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OPFER Verhängnisvoller Termin

Zwei der rund hundert Deutschen, die nach den Terroranschlägen in den USA vermisst werden, trafen sich kurz zuvor zur falschen Zeit am falschen Ort. Die Angehörigen hoffen noch.
aus DER SPIEGEL 39/2001

Die beiden Deutschen kennen sich vorher nicht. Klaus Sprockamp, Manager aus Heidelberg, und Sebastian Gorki, Banker aus Iserlohn, begegnen sich zum ersten Mal. Es ist eine jener geschäftlichen Verabredungen, wie sie in New York tagtäglich hunderttausendfach stattfinden. Verhängnisvoll sind Datum, Zeitpunkt und Ort: 11. September, 8.30 Uhr, World Trade Center.

Weit oben, im 94. Stockwerk des Südturms, wollen beide gemeinsam die Entscheider der Firma Fiduciary Trust Co. Intl. überzeugen, in das Heidelberger Hightech-Unternehmen Lion Bioscience zu investieren.

Während der Verhandlungen, um 8.45 Uhr, schlägt im Nachbarturm eine Boeing 767 der American Airlines ein; kurz darauf kracht das zweite Passagierflugzeug in den Südturm.

Seitdem sind die Geschäftsleute vermisst. Höchstwahrscheinlich begraben unter dem riesigen Schutthaufen im Süden Manhattans.

Um Sprockamp bangen noch immer seine Ehefrau, eine Ärztin, und zwei Kinder, drei und fünf Jahre alt. Der 42-jährige Manager gilt als geistesgegenwärtig, als umsichtig auch in Stresssituationen. Haben ihm diese Eigenschaften womöglich geholfen, liegt er vielleicht doch verletzt in einem Krankenhaus?

Auf ein Wunder hoffen auch die Freundin von Sebastian Gorki, die ein Kind erwartet, und die Eltern des Bankkaufmanns. Der 27-Jährige, schon mit zwölf Mitglied bei der Freiwilligen Feuerwehr Iserlohn, zuletzt sogar Truppführer, war bekannt als versierter Brandbekämpfer, der auch bei Katastrophen nie panisch reagierte. Hat ihn vielleicht doch seine Feuerwehrausbildung gerettet?

Die Begegnung der Deutschen am 11. September im World Trade Center ist Zufall - trotz ähnlicher Lebensentwürfe, ähnlicher Ziele. Beide wollen hoch hinaus. Beide haben schon rasante Karrieren hinter sich, schnell, erfolgreich, auf internationaler Ebene. Karrieren, die im Zeitalter der Globalisierung fast zwangsläufig nach New York führen, in die Hochburg der neuen Eliten.

Klaus Sprockamp verbringt mehr als ein Drittel seiner Arbeitszeit in der amerikanischen Metropole: Umtriebig, wachsam, unermüdlich bis zur Erschöpfung. Seine Firma braucht dringend mutige Investoren, die Kapital für Zukunftstechnologien bereitstellen, sich nicht von möglichen Verlusten abschrecken lassen.

Der Manager, redegewandt, präzise, verhandelt geschickt und erfolgreich. Verbindlich im Auftreten, hart in der Sache.

Erst seit Januar 1999 ist der diplomierte Wirtschaftsingenieur aus Bottrop, der an der Technischen Universität Darmstadt studiert hat, Finanzchef beim Heidelberger Software-Unternehmen Lion Bioscience, einem der Senkrechtstarter am Neuen Markt und an der New Yorker Nasdaq. Die Aktiengesellschaft, erst 1997 von dem Krupp-Nachfahren Friedrich von Bohlen und Halbach gegründet, entwickelt sich sensationell: Die Zahl der Mitarbeiter schnellt von 6 auf 450, davon rund 300 in Deutschland.

Das Unternehmen, das Computerprogramme für die Pharmaforschung entwickelt, verkauft seine Software an Konzerne wie Novartis, GlaxoSmithKline und Aventis. Eine Kooperation mit Bayer bringt 100 Millionen Dollar in die Kasse. Der Börsenkurs steigt zeitweise auf über 123 Euro.

Als der Neue Markt bröckelt, der Kurs der Lion-Aktie auf unter 20 Euro sackt, sind die Qualitäten von Finanzchef Sprockamp mehr denn je gefragt: Der Mann bewährt sich jetzt als besonnener Krisenmanager, kämpft gegen die Panik am Markt. Häufiger als sonst fliegt er nach New York.

Manhattan ist auch das Traumziel von Sebastian Gorki aus Iserlohn. Den jungen Mann aus der Provinz fasziniert die Lebensart, die brodelnde Unruhe, die Vielfalt der Kulturen und Sprachen. Die flotten Sprüche der Banker, ihre schicke, betont elegante Kleidung.

Dass er selbst so schnell dazugehören wird, kann er sich nach dem Wirtschaftsabitur nicht vorstellen. Da ist er heilfroh, einen der begehrten Ausbildungsplätze bei der Deutschen Bank in Iserlohn zu ergattern. Anfangsgehalt: 1200 Mark.

Danach geht es nur noch aufwärts. Vorgesetzten fällt der Eleve schnell durch Ehrgeiz und Selbstbewusstsein auf. Noch während der Ausbildung darf er in die Frankfurter Zentrale wechseln. Im Jahr 2000 bekommt er die Option New York, für zunächst zwei Jahre und mit Rückkehrrecht.

Zurück nach Deutschland zieht es den Aufsteiger jedoch nicht. Sein Job im Aktienhandel macht ihm Spaß, mit den Kollegen kommt er gut klar, von seinem Büro in der 52. Straße, weitab vom World Trade Center, ist es nur ein kurzer Fußweg zum Central Park.

Er verliebt sich in eine Südamerikanerin, zieht mit ihr zusammen, freut sich auf die Geburt seines ersten Kindes. Den Eltern, die den Sohn besuchen, zeigt er stolz New York und die Ostküste.

Dass seine Zukunft, wie es aussieht, am 11. September endet, ist die bittere Konsequenz eines Zufalls, schicksalhaft, unbegreiflich. Eigentlich soll ein anderer Kollege den Lions-Manager Sprockamp zum Termin ins World Trade Center begleiten. Doch weil dieser Kollege den Termin verpasst, fährt Sebastian Gorki als Vertretung in den 94. Stock. Er ist so in Eile, dass er seine sämtlichen Papiere, sogar seinen Ausweis, im Büro liegen lässt.

Nach dem Einschlag im Nebengebäude, kurz vor 9 Uhr, ruft der Bankangestellte noch über Handy seine Sekretärin an. »Don''t worry«, beruhigt er sie, »ich bin okay. Wir werden jetzt evakuiert.«

Kurz darauf, berichten Überlebende, gibt es jedoch eine irritierende Lautsprecherdurchsage: »Unser Gebäude ist nicht betroffen und sicher. Sie können zurück an Ihre Arbeitsplätze gehen« - ein Hinweis, der womöglich auch die beiden Deutschen von einer schnellen Flucht nach unten abhält.

Die Maschine, die Minuten später, um 9.03 Uhr, in den Südturm rast, trifft die Stockwerke 85-95. Wer sich dort aufhielt, vermuten Experten, hatte einen schnellen Tod.

Ob das auch für die anderen Deutschen zutrifft, die noch unter den Trümmern vermutet werden, weiß keiner.

Um Klarheit, um Gewissheit zu haben, sind Angehörige der Vermissten, darunter auch die Ehefrau von Manager Sprockamp, nach New York geflogen. Dort werden sie von Psychologen betreut.

Die Eltern von Banker Gorki warten dagegen zu Hause, ob nicht doch noch, nach fast zwei Wochen, ein Lebenszeichen aus den USA kommt. Bleibt es aus, wäre ihr Sohn eines von zwei Opfern bei der Deutschen Bank. BRUNO SCHREP

Viele deutsche Opfer

Noch nie wurden so viele Deutsche Opfer einer Terroraktion wie bei den Attacken in den USA. Zwar haben sich erste Meldungen, in denen von über 500 Toten die Rede war, als falsch herausgestellt. Inzwischen gilt jedoch als fast sicher, dass etwa 100 deutsche Staatsangehörige unter den New Yorker Trümmern liegen. Zum Vergleich: Der Linksterrorismus von RAF und anderen deutschen Gruppierungen kostete 48 Menschen das Leben. Die einzigen Bundesländer, in denen bislang keine Deutschen vermisst werden, sind Sachsen-Anhalt und Bremen. Einer Liste des Auswärtigen Amtes zufolge ist Nordrhein-Westfalen mit 22 Verschütteten am schlimmsten betroffen, gefolgt von Bayern (15), Berlin und Hessen (je 6). Ob die Vermissten je geborgen und identifiziert werden können, ist fraglich. Die Aufräumarbeiten werden mindestens sechs Monate dauern.

* Als Feuerwehrmann in Iserlohn.

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