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JORDANIEN Verglühen des Augensterns

Byzantinische Verhältnisse am Jordan: König Hussein entmachtet seinen Bruder - auch auf Druck der USA. Der neue Kronprinz ist nicht Washingtons erste Wahl.
aus DER SPIEGEL 5/1999

Der Krankenbesuch war wohl selbst für den gewieften US-Sicherheitsberater Sandy Berger eine heikle Mission. In der Mayo-Klinik von Rochester sollte der enge Vertraute von Präsident Bill Clinton den jordanischen König Hussein, 63, auf ein Tabuthema ansprechen: die Geschicke des Landes nach dem Tod des Herrschers.

Vorsichtig deutete der Clinton-Gesandte das »politische Vakuum« an, das Majestät hinterlassen würden. Der designierte Thronfolger Hassan, 51, während der monatelangen Chemotherapie des an Lymphknotenkrebs leidenden Bruders mit der Führung des Königreichs beauftragt, zeige nach Einschätzung Washingtons einfach »zu viele Schwachstellen«, um »dieses große Erbe« antreten zu können.

Ermuntert durch das Schweigen des Königs, drängte der Clinton-Berater offen auf die Entmachtung des unfähigen Stellvertreters: »Majestät, wir sind überzeugt, daß Sie die Reaktion Ihrer Familie auf eine solche Entscheidung in den Griff bekommen.« Empört wies Hussein die Aufforderung zum politischen Brudermord zurück: »Hassan ist mein Augenstern.«

* Mit Königin Nur und Bruder Hassan bei seiner Ankunft in Amman.

Doch am vergangenen Montag, rund sechs Wochen nach Bergers Krankenbesuch in Rochester, handelte Hussein: Kaum aus den USA heimgekehrt, verstieß der König den Bruder und ernannte seinen ältesten Sohn Abdullah, 38, zum neuen Kronprinzen.

Die Rochade könnte der wohl letzte Schachzug des fintenreichen Herrschers sein. Trotz aller offiziellen Beteuerungen, den Krebs besiegt zu haben, scheint der Kampf des politischen Überlebenskünstlers gegen die Tumoren verloren. Von Fieberschüben und Schmerzen gezeichnet, mußte der König am Dienstag in die Mayo-Klinik zurückkehren.

Der Handstreich Husseins überraschte selbst mit dem Palast gut vertraute Diplomaten in Amman. Immerhin hatte Hassan, der den König bei dessen Rückkehr noch devot mit Handkuß begrüßt hatte, seinem Bruder 34 Jahre treu als Kronprinz gedient. Um ihn 1965 zum Thronerben bestimmen zu können, ließ der König sogar die Verfassung ändern. Die sah den ältesten Sohn des Herrschers als Nachfolger vor.

Doch bedroht von Attentatsversuchen - in all den Jahren sollen es mindestens 17 gewesen sein -, wollte Hussein das Land bei seinem Tod in den Händen eines besonnenen Familienmitglieds wissen. Der jetzt ernannte Kronprinz Abdullah war damals gerade vier Jahre alt.

Hassans Gegenspielerin wurde die machtbewußte Königin Nur. Die Architektin aus libanesisch-amerikanischer Familie hegte Zweifel an der Redlichkeit ihres Schwagers. Der sollte die Macht später nicht an seinen eigenen Sohn Raschid, 19, vererben, sondern einem Sproß Husseins übertragen - in den Augen der Königin konnte das nur ihr Sohn Hamsa, 18, sein.

Tatsächlich verhielt sich Hassan, seiner Thronfolge offenbar allzu sicher, zunehmend illoyal. Um seine Machtübernahme vorzubereiten, wollte der Kronprinz königstreue Generäle absetzen und unliebsame Regierungsmitglieder austauschen. Seine Frau, eine pakistanische Prinzessin, hatte angeblich schon neue Dekors für das königliche Arbeitszimmer im Basma-Palast ausgewählt.

Um Hassan ins Abseits zu drängen, soll Königin Nur den Vorstoß der Clinton-Delegation, der auch Außenministerin Madeleine Albright und hohe Geheimdienstler angehörten, mit eingefädelt haben.

Die US-Strategen äußerten ihre Besorgnis über den mangelnden Rückhalt des spröden Intellektuellen Hassan im Volk, vor allem bei den Palästinensern; die stellen über die Hälfte der gut vier Millionen Einwohner des Sandstreifens, den Husseins Großvater Abdullah nach dem Ersten Weltkrieg den Briten aus der Erbmasse des Osmanischen Reiches abgetrotzt hatte.

Bei den Beduinen-Truppen in der Armee, die den König als verwegenen Kämpfer verehren, der sich nur mit einer Pistole feindlichen Panzern entgegengestellt habe, gilt Hassan als Sandkastenstratege. Die zähen Wüstenkämpfer aber sind die wichtigste Stütze der Herrscherfamilie. Vor allem mit ihrer Hilfe konnte Hussein im »Schwarzen September« 1970 einen Putschversuch der PLO niederschlagen.

Besonders fürchtet Washington, daß ein schwacher Hassan den Islamisten politisch zu sehr entgegenkommen könnte. Der König bändigt die von den USA als Friedensgegner verteufelten religiösen Eiferer mit einer geschickten Mischung aus Einbindung und Einschüchterung.

Die US-Delegation schlug auch gleich einen neuen Kronprinzen vor: den Nur-Sohn Hamsa. Dessen Jugend sei trotz der schweren Aufgabe kein Problem - schließlich habe der Prinz, wie einst der junge König, eine starke Mutter hinter sich.

Husseins Wahl fiel gleichwohl auf seinen Sohn aus der Ehe mit der Engländerin Antoinette Gardiner. Als Brigadegeneral der »Sondereinheit für Operationen der Streitkräfte«, die auch für die Sicherheit der Herrscherfamilie verantwortlich ist, genießt Abdullah hohes Ansehen beim Militär. Die Palästinenser schätzen ihn, weil er ein Mädchen aus ihrem Volk geheiratet hat. Und weil angeblich unverrückbar festgeschrieben werden soll, daß Nurs Sohn Hamsa später Abdullahs Kronprinz wird, gibt sich auch die Königin wohlwollend.

Einziger Makel des neuen Thronerben: Abdullah, wie der Vater Freund schneller Autos und schöner Frauen, interessiert sich nicht sonderlich für Politik.

DIETER BEDNARZ, ADEL S. ELIAS

* Mit Königin Nur und Bruder Hassan bei seiner Ankunft inAmman.

Adel S. Alias
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