schiffsbesatzungen jederzeit durch Seeleute anderer Nationalität ausgewechselt werden können. Bisher wurden Onassis-Schiffe von der Sovfracht für bestimmte Zeit, stets aber mit griechischen Besatzungen und griechischer Leitung gechartert.

In Zukunft könnte aber Christina »bare boat«-Verträge mit den Sowjets abschließen, also die Schiffe ohne Besatzungen der Sovfracht überlassen.

Dies würde Christinas Profite spürbar erhöhen, weil diese Charterform den Reeder von allen Verpflichtungen für den Betrieb der Schiffe entlastet. Das heißt: kein Ärger mit Transport-Terminen, mit streikendem Personal, mit Gewerkschaften. Für die Griechen aber bedeutete dies, daß 4000 Menschen mitten in der Krise arbeitslos würden.

Ob derlei Aussichten Griechenlands Reeder davon abhalten, profitträchtige Verträge mit den Sowjets zu schließen, steht dahin. Die Sowjets jedenfalls scheinen fest entschlossen, die Arme für Griechenlands Reeder auszubreiten, wie Schiffahrtsfunktionär Sergej für die Onassis-Tochter Christina.

Damit sich der Genosse nicht etwa in Liebeslust verliere, mahnte noch die Standesbeamtin: »Wohin du auch gehst, vergiß deine Heimat nicht.«

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