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FILM Verirrtes Wundertier

»Im Herzen des Hurrican«. Spielfilm von Hark Bohm; Bundesrepublik Deutschland; Farbe; 109 Minuten.
Von Marie-Luise Scherer
aus DER SPIEGEL 15/1980

Ein Elch hat sich in der Richtung vertan. Er gerät nach Niedersachsen, muß also, von Osten kommend, durch die Elbe geschwommen sein. Daß es endgültig eine kopflose Handlung von ihm war, ist nicht zu beweisen.

Seine sachte Anwesenheit in der Bundesrepublik wird keinen Moment als Rätsel, sondern gleich für einen sensationellen Irrtum genommen. Der Besuch des Elches unterscheidet sich kaum von dem Auftauchen eines Geisterfahrers.

»Im Herzen des Hurrican« ist eine die Wirklichkeit treffende Geschichte, die sich manchmal als Märchen ausruht. Ein Elch schmeckt die Genießbarkeit der Bundesrepublik ab. Natürlich ist er nicht gestochen, das Schlimme anzutreffen. Er wandert, wie der Zufall es ihm eingibt. Er ist glaubwürdig objektiv, ein unverdorbenes, gutwillig über Gras gebeugtes Wesen, höher und länger als ein Ochse.

Der Regisseur Bohm läßt das fremde Tier ein ziemliches Stück nach Süden ziehen und schickt es erstmal nicht auf gefährliche Wege. Der Elch grast auf Lichtungen, bricht durch das Unterholz von menschenfernen Waldstücken. Er entscheidet sich zur Nachtruhe für ein Kornfeld. Das ist ein wunderbarer Augenblick in diesem Film.

Es dauert lange, bis der Elch endlich liegt, weil er mit hölzerner Umständlichkeit, als würden ihm die Gelenke schmerzen, seine Beine einzeln knickt. Dann ist der große Körper ganz von den Halmen verdeckt. Nur der Kopf mit dem mooshaft behaarten Geweih ragt wie aus einem Schaumbad über der Fläche auf. Dem Elch geht es gut. Er kennt die ungastlichen Zonen des Landes noch nicht.

So wie er daliegt, hat er auch seine Verfolger noch nicht wahrgenommen; einen Indianer von unerklärlicher Existenz (Dschingis Bowakow) und den Mechaniker-Lehrling Chris aus dem lebhaft tapezierten Neubaumilieu einer Hamburger Vorstadt (Uwe Bohm).

Das Normale an dem Lehrling ist, daß er weiß, was er nicht will. Zum Beispiel konnte er sich der Zumutung, die sein Lehrherr und die Werkstatt für ihn darstellten, nicht fügen. Also flog er raus. Jetzt wildert er für einen Delikatessenhändler. Auf seinem Eigenbau-Motorrad fährt er abends die an der Autobahn gelegenen Felder an und schießt Rehe. Als über den Elch was in der Zeitung steht, setzt ihn sein Hehler auf das Tier an.

Der Indianer erkennt in dem Elch ein Wunder, das jede Minute vorbei sein kann. Er photographiert dieses Wunder aus dem Hinterhalt, auch alles, was dem Wunder schaden kann: den Lehrling mit der Flinte, eine landwirtschaftliche Maschine, welche einen Wiesenhang unter chemischen Nebel legt.

So direkt haben Indianer und Lehrling Chemie noch nie gerochen. Der Lehrling muß husten und seine Kartoffelchips ausspucken. Und der seltsame Typ mit dem Stirnband, der kenntnisreich wie eine mäkelnde Ziege sich Blätter pflückt und Gräser zupft, spuckt ebenfalls. Der willkürlich eingeschlagene Weg des Elches führt durch Unheil jeder Art, sogar auf eine bleiverseuchte Wiese mit verendenden Kühen.

Ich kann dem Elch nicht unterstellen, daß er einen speziellen, die Bundesrepublik verleumdenden Lehrpfad gegangen ist. Daß er jeden Schritt nur dahin setzte, wo es stinkt, um dem Indianer und dem Lehrling das Land zu vergällen. Mit der Tour des Elches hat man sich abzufinden. Den beiden Jugendlichen, die sich eigentlich nicht grün sind, bringt sie eine wortkarge Gemeinsamkeit.

Nicht alle Zwischenfälle spielen sich kurz über der Grasnarbe ab. Zwei Nymphen von einer Jesus-Sekte wollen Indianer und Lehrling für die vom Himmel kommende Liebe ködern. Sie sehen auch den Elch, jubeln bei seinem Anblick auf und ordnen ihn als Offenbarung ein. In ihrem libertinösen Etagen-Kloster gibt's was zu essen. Der Indianer nimmt ein Bad, und der Lehrling hält sich, indem er Gitarre spielt, das eine der lüsternen Mädchen vom Leib. Es folgen fetzende Schlägereien mit den männlichen Jesusvertretern. Diese peoples sind gemeingefährlich.

»Im Herzen des Hurrican« erzählt vom Ruin eines Elches in der Bundesrepublik. Nach mir könnte die Geschichte ohne BKA-Razzia in einer Kfz-Kommune auskommen, nur vom Elch, dem Indianer und dem Lehrling handeln. Wie der Elch bis Frankfurt kommt. Wie die Kulisse, in der er sich bewegt, seine Erscheinung immer unpassender macht.

Er legt sich im Hof einer Baufirma nieder, wo die komplizierte Reihenfolge seiner einzuknickenden Glieder eine lächerliche Wirkung hat. Die Umgebung blamiert ihn, es findet Majestätsbeleidigung statt. Sein Geweih über den Gitterstäben der Autobahnbrücke erinnert an Schiffbruch. So steht er mit seinen dünn veranlagten Nerven da und erleidet das Geräusch von aufeinanderstoßender Geschwindigkeit.

Marie-Luise Scherer

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