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JAPAN »Verkauft euch nicht billig«

Schülerinnen lassen sich von älteren Männern aushalten; Teenie-Cliquen streifen nächtelang durch die Vergnügungsviertel der Großstädte - Japan beklagt den Sittenverfall seiner Jugend und erhofft eine moralische Wende.
aus DER SPIEGEL 7/1997

Seit einer Stunde schon hocken Akari und Megumi auf der eisernen Parkbank. Ihre blaue Schuluniform - kurzer Rock, nackte Beine - schützt kaum vor der abendlichen Kühle. Die Mädchen, beide 15, scheint das nicht zu stören. Interessiert taxieren sie die Männer, die sich ihnen verlegen lächelnd nähern.

»Asoboo«, wollen wir uns vergnügen? fragt ein junger Bursche. Wie er mit beiden Händen die blondgefärbte Mähne aus der Stirn wirft, ähnelt er ganz dem Popsänger Takuya Kimura, dem Schwarm japanischer Teenies. Doch die Angesprochenen bleiben reserviert. Gönnerisch überreicht ihm Akari ihre Handynummer, das wär's, mal sehen, der nächste, bitte.

Auf Jugend und Schönheit kommt es im sogenannten Nampa-Kolosseum, dem »Anmach«-Park am Bahnhof Ikebukuro in Tokio, nicht an. Aufmerksam schielen Akari und Megumi hinüber zu zwei anderen Schülerinnen. Die kommen gerade mit einem etwa 50jährigen Angestellten ins Geschäft. So einen »Papa« suchen hier viele Mädchen.

Denn wer mit einem »Papa« in die Karaoke-Bar oder ins »Love Hotel« geht, kassiert 50 000 Yen (etwa 670 Mark), erzählt Megumi: »Meine Freundinnen machen das alle.« Das teure Marken-Outfit, das japanische Mädchen neben der Schuluniform tragen - der Schal von Burberry, die Handtasche von Prada oder Chanel -, muß schließlich irgendwie finanziert werden.

Allein für Kleidung geben die Mädchen hier im Monat rund 40 000 Yen aus. Hinzu kommen Besuche im Kosmetiksalon und im Bräunungsstudio. Auf »echten Sex mit alten Knackern« wollen sich Megumi und Akari zwar nicht einlassen, aber sich zeigen, herumflirten, Telefonnummern austauschen - was soll schon dabei sein?

Daß die Grenze zur Prostitution dabei leicht überschritten werden kann, nehmen die Minderjährigen in Kauf. Japans Schülerinnen haben einen gigantischen Markt entdeckt, und die Nation schaut halb empört, halb belustigt zu. 14- bis 16jährige benutzen ihre Reize, die sie offiziell unter der Einheitskluft verstecken müssen, um ihr Taschengeld drastisch aufzubessern. Boulevardzeitungen und Comic-Magazine sind voll mit Annoncen sogenannter Date-Clubs, in denen Schülerinnen ihre ganz privaten Dienste anbieten. Die Nummern der Klubs hängen an Laternenmasten und in Telefonzellen aus.

»Die Mädchen haben erkannt, daß sie in einer verlogenen männerorientierten Gesellschaft leben«, meint der Soziologe Shinji Miyadai, der sich bei seinen Forschungen auf Teenie-Sex spezialisiert hat, »wenn die Kerle sich einfach Frauen kaufen können, warum sollten gewöhnliche Mädchen sich nicht einfach verkaufen?«

In der Fragestellung schon deutet sich das japanische Dilemma an: Eine allgemeine Orientierungslosigkeit und moralische Leere verunsichert die Gesellschaft. Immer lauter wird daher in jüngster Zeit der Ruf von Pädagogen und Politikern nach einer grundsätzlichen nationalen Wertedebatte. Nippon erlebte eine Schulden-, Banken- und Börsenkrise. Hat sich jetzt das Problem auch von oben nach unten weiterverlagert: aus der Vorstandsetage in die Schlafzimmer?

Ichiro Ozawa, einer der führenden Oppositionspolitiker im japanischen Parlament, beklagt sogar, Nippon sei zu einem »geistigen Ödland« verkommen.

Lange Zeit »glaubten die Japaner, finanzieller Wohlstand würde sie glücklich machen«, beobachtete die Schriftstellerin Setsuko Inoue, »aber dabei verloren wir das Wichtigste: die Fähigkeit, immaterielle Werte, wie Liebe, zu erkennen und schätzen zu lernen«.

Es verrät tiefgreifende Unsicherheit, wie Japans Medien die Eskapaden der frühreifen Mädchen ausschlachten. »Schaut euch nur die zukünftigen Mütter an!« entrüstet sich das Magazin sapio. Erstmals im neuzeitlichen Japan scheint das männliche Vorrecht auf sexuelle Freizügigkeit bedroht: Über 35 Prozent der japanischen Oberschülerinnen haben sexuelle Erfahrungen gesammelt, wie neuere Untersuchungen zeigen; bei den Jungen sind es dagegen nur 30 Prozent. In den achtziger Jahren war das Verhältnis noch umgekehrt.

Das zehrt am Selbstbewußtsein der jungen Männer. Von spendablen »Papas« ausgestochen, fehlt ihnen häufig das Geld, um beim Run auf die teuren Markenprodukte mitzuhalten. Viele Schüler stehlen daher Statussymbole wie »Airmax«-Sportschuhe in Kaufhäusern. Oder sie rauben hilflose Angestellte aus, die abends betrunken von der Kneipentour heimkehren. Polizeioffizier Izumi Yokouchi notiert einen beunruhigenden Trend: Manche Schüler verprügeln ihre Opfer nur so zum Spaß, »wie in einem Videospiel«.

Im Nampa-Kolosseum kommt es auch schnell zu Rempeleien unter den Jugendlichen selbst. Bekleidet mit teuren Daunenjacken, weiten Hosen und Nike-Schuhen, die Haare strohblond oder braun gefärbt, hängen die »Teamers«, wie sich die Cliquen-Mitglieder nennen, im Park herum. Ein kesser Blick, ein falsches Wort - und es gibt Ärger.

Der Student Kazumasa, 19, trainiert seit der Schulzeit Karate. Das verleiht ihm die nötige Selbstsicherheit, wenn er nachts durch Tokios Vergnügungsviertel streift. Wie viele japanische Jugendliche besitzt Kazumasa Handy und Beeper, um jederzeit erreichbar zu sein. Oft erhält er Nachrichten von Menschen, die auf gut Glück seine Nummer gewählt haben und ihn gar nicht oder nur flüchtig kennen. Die Jugendlichen sammeln Telefonnummern wie besessen; die Kontaktaufnahme spielt sich in einer Art gigantischem Internet ab - die Beziehungen bleiben virtuell, echte Freundschaften erwartet niemand.

Verkehrten japanische Jugendliche bislang meist in streng getrennten Gruppen, in die sie als Nachbarskinder, Schüler oder Studenten hineinwuchsen, entdecken sie jetzt die Straßen und Plätze der Großstädte als Freiraum. Kazumasa und sein Freund Dan suchen unentwegt nach neuen Bekanntschaften. Vor einem »Print-Club« gabeln sie die Oberschülerinnen Rie und Tomo auf. Diese Treffpunkte sind die neueste Kontaktbörse; sie bestehen aus Fotokabinen, in denen sich mehrere Personen gleichzeitig vor wechselndem Hintergrund ablichten lassen können.

Vor Automaten mit besonders dekorativen Effekten stehen die Jugendlichen Schlange. Mit geübten Händen kleben Rie und Tomo die Fotos von sich und den Jungen in Alben ein, die sie ständig wie eine Trophäensammlung bei sich tragen. Rie verteilt noch schnell ihre bunte Namenskarte, auf der nur Beeper- und Handynummer stehen - und schon sind die Mädchen im Gewühl verschwunden.

Was die Jugendlichen treiben, nimmt sich wie eine Parodie japanischer Geschäftssitten aus: der förmliche Austausch von Visitenkarten, hektisches Herumtelefonieren mit den Handys. Und wie ihre fleißigen Väter handeln auch die Kinder allein nach dem Prinzip von Nutzen und Gewinn.

Wenn japanische Schulmädchen Telefonnummern möglichst vieler Männer horten, beweisen sie damit nur, wie rationell sie planen, erläutert Soziologe Miyadai in Tokio. Statt sich mit einem einzigen festen Freund zu langweilen, »halten sie sich mehrere gleichzeitig. Das bringt erhöhten Lustgewinn«.

Und vor allem viele Geschenke: Zahllose Modemagazine geben den Männern nicht nur Tips, wie sie ihr Aussehen verbessern können, sondern verraten auch, womit sie wählerische Girls am besten ködern.

Ohne Gegenwert gibt es weder Flirt noch Sex: Auf den Konsumrausch der Schülerinnen und die Bereitschaft zur Prostitution reagieren Schule und Elternhaus oft hilflos. Häufig gehen gerade die Mädchen, die spätabends oder am Wochenende in privaten Paukschulen - den Juku - büffeln müssen, auf den Strich. »Diese Mädchen haben keine Zeit, für Niedriglöhne im Supermarkt zu jobben. Durch Sex können sie in einer Stunde das 30fache verdienen«, sagt Miyadai.

Als Alternative zum öden Schulalltag bleibt den Kindern nur der Konsum, den die Wirtschaftswundernation nach dem verlorenen Zweiten Weltkrieg zum absoluten Wert erhoben hat. Und Prostitution ist für die Mädchen der schnellste Weg dahin.

Außerhalb der Klassenräume werden Japans Jugendliche überall mit Sex konfrontiert. Offiziell bleibt das Thema tabu; Prostitution ist verboten, aber allgegenwärtig. Ungestört durch religiöse Schuldkomplexe oder eine kämpferische Frauenbewegung, bedienen Boulevardblätter und Magazine ihr überwiegend männliches Publikum mit Pornoliteratur. In vollen Pendlerzügen erquicken sich müde Firmen-Samurai ungeniert an erotischen Comics. Ihre Lieblingslektüre: Sex mit Schulmädchen.

»Japanische Männer stehen halt auf Schuluniformen«, weil sie Unschuld verheißen, erläutert die 15jährige Akari und befestigt ihre weißen Socken mit einem Spezialkleber an den Beinen; lose Socken ohne Gummibänder sind bei Schülerinnen gerade in. Viele Mädchen verhökern ihre gebrauchten Uniformen, Socken, Slips oder gar Flakons mit Urin an Fetischistenläden - offen und ganz legal.

Beunruhigt durch zahlreiche Skandale mit Telefon- und Date-Clubs, erwägt Tokios Stadtregierung nun allerdings, Jugendlichen unter 18 den Zugang zu verbieten. Für viele Minderjährige, die sich dort mangels Aufklärung möglicherweise bereits mit HIV infiziert haben, könnte dieser Schritt jedoch zu spät kommen, fürchtet Sexforscher Naohide Yamamoto. Aufgrund eigener Berechnungen bezweifelt Yamamoto die amtliche Zahl von bisher rund 1400 Aids-Erkrankungen in Japan; in Wirklichkeit seien es wohl mindestens zehnmal soviel.

Doch darüber wird meist schamhaft geschwiegen, ebenso wie über den zunehmenden Drogenkonsum: Unter Oberschülern hat sich der Rauschgiftverbrauch allein 1995 mehr als verdoppelt. Viele Schülerinnen kommen über Telefon- und Date-Clubs mit Rauschgift in Berührung.

»Ohne Mithilfe der Eltern können wir die Kinder nicht vor Drogen schützen«, sagt Polizeiexperte Yokouchi. Doch viele Eltern, meist aus der wohlhabenden Mittelschicht, kümmert es wenig, wo sich ihre Kinder herumtreiben. »Mein Vater kommt erst spät nach Hause, und meine Mutter denkt, ich schlafe bei meiner Freundin«, erzählt Rie. Mit Hilfe von Handy und Beeper schirmt sie ihre eigene Welt vor den Eltern ab. »Solange ich die Schule nicht schwänze, gibt es keinen Ärger.«

Für japanische Eltern sei es typisch, jegliche Verantwortung für die Erziehung ihrer Kinder an Schule und Staat abzuschieben, klagt der Gymnasiallehrer Yasuhiro Narita in Tokio. Hilflos erträgt er im Unterricht die »penetranten Parfümwolken« der Mädchen und das Gepiepse der Handys.

Japans »Bildungsmamas« (Kyoiku-mama) halten ihre Kinder zwar zum unermüdlichen Pauken an, weil eine mißratene Schulnote eine ganze Biographie verderben kann; aber die Gefühlswelt der Halbwüchsigen interessiert sie offenbar wenig. Und die Familienväter haben in den Augen der Jugend als moralisches Vorbild sowieso abgewirtschaftet: »Guck dir die Knacker doch an«, sagt Hiroki Suzuki in Ikebukuro und deutet auf eine Gruppe Geschäftsleute, die angetrunken aus der Karaoke-Bar torkeln.

Ähnlich wie nach dem Giftgasanschlag der Aum-Sekte im März 1995 erhebt sich nun in Japan wieder der Ruf nach moralischer Erneuerung. »Wir müssen die Nation von Grund auf neu aufbauen«, fordert der prominente Kolumnist Ryuichiro Hosokawa und plädiert für eine Wie-derbelebung der Moralerziehung, wie es sie vor dem Krieg gab. Nach der amerikanischen Besatzung (1945 bis 1952) habe Japan seinen »moralischen Kompaß« verloren.

Zeitgemäßer klingt dagegen wohl die Empfehlung des Jugendexperten Tamotsu Sengoku in Tokio. In der Sprache des Kommerzes, die Japans Nachwuchs am besten versteht, appelliert er an die Selbstachtung der Schülerinnen: »Verkauft euren Körper nicht so billig.«

Auch Soziologe Miyadai will den Kids nicht mit moralischen Lektionen kommen: »Die wollen doch nur ihren Spaß haben - womöglich ist das gesünder als die verbissene Schufterei ihrer Eltern.«

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