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KARRIEREN Verhinderte Friedenstaube

Die ehemalige RAF-Aktivistin Silke Maier-Witt als »Friedensfachkraft« im Kosovo? Einige Ministerien haben Angst vor dem öffentlichen Echo.
Von Gerd Rosenkranz
aus DER SPIEGEL 39/1999

Siebzig Frauen und Männer meldeten sich auf die kleine Anzeige in der »Zeit«. Sie reizte derselbe heikle Job: Frieden schaffen ohne Waffen in der derzeit unfriedlichsten Region des europäischen Kontinents. Nach fünfmonatigem Training sollen die Bewerber den verfeindeten Volksgruppen im Kosovo als »Friedensfachkräfte« bei der Suche nach einem Zusammenleben jenseits von Terror und Mord helfen.

Unter den drei ausgewählten Bewerbern beeindruckte die Friedensarbeiter eine schmale, nicht mehr ganz junge Frau. Sie, lobte ein Kommissionsmitglied, erscheine »in besonderer Weise geeignet, Menschen zu helfen, von Hass und Gewalt abzulassen und neue gewaltfreie Wege zu gehen«.

Die Gelobte heißt Silke Maier-Witt und ist 49 Jahre alt. Die »eigenen Erfahrungen«, die die Diplompsychologin in den Augen der Tester für den Friedensdienst qualifizierten, sammelte sie in den siebziger Jahren in einem ausgesprochen unfriedlichen Umfeld - als Mitglied der »Roten Armee Fraktion« (RAF).

Ein Vierteljahrhundert später lässt sie nun der Staat zu einer von zunächst 16 Friedensfachkräften für den Balkaneinsatz ausbilden - just jener Staat, den Maier-

* Am vorletzten Sonntag mit serbischen Flüchtlingen, die in ihr Dorf in der Krajina zurückkehren.

Witt und ihre Genossen seinerzeit mit der Waffe in der Hand bekämpften. Der Kurs, in dem die Teilnehmer Konflikte auch in extremen Stress-Situationen mit friedlichen Mitteln einzudämmen lernen, wird mitfinanziert vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ).

Ministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul ("Entwicklungspolitik ist Friedenspolitik") kommt damit einer alten Forderung aus der Friedensbewegung nach. Neben den Soldaten der Bundeswehr soll künftig ein kleines Kontingent ausgebildeter Konflikthelfer beim Aufbau »zivilgesellschaftlicher Strukturen« helfen.

Geschaltet hatte die Anzeige für den Kurs in »gewaltfreier Konfliktbearbeitung« Ende Juni das Forum Ziviler Friedensdienst. Der Zusammenschluss aus 30 kirchlichen und anderen nichtstaatlichen Friedensgruppen streitet seit seiner Gründung im Jahre 1994 mit wenig Geld und viel Engagement für eine zivile Alternative zu militärischen Einsätzen auf dem Balkan und in anderen Krisenregionen.

Die zur Friedenskämpferin gewandelte frühere RAF-Frau Maier-Witt wirkte auf das Ministerium indes alles andere als friedensstiftend. Im Gegenteil: Panik kam auf im Haus der einstmals »roten Heidi«.

Zwar ist die Ministerin, in den siebziger Jahren Juso-Bundesvorsitzende, über jeden Verdacht erhaben, jemals mit den RAF-Desperados sympathisiert zu haben. Die BMZ-Spitze aber fürchtet Schlagzeilen der Boulevardpresse wie etwa: »Bundesregierung schickt Terroristin auf Friedensmission ins Kosovo«.

Obschon RAF-Anwälte es in der rotgrünen Bundesregierung zum Kanzler oder Innenminister gebracht haben und ein einstiger Straßenkämpfer nun Chefdiplomat ist, schrillten auch im Justizressort von Herta Däubler-Gmelin (SPD) die Alarmglocken. Zweifel kamen auf, »ob wir das in der Öffentlichkeit durchhalten können«.

Wie eine geheime Kommandosache behandelte man den Vorgang im BMZ wochenlang. Nur die Ministerin, der zuständige Referatsleiter und der beamtete Staatssekretär Erich Stather waren eingeweiht. Der stoppte schließlich die ganze Aktion.

Ende Juli, wenige Tage vor dem Start des Ausbildungskurses im regierungseigenen Bonner »Haus Venusberg«, ließ das Ministerium wissen, Maier-Witt sei als Teilnehmerin unerwünscht. Die erfuhr davon, als sie im fernen Oldenburg schon die Koffer packte.

Ihren Job hatte sie gekündigt, den Ausbildungsvertrag mit dem Forum Ziviler Friedensdienst ordnungsgemäß unterzeichnet. Nun musste das Forum die verhinderte Friedenstaube auf eigene Kosten beschäftigen.

Nach weiteren Krisengesprächen durfte Maier-Witt mit einer Woche Verspätung immerhin als »Hospitantin« in den Kurs einsteigen. Derzeit sammelt die konvertierte RAF-Frau bei einem Praktikum in der Krajina erste Eindrücke. »Der Hass in den Köpfen«, sagt sie, »ist auch nach vier Jahren noch frisch.«

Ob Maier-Witt jedoch, wie geplant, ab Anfang nächsten Jahres in ähnlichen Projekten im Kosovo zum Einsatz kommen darf, steht in den Sternen. Zwar suchte sie nach ihrer vorzeitigen Haftentlassung 1995 wie kaum eine zweite frühere Militante den Weg »zurück in die Gesellschaft«. Selbst die »Frankfurter Allgemeine« bescheinigte ihr, die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit »mit großer Offenheit und auch öffentlich« zu führen, was ihr »den Eindruck von Stärke« verleihe.

Maier-Witt hatte sich der RAF angeschlossen, kurz bevor 1977 die Gewalt im Deutschen Herbst kulminierte. Nach drei Jahren im Untergrund setzte sie sich, mit anderen Aussteigern, ins DDR-Exil ab. Nach ihrer Festnahme 1990 gab sie umfassend Auskunft über ihre Zeit im Untergrund und wurde dank der Kronzeugenregelung nur zu einer zehnjährigen Haftstrafe vor allem wegen ihrer Beteiligung an der Schleyer-Entführung verurteilt.

Schon als Freigängerin arbeitete sie als Nachtwache in einem Altersheim, schloss später das in der Haft begonnene Psychologie-Studium ab und ließ sich zur Familientherapeutin ausbilden - allerdings verliefen die Jobs selten ohne Probleme.

Die Anstellung im Altersheim erhielt sie nach eigenem Bekunden erst durch Intervention bei der damaligen niedersächsischen Justizministerin Heidi Alm-Merk (SPD). Selbst Bewerbungen für unentgeltliche Praktika oder ehrenamtliche Tätigkeiten lösten Vorbehalte aus.

Weil an der freundlichen Frau so gar nichts Angsteinflößendes zu entdecken war, kam es immer wieder zu absurden Situationen. Absagen wurden mit Entschuldigungen ("Ich hoffe, dass andere mutiger sind als wir") garniert.

Umso erfreuter reagierte Maier-Witt, als im Juli die Zusage des Forums Ziviler Friedensdienst eintraf. Ein »wirklicher Glücksfall« sei das gewesen, nach vielen vergeblichen Bewerbungen endlich »etwas, was mich reizt und wofür ich qualifiziert bin«.

Mittlerweile hat sich die Situation wie gewohnt kompliziert. Beistand erbat Maier-Witt ausgerechnet von der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe, die in den siebziger Jahren mehrfach Ziel von RAF-Anschlägen gewesen war. Es werde sicherlich »nicht ohne Wirkung bleiben«, schrieb Maier-Witt an Generalbundesanwalt Kay Nehm, wenn er dem Ministerium deutlich mache, dass »von meiner Person keine Bedrohung ausgeht«.

Der Karlsruher Oberankläger reagierte prompt. Seit Ende 1979 habe sich Maier-Witt »in glaubhafter Weise von der Gewaltideologie der RAF distanziert«, bestätigte er der Bittstellerin. Dem Bundesjustizministerium habe er mitgeteilt, dass es gegen die Tätigkeit als Friedensfachkraft »keine Bedenken« gebe, fügte Nehm hinzu und wünschte der Ex-Terroristin »viel Erfolg für Ihr Vorhaben«. GERD ROSENKRANZ

* Am vorletzten Sonntag mit serbischen Flüchtlingen, die in ihrDorf in der Krajina zurückkehren.

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