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LIBYEN Verkaufte Rechte

aus DER SPIEGEL 1/1952

El Said Sir Mohammed Idriss el Senussi, ein langer, hagerer Araberfürst, stellte sich am Heiligabend, 12.01 Uhr, in einem kahlen Zimmer seines zweistöckigen Palastes in der kriegszernarbten Stadt Tripolis vor ein Mikrofon, um seinem Volk mit seiner dünn-gellenden Stimme etwas zu verkünden, das wie eine frohe Botschaft klang: Er proklamierte die Unabhängigkeit des neuerstandenen Vereinigten Königreiches von Tripolitanien, der Cyrenaika und Fezzan, eines der mit 1 150 000 Einwohnern, 3 Millionen Dattelbäumen, 1,4 Millionen Schafen und Ziegen, 70 000 Rindern, 92 000 Kamelen und 2000 Schweinen ärmsten Staaten der Erde (auf einer sandbedeckten Landfläche von der dreifachen Größe Frankreichs).

Doch die großen Nationen des Westens fanden sich gern bereit, dem jungen Reich

auch in der Unabhängigkeit weiterzuhelfen. Während sich Beamte nach der Proklamation durch die träge Volksmenge auf dem alten Schloßplatz Tripolis schoben und teilnahmslosen Tripolitanern Bilder des Königs und Texte der Erklärung in die Hand drückten (10 Prozent der Bevölkerung sind blind, 20 Prozent halbblind, 92 Prozent Analphabeten), ballerten Soldaten der US-Luftwaffe aus einer 10,5-Haubitze eine Stunde lang 101 Salutschüsse. König Idriss'' Lautsprecher-Erklärung wurde mehrere Male von auf dem nahe gelegenen Wheelus-Flugfeld startenden und landenden US-Maschinen überdröhnt. Polizisten in britischen Uniformen patrouillierten die Straßen und paßten auf die Menge auf. Meinte ein britischer Beamter in Tripolis: »90 Prozent der Bevölkerung wissen noch nicht einmal, daß das Land heute unabhängig ist.«

Zwei Stunden nach der Proklamation gab Großbritanniens neuer Botschafter, Sir Alec Kirkbride, sein Beglaubigungsschreiben bei König Idriss ab. Sir Alec, ein alter Mittelost-Fuchs mit 30 Jahren Erfahrung, hat bereits vor Weltkrieg II Jordanien zum einzigen noch erhaltenen, soliden Mittelost-Alliierten Großbritanniens gemacht. Seine neue Aufgabe: das unabhängige Libyen als pro-britische Bastion in einer strategisch-lebenswichtigen Gegend zu festigen, wo der britische Einfluß sonst vor dem nationalistischen Ausbruch der Arabervölker auf dem Heimweg ist.

Sir Alec bringt eine Gruppe britischer Finanzexperten mit, die weiterhin ein scharfes Auge auf die inneren Angelegenheiten der Libyer haben werden. Das freie Libyen wird wirtschaftlich dem Sterling-Block angeschlossen. Der Preis für diese wesentlichen Teile der eben erworbenen libyschen Unabhängigkeit: britische Geldzuschüsse zur Deckung des permanenten libyschen Haushaltsdefizits (das letztjährige Defizit belief sich auf 7 Millionen Dollar).

Gegenwärtig verhandelt Sir Alec mit König Idriss über einen Vertrag, der Großbritannien die Weiterbenutzung der Militärstützpunkte entlang der Küste (vor allem Tripolis, Benghasi, Tobruk) zusichert. Die USA brauchen die libyschen Basen ebenso dringend, denn von dort können US-Bomber noch leichter als von Marokko aus bis ins industrielle Herz der Sowjetunion vordringen. So boten sie dem frischgebackenen König eine Morgengabe von einer Million Dollar in bar.

Die Franzosen schließlich wollen mit ihren Fremdenlegionären das Fezzan-Wüstengebiet weiter kontrollieren, weil die Landroute nach Aequatorial-Afrika dort vorbeiführt und Petroleumvorkommen in dieser Gegend entdeckt wurden. Aber ob die großen Drei des Westens ihre Privilegien in Libyen lange in Ruhe genießen können, schien schon in der ersten Woche der Unabhängigkeit fraglich.

1911 machte Habenichts Italien Krieg gegen das korrupte, verfallende osmanische Riesenreich. Italienische Truppen landeten in den abgelegensten und armseligsten Provinzen des türkischen Sultans: in der Cyrenaika und in Tripolitanien. Doch die Italiener begannen - nachdem ihre Eroberung im Vertrag von Lausanne 1912 von den Türken anerkannt worden war - mit Begeisterung, das trockene, wüste Land zu kultivieren.

Sie trafen in der Cyrenaika auf den Widerstand einer 80 Prozent der Bevölkerung umfassenden muselmanischen Sufisten-Sekte (die mit puritanischer Strenge nach den Worten des Propheten lebt). Ihr Chef war der Abkömmling der ersten Senussi-Sufisten, Said Mohammed Idriss. 1923, nach Mussolinis Machtübernahme,

wanderte er mit seiner Familie aus. 100 000 italienische Siedler kamen, bauten breite Asphaltstraßen, große Bewässerungsanlagen. Einmal im Jahr traf sich die Welt in Tripolis beim mörderischen Autorennen um den Großen Preis. Es schien, als ob trotz des Haders der Senussis etwas aus dem Land werden sollte.

1940 tauchte Emir Idriss wieder auf, als Verbündeter der britischen 8. Armee. Für den Kampf gegen Rommel stellte er Hilfstruppen aus Cyrenaika-Arabern auf, von denen 1943, am Ende der blutigen Kampagen, nur noch ein paar hundert Mann übrig waren. Großbritannien belohnte Emir Idriss wie treue Araberfürsten im Weltkrieg I: Anthony Eden versprach 1943, daß »Libyen nie mehr unter italienische Herrschaft kommen« werde.

Die Italiener bekamen Libyen im Friedensvertrag auch ganz richtig abgenommen, aber da war die UNO, die sich des zerschundenen

Kriegsrelikts Libyen annahm - durch die Treuhänder Großbritannien und Frankreich (für Fezzan). Den beiden Ländern wäre es viel lieber gewesen, wenn sie, wie sie vorschlugen, etwa zehn Jahre Zeit bekommen hätten, um Libyen zur Unabhängigkeit zu erziehen; doch die UNO vertraute ihnen die Treuhandschaft für so lange nicht an, konnte sich aber auf andere Mandatsmächte nicht einigen. So beschloß die UNO-Vollversammlung im November 1949 die einzige noch mögliche Lösung: Libyen sollte »vor dem 1. Januar 1952 als unabhängiger, souveräner Staat konstituiert werden«.

Es war nicht die beste Lösung, denn die Libyer (nur sechzehn von ihnen besitzen Universitätsgrade) sind in der Praxis der Selbstregierung wirklich noch ziemlich schwach. Auf UN-Vollmacht hin organisierte die britische Verwaltung Anfang 1951 sechzig Libyer als Konstituierende Versammlung und eine provisorische Regierung unter dem alten Freund des Empire, Emir Idriss. Doch Emir Idriss gefiel den Tripolitaniern nicht, die mit 800 000 Köpfen die große Mehrzahl der Libyer (gegen 300 000 Cyrenaiker, 50 000 Fezzaner) bilden.

Ihr Mann ist der Lokalheld Beschir Bey Sadaawi. Sadaawi aber ist pro-ägyptisch, anti-britisch. Er gründete die oppositionelle Nationale Kongreß-Partei. Sobald der britisch-ägyptische Konflikt offen ausbrach verschärfte sich auch die Spaltung innerhalb Libyens. Die Sadaawi-Leute wurden militanter und ziehen naturgemäß immer mehr Unzufriedene zu sich, in einem Land, wo sich das Einkommen pro Kopf auf 120 D-Mark jährlich beläuft (laut UN-Statistik das niedrigste der Welt), wo ein Drittel aller Säuglinge stirbt.

Bey Sadaawi beschwerte sich noch drei Tage vor der Unabhängigkeitserklärung in einem (von einem ägyptischen Delegierten verlesenen) Telegramm an die UNO in Paris über die »Unterdrückung« seiner Partei. Zuhörer seiner Reden würden regelmäßig mit Geldstrafen belegt; das ist für mittellose Libyer schlimmer als Peitschenhiebe.

Eine Massenversammlung der Sadaawi-Opposition am Unabhängigkeitstag wurde verboten. Aber der politische Druck der Kongreß-Partei läßt sich nicht verbieten. Um bei den Februar-Wahlen zur ersten volksgewählten Regierung keine schwere Niederlage zu erleiden, hat der provisorische Premier Mahmud Bey Muntosser (ein Tripolitanier) den sofortigen Beitritt Libyens zur Arabischen Liga verkündet. Aber es ist nicht sicher, ob solche Gesten genügen werden, um die pro-britischen Politiker an der Macht zu halten. Sadaawi bereitet trotz der Verbote eine durchschlagende Wahlschlacht vor.

Letzte Woche schon schüttelten die Hebammen der UN-Kommission bedenklich die Köpfe über einen anti-semitischen, anti-westlichen Hetzartikel in der bisher als regierungstreu bekannten Wochenschrift »Al Libi«. Die armen Juden, tobte »Al Libi«, seien nach Israel ausgewandert, die paar tausend reichen seien in Libyen geblieben, um den Handel zu kontrollieren und das Volk auszusaugen*).

Durch solche Symptome kündigte sich die nationalistische Bewegung in allen arabischen Ländern an. Aber da bleiben noch eine kriegsstarke britische Division, 2000 US-Soldaten und 600 französische Fremdenlegionäre für unruhige Zeiten im unreifen Staat Libyen.

*) Den 40 000 in Tripolitanien verbliebenen Italienern jedoch gönnt »Al Libi« lobende Worte. Durch ihr wirtschaftliches und technisches Sachverständnis hätten sie sich als wertvolle Mitglieder des Staates erwiesen.

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