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Griechenland Verhältnisse der Vierten Welt

Leros, als »Insel der Verrückten« verrufen, verwaltet psychisch Kranke wie Tiere.
aus DER SPIEGEL 38/1989

Einem EG-Konferenzteilnehmer, zu Gast auf der Dodekanes-Insel im Ägäischen Meer, kam eine klassische Assoziation:

»Im antiken Griechenland lag der Eingang zum Totenreich, dem Hades, in einer Höhle auf dem Peloponnes. Heute liegt er hier, auf der Insel Leros.«

Die wenigen Touristen, die dort nach Spuren und Bauten der Hellenen, Johanniter, der Türken- und Italienerherrschaft Ausschau halten, ahnen nicht, daß ihnen in der Bucht von Lakki das lebendige Grauen verborgen bleibt, hinter italo-kolonialen Kasernenmauern, Stacheldraht und Gefängnisgittern: Aussätzige der Neuzeit - geistig, seelisch und körperlich schwer Behinderte und Kranke, die wie Vieh gehalten werden.

Leros steht in schlechtem Ruf bei den Griechen. Es war einst Insel der Leprösen, dann, nach der Rückkehr von Italien ins Griechen-Reich 1947, Umerziehungslager für 3000 Kinder geflohener oder im Bürgerkrieg getöteter kommunistischer Partisanen. Der griechischen Obristen-Junta diente die Insel (1967 bis 1974) als eines ihrer Konzentrationslager für die Regimegegner. Prominenteste Häftlinge: der am Zustandekommen der heutigen Übergangsregierung beteiligte KP-Chef Charilaos Florakis und der Dichter Iannis Ritsos.

Doch der lastendste Schatten auf dem sonnigen Eiland ist ihr schauriger Ruhm als »Insel der Verrückten«, als Endreiseziel Tausender psychisch kranker und behinderter Griechen, die - oft in Ketten - auf den berüchtigten »Irren-Schiffen« seit 1957 dort angelandet wurden.

Die Anstalt in Leros trägt den euphemistischen Namen »Staatliches Krankenhaus«. »Mülleimer der anderen psychiatrischen Anstalten« nannte sie, treffender, die Zeitung Eleftherotypia.

»Wer nach Leros ausgeliefert wird«, so der deutsche Journalist Mario Damolin nach einem Besuch, »der ist am Ende, denn dort hausen die ,Unheilbaren', die nur noch auf ihren Tod warten.«

1125 Männer, Frauen und Kinder sind es derzeit, getrennt in Abteilungen. Die meisten sind hier länger als zwei Jahrzehnte, verlorene Seelen ohne Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft. Fast alle sind untergebracht in turnhallengroßen Sälen mit bis zu 80 Betten, dicht an dicht, kein Platz für ein Kästchen mit persönlicher Habe.

»In einem Saal liegen sie auf dem Boden oder auf den mit Urin, Kot oder Erbrochenem verschmutzten Betten herum«, berichtet Damolin. Kein Unterschied zwischen psychisch Kranken und körperlich oder geistig Behinderten. Damolin: »Hier schläft der Epileptiker neben dem Schizophrenen, der Manisch-Depressive neben dem Alkoholiker und zwischendrin vielleicht ein Gesunder, der womöglich durch eine Familienintrige in die Psychiatrie geraten war.«

In der Kinderabteilung werden die Patienten in Stumpfsinn, Leere und Trostlosigkeit verwahrt, einige sind an ihre Betten angebunden. Einziger Schmuck im Raum sind ein paar Puppen und Teddybären, doch die sind hoch an die Decke genagelt, damit die Kleinen nicht drankommen.

Der Gestank von Exkrementen, Fäulnis und Moder hängt über dem Gelände, besonders da, wo »die Nackten« der Abteilung 16 vegetieren: 80 Männer, von ihren Wächtern »hezades« (Scheißer) genannt.

Wer fragt, warum sie völlig nackt sind, bekommt vom Personal die Antwort: »Sie sind die Schlimmsten.« Sie sind »die Aussortierten, Schmutzigen, Selektion der Selektion der Selektion«, entsetzte sich der Autor Klaus Hartung, der die Anstalt von Leros vor wenigen Monaten besichtigen durfte und seine Erlebnisse so zusammenfaßte: »Endzustände der Psychiatrie.«

Oder: »Verhältnisse nicht der Dritten, sondern der Vierten Welt«, so ein Delegierter des EG-Sozialfonds. Brüsseler Bürokraten wissen, was auf Leros passiert, es ist längst kein griechisches Geheimnis mehr. Mehrere Expertenkommissionen sind in den achtziger Jahren nach Leros gereist, diese Woche treffen sich abermals Fachleute auf der Insel. Sie alle haben bislang erschrocken kehrtgemacht, eine Fülle von Reformvorschlägen unterbreitet und 25 Millionen Mark aus dem EG-Sozialfonds zur Verfügung gestellt. Geändert hat sich wenig.

»Ich schäme mich«, sagte Griechenlands Gesundheitsminister Miltiadis Evert nach einem Augenschein. »Ich schäme mich als Psychiater und Grieche«, so auch Athens Psycho-Papst Professor Kostas Stephanis. Aber weder Geld noch Scham konnten bisher Wesentliches bewirken.

Selbst wenn Psychiater, wie etwa der auf der Insel tätige Ioannis Loukas, argumentieren, Leros sei »das Produkt der traditionellen Psychiatrie« - jenes überall gebräuchlichen Systems des Abschiebens und Verwahrens bis zum Tod -, so könnte doch das absolut menschenunwürdige Los der Kranken gemildert werden. Loukas, ein Anhänger der offenen Psychiatrie: »Auf jeden Fall muß man durch die Scheiße gehen, um eine Besserung zu erzielen.«

Doch das stößt auf unerklärliche Schwierigkeiten: Jahrelang gab es nur eine Psychiaterin für die über 1000 Pfleglinge, mit Loukas sind es jetzt ganze zwei Fachkräfte. Von den 800 Wärtern sind allenfalls eine Handvoll ausgebildet.

Als die EG-Millionen bereitgestellt wurden, war ausdrückliche Bedingung, daß die Mittel nicht in Baulichkeiten, sondern in Therapie und Rehabilitierung investiert werden. Was geschah? Ein paar Pavillons wurden gebaut, um die Hallen zu entlasten. Seit vier Monaten läuft ein »Interventionsprogramm« mit zeitweiliger Unterstützung ausländischer Fachkräfte, die sich vorrangig einer kleinen Zahl Auserwählter aus der Abteilung 16 annehmen. Aber: 78 Prozent des Geldes blieb einfach liegen - für Brüsseler Finanziers ein rundweg unbegreifliches Phänomen, bedienen sich die Griechen doch sonst eifrigst der diversen Euro-Töpfe. Vorige Woche hat die EG-Kommission deshalb eine Untersuchung eingeleitet.

68 Arztstellen sind theoretisch für Leros vorgesehen, aber Griechenlands Mediziner scheuen den Ort, trotz beträchtlicher Aufschläge aufs Grundgehalt, wie das Totenreich. Vor zwei Jahren sollten vier Psychiater aus anderen griechischen Heilanstalten nach Leros versetzt werden, kurz vor einem internationalen Fachärztetreffen auf der Insel, aber die Hippokrates-Jünger weigerten sich, »aus therapeutischen und wissenschaftlichen Erwägungen«. Leros sei »ein Fleck auf der Karriere«, sagt ein Arzt, »wer in Leros gewesen ist, ist erledigt«.

Aber noch andere starke Kräfte müssen es sein, die jede Veränderung auf Leros verhindern. Wer ihnen nachspürt, stößt schnell auf die unfreiwillige Symbiose, welche die Kranken mit der Inselbevölkerung eingegangen sind.

Der Umstand, »Insel der Verrückten« zu sein, hält Leros mit seinen 8000 Menschen wirtschaftlich am Leben. Zu 70 Prozent existiert die Erwerbsbevölkerung von der Anstalt.

Bauern, Fischer und Hirten sind die Hüter der Kranken, praktisch jede Familie entsendet mindestens ein Mitglied zu diesem Zweck in die Anstalt. Über ihre Qualifikation sagt ein junger griechischer Mediziner: »Diese Wärter wissen nicht, was Geisteskrankheit ist. Medikamente kennen sie nur nach der Farbe: eine rote, zwei weiße, zwei rosa.« Vor einem Patienten, der gerade einen epileptischen Anfall erlitt, warnte ein Wärter den Arzt: »Vorsicht, Doktor, nicht hinschauen. Epilepsie verhext.«

Der britische Psycho-Mediziner Bob Grove, der in Leros Wärter nach ihrer Berufseinstellung befragte: »Sie sagen, es ist, wie wenn man Tiere hütet. Aber sie sagen das in aller Unschuld.«

Neben den 1000 Insulanern, die direkt im Lohn des sogenannten Hospitals stehen, sind auch Metzger, Bäcker, Gemüse- und Obstlieferanten, Pharma-Versorger, Handwerker und viele mehr weitgehend von der Anstalt abhängig.

Deren Verwaltung setzt sich aus Leros-Einwohnern zusammen, was eine Vielzahl von Interessenverflechtungen bewirkt. Der Präsident beispielsweise ist gleichzeitig Bürgermeister, sein Vize ist Bauunternehmer und Kaufmann, natürlich haben sie tausenderlei verwandtschaftliche, freundschaftliche und Wähler-Rücksichten zu nehmen.

Das oberste Gesetz der Insel-Ökonomie ist mithin der Erhalt ihres Depots menschlichen Elends um jeden Preis.

Wie weit die Leros-Bewohner dabei zu gehen bereit sind, bewiesen sie, als der Diktator Papadopoulos kurz vor seinem Sturz eine Amnestie für politische Gefangene in Aussicht stellte. Leros protestierte dagegen, die Existenz der Insel sei in Gefahr, falls es keine Gefangenen mehr gäbe.

Oder 1981, als zehn junge griechische Ärzte im Rahmen des »Agrotikon«, eines Pflichtjahres auf dem Lande, nach Leros kamen. Sie prangerten den Horror von Leros öffentlich an und wurden dafür von den Lerioten mit Todesdrohungen bedacht, einige tatsächlich zusammengeschlagen.

Einen Plan, die Anstalt stufenweise zu schließen, lehnten die Einwohner rundweg ab. Dimitris Konstantaras, Vizepräsident des Krankenpfleger-Vereins: »Die psychiatrische Heilanstalt kann erst dann weg, wenn wir es wollen, denn sie ist unsere einzige Erwerbsquelle.«

Dies freilich ist eine Rechnung ohne die allerhöchste Instanz.

Auf Druck der EG haben Athens Sozialisten, als sie noch regierten, versprochen, Leros würde keine Neuzugänge mehr bekommen. Sie schienen zu hoffen, die »Schande« Leros (so die Zeitung Ta Nea) würde sich von selbst verflüchtigen.

Wie das geschieht, erklärte Ex-Staatssekretär Christos Oikonomou: »Wir werden diese Personen nicht in den Käadas* werfen. Der liebe Gott wird sie mitnehmen.« f

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