Zur Ausgabe
Artikel 26 / 91
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

2000: Kultur Verkannte Genies des Jahrtausends

Zu Lebzeiten missachtet, heute gefeiert: späte Größen, stille Stars
aus DER SPIEGEL 52/1999

François Villon um 1431 bis nach 1463

Die Lebensbeschreibungen klingen nach Steckbrief: »Wildes Studentenleben in schlechter Gesellschaft«, heißt es im Lexikon. Und weiter: »Tötete im Streit einen Priester«, »nach Messerstecherei zum Tode verurteilt«, »begnadigt, seitdem fehlt jede Spur«. Aber »der bedeutendste spätmittelalterliche Dichter Frankreichs« war er eben auch: Er machte seine schwierige Persönlichkeit zum Thema der Dichtung, mischte Obszönes mit Frommem - all das war für mittelalterliche Maßstäbe ungeheuerlich, galt als Chuzpe, kaum als Kunst. Erst Haudegen späterer Zeiten erkannten in Villon den Mit-Gauner im Geiste: Bert Brecht übernahm für seine »Dreigroschenoper« Teile aus Balladen, der Schauspieler Klaus Kinski rezitierte Villons Verse mit leidenschaftlichem Ingrimm. Die Balladen erzählen so viel vom Menschendasein, dass sie als »Testament« überliefert worden sind.

--------------------------------------

Georges Bizet

25. Oktober 1838 bis 3. Juni 1875

Mit wiegenden Hüften tritt sie auf, stolz, gereizt, verführerisch: Carmen ist eine der erotischsten Opernfiguren überhaupt, weltweit bürgen ihre Lockrufe für ausverkaufte Häuser. Doch Georges Bizet hat vom Ruhm seiner Sirene nicht profitiert. Wie etliche Werke des Tonkünstlers fiel auch die »Carmen« bei der Uraufführung am 3. März 1875 in der Pariser Opéra Comique durch, drei Monate später starb Bizet, 36 Jahre jung. Erst dann kam der Erfolg, und sogar ein großer Nihilist schwärmte über »Carmen": »Diese Musik scheint mir vollkommen. Sie ist liebenswürdig, sie schwitzt nicht. Das Gute ist leicht, alles Göttliche läuft auf zarten Füßen.« Also sprach Friedrich Nietzsche. Die Nachwelt pflichtet bei.

--------------------------------------

Herman Melville

1. August 1819 bis 28. September 1891

Der Autor habe »schlicht einen Dachschaden«, schrieb 1852 ein Kritiker über den Roman »Pierre«. Herman Melville, der Autor, war erst 33 Jahre alt, und »Moby Dick«, sein Großwerk über den Walfang, hatten die Kritiker ein Jahr zuvor als »schlampig hergestellte Mixtur« ebenso abgetan. Mit grandioser Konsequenz schaffte er es, zum vergessenen Schriftsteller zu werden: Er erfand Archetypen der Weltliteratur wie den Kanzlisten Bartleby ("Ich möchte lieber nicht"), aber absetzen ließen sich seine Bücher nicht mehr. So gab er das unprofitable Schreiben fast völlig auf und wurde 1866 Zollinspektor im New Yorker Hafen. Erst in den zwanziger Jahren begann eine Melville-Renaissance; seither gilt die Prosa des großen Seelen-Seefahrers als klassische Literatur.

--------------------------------------

Johannes Gutenberg

um 1400 bis 3. Februar 1468

Sein Lebensprojekt brachte ihm den Ruin: Jahrelang hatte der Mainzer Patriziersohn Henne Gensfleisch - so sein ursprünglicher Name - von großen Plänen gewispert, aber als sein aufwendiges Druckverfahren mit beweglichen Lettern endlich zum Einsatz gekommen war, musste er zurückstecken: 290 verschiedene Typen hatte er für die große Bibelausgabe gegossen, 20 Helfer waren beim Druck beschäftigt, doch dann konnte Gutenberg ein Darlehen nicht zurückzahlen und musste mit ärmlicheren Mitteln weitermachen. Zwar behielten ihn einige in Erinnerung. Doch im 19. Jahrhundert glaubten manche Experten, der holländische Drucker Coster sei der erste gewesen. Heute sind die Kontroversen abgetan, und der Medien-Innovator, um 1400 geboren und daher im Jahr 2000 wieder Jubilar, ist vom US-Magazin »Life« zum »Mann des Jahrtausends« gekürt worden.

--------------------------------------

Anna Amalia

24. Oktober 1739 bis 10. April 1807

Für die Tochter des Herzogs von Braunschweig war es ein materieller und geistiger Abstieg, als sie 1756 ins Fürstenhaus von Sachsen-Weimar und Eisenach einheiratete: Kaum ein Ländchen ringsum war so heruntergekommen wie das winzige Fürstentum. Doch die zierliche Welfin, hellwach und energisch, brachte nach dem frühen Tod ihres Mannes nicht nur die Finanzen leidlich in Ordnung, sie holte auch Kultur ins Ilm-Nest Weimar: Der Dichterstar Wieland wurde als Erzieher ihres Sohns Carl August engagiert, und 1776 bekam Goethe - trotz heftigen Widerstands der Hofbeamten - einen Posten in der Verwaltung. Der Rest ist Literaturgeschichte. Anna Amalia förderte weiter Wissenschaften und Künste und inszenierte gesellige Amüsements, aber sie lernte auch selbst Sprachen, reiste bis nach Neapel und Apulien, dichtete, übersetzte, malte, komponierte und begründete die heute nach ihr benannte Bibliothek. Lange wegen ihres Rokoko-Geschmacks belächelt, ist die weit blickende Dame in der Achtung der Historiker immer weiter gestiegen: als treibende Kraft eines »Musenhofs«, der sich aus Salon-Anfängen zur klassischen Mitte Deutschlands entwickelte.

--------------------------------------

Giambattista Vico

23. Juni 1668 bis 23. Januar 1744

Kümmerlich musste sich der Buchhändlersohn aus Neapel als Hauslehrer, dann als schlecht besoldeter Rhetorikprofessor und Hofpoet in der Vaterstadt durchschlagen. Für seine Einsicht, dass man die Weltgeschichte auch ohne Mitwirkung Gottes, als menschliche Epochen-Schöpfung verstehen könne, fand er kein Publikum. Vicos Werke, vor allem die verwinkelt formulierten »Prinzipien einer neuen Wissenschaft über die gemeinschaftliche Natur der Völker«, blieben ohne Echo; selbst Goethe, 1787 in Neapel zu Besuch, erkannte nur Orakelsprüche, als ihm das Buch gezeigt wurde. Erst um 1900 wurde aus dem Geheimtipp weniger Gelehrter ein Klassiker: Geschichtstheoretiker entdeckten Vico neu, weil er die Wandelbarkeit von Kulturen und die poetische Wahrheit der Mythen erkannt hatte; Philosophen würdigten, dass Denken und Handeln des Menschen für ihn nur zwei Seiten einer Medaille waren.

--------------------------------------

Nick Drake

19. Juni 1948 bis 25. November 1974

Zwei Nächte, einen Tontechniker und nicht viel mehr braucht der britische Musiker, als er seine dritte Platte aufnimmt. Anfang 1972 kommt »Pink Moon« heraus - und floppt wie zuvor »Five Leaves Left« (1969) und »Bryter Layter« (1970). Nick Drake, Sänger und Gitarrist, Dichter und Komponist, zieht zurück zu seinen Eltern. Am 25. November 1974 findet seine Mutter ihn quer auf dem Bett liegend, tot: Drake hatte eine Überdosis seines Antidepressivums geschluckt. Neben dem Bett lag Albert Camus' Buch »Der Mythos von Sisyphos«. Erst in den achtziger Jahren wurden Drakes Platten mit ihrer Mischung aus Folk, Jazz und Klassik neu entdeckt. Seither zählt er zu den Legenden der Pop-Geschichte.

--------------------------------------

Francesco Borromini

27. September 1599 bis 2. August 1667

»Borromini goes Bilbao«, hieß es jüngst auf einer Internetseite - Jubel und Trubel allerorten zum 400. Geburtstag des Baukünstlers. Dabei war der Ruf des Italieners zu Lebzeiten miserabel. Er fühlte sich verfolgt, stritt unentwegt mit seinen römischen Auftraggebern und brachte sich schließlich um. Seine Biografen lästerten, Borromini, der »unfähige Gotiker«, habe nur »Verrückheiten« hervorgebracht. Doch inzwischen gelten seine Arbeiten, wie die Kirche San Carlo alle Quattro Fontane in Rom, als Schlüsselwerke des Barock - gerade weil ihre gewagte Form Modernismen wie Frank O. Gehrys bizarres Guggenheim-Haus in Bilbao vorwegzunehmen scheint: Die Wände schwingen vor und zurück; bei der Grundform entschied sich der Meister gegen das übliche Kreuz und für ein Oval.

--------------------------------------

Friedrich Hölderlin

20. März 1770 bis 7. Juni 1843

In der Turmstube des Tübinger Schreinermeisters Zimmer verbrachte er seine letzten Jahrzehnte, geistig so verwirrt, dass er nur zuweilen rätselhaft präzise Verse reimte und gelegentlich mit »Scardanelli« unterschrieb. Dabei war Hölderlin theologischer Elite-Zögling gewesen, hatte mit späteren Geistesgrößen wie Schelling und Hegel die Stube geteilt und philosophisch-revolutionäre Pläne geschmiedet. Auf Hauslehrerstellen angewiesen, vom Mentor Schiller fallen gelassen, suchte er für sich weiter nach der Einheit von Dichten, Denken und Handeln - wie sein Romanheld, der Freiheitskämpfer Hyperion. Aber 1806 brach er zusammen. Erst über 100 Jahre danach wurden seine gewaltigen Spät-Hymnen herausgegeben und ihr Autor als visionärer Poet anerkannt.

--------------------------------------

Gideon Klein

6. Dezember 1919 bis Ende Februar 1944

Es waren Weltklassekonzerte: Hochbegabte Komponisten ließen ihre neuen Werke von Spitzeninterpreten spielen. Aufführungsort: das Lager Theresienstadt. Dorthin waren sie abtransportiert worden, die jüdischen Tonkünstler Pavel Haas, Hans Krása, Viktor Ullmann und Gideon Klein, und ihre Aufgabe war makaber. Sie sollten sich, so der zynische NS-Jargon, um die »Freizeitgestaltung« kümmern. Häftling Klein komponierte unermüdlich, Chorstücke, Lieder, auch eine Sonate und ein Streichtrio - trotzige und vitale Werke. Nach fast drei Jahren in Theresienstadt wurde der »traumhaft schöne Mensch«, so eine Mitgefangene, ins KZ Auschwitz gebracht. Er starb in einem kleineren schlesischen Nebenlager, kurz vor der Befreiung, wenige Wochen nach seinem 25. Geburtstag. Laut Experten wäre Klein, »hätte er überlebt, nach dem Krieg zu einer der leitenden Persönlichkeiten des Musiklebens geworden«. Seine erschütternd radikalen Stücke sind erst vor wenigen Jahren neu entdeckt worden.

--------------------------------------

Madame de Sévigné

5. Februar 1626 bis 16. April 1696

Ihre Briefe waren Kunstwerke. Im klassischen Französisch formuliert, schilderte die Marquise geistreich und witzig Menschen, Begebenheiten und die Skandale und Sensationen ihrer Epoche - ein Porträt der höfischen Gesellschaft zur Zeit Ludwigs XIV. Empfängerin der meisten Episteln war ihre geliebte Tochter, die Gräfin von Grignan, die fernab in der Provence lebte. »Ich hätte die Tochter geheiratet, um die Briefe der Mutter zu bekommen«, bekannte ein späterer Bewunderer. Denn die Briefe der Markgräfin gehören erst seit ihrem Tod zur Weltliteratur. Und noch heute wird Madame von ihren Landsleuten zitiert. Ein ausländischer Fahrgast brach einmal auf der Pariser Place de la Concorde über das unerwartet schöne Wetter in einen Freudenruf aus. Der Taxifahrer erwiderte ungerührt: »Man darf nie die Hoffnung aufgeben. Ich gehöre, wie Frau von Sévigné, ,zu den Beharrlichsten an ihrem Hof'.«

--------------------------------------

Paula Modersohn-Becker

8. Februar 1876 bis 20. November 1907

Früh spürte sie, »dass alle Menschen sich an mir erschrecken«. Und doch war ihr klar: »Ich darf nicht zurück.« So studierte Paula Becker gegen den Widerstand des Vaters Malerei, fasste Fuß in der Künstlerkolonie Worpswede und heiratete den arrivierten Kollegen Otto Modersohn. Doch der fand ihre Bilder primitiv ("Hände wie Löffel, Nasen wie Kolben, Münder wie Wunden, Ausdruck wie Cretins"). Mehrfach floh sie deshalb nach Paris, wollte sich scheiden lassen, kehrte dann doch zurück - und starb kurz nach der Geburt einer Tochter. Vier Bilder hatte sie bei Lebzeiten verkauft; das zaghafte Interesse der zwanziger Jahre erstickten die Nazis mit dem Prädikat »entartet«. Erst nach 1945 fand die Eigenständigkeit ihres überraschend umfangreichen Werks verdiente Bewunderung.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 26 / 91
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.