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BUNDESWEHR Verkehr in Klammern

Verliert ein Soldat an Kampfkraft, wenn er durch Sterilisation seine Zeugungskraft einbüßt? Die Frage beschäftigte westdeutsche Richter.
aus DER SPIEGEL 19/1976

Westdeutschlands Streitkräften ist ein neuer Kampfauftrag entstanden: Verteidigung der Zeugungskraft.

Die erste Auseinandersetzung dieser Art fand jüngst vor Baden-Württembergs höchster Spruchinstanz statt, dem Verwaltungsgerichtshof in Mannheim; die Vorgeschichte des sonderbaren Konflikts hatte 1971 im Schlafzimmer eines Soldaten begannen.

Es gab da Verhütungsprobleme: Die Ehefrau, Mutter von drei Kindern, durfte aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr schwanger werden, sie vertrug aber auch die Pille nicht. Und so zeigte der Militär die Zivilcourage, die sonst meist Frauen aufbringen: Er ließ sich sterilisieren.

Was dem Manne Mut abverlangte, erschien seinen Kommandeuren hingegen als eine Art mutwillige Minderung der Körperkräfte. Die Bundeswehr weigerte sich, für die Kosten des Eingriffs aufzukommen -- wie üblicherweise für jede ärztliche Betreuung. »Die Aufgabe der Zeugungsfähigkeit«, so der amtliche Bescheid, sei unvereinbar mit der Pflicht des Soldaten, »seine Gesundheit nicht vorsätzlich oder grob fahrlässig zu beeinträchtigen«.

Solcher Rekurs auf die ärgste Soldatensünde seit eh und je, die Selbstverstümmelung, lenkte zwischen den Zeilen die Argumentation der Truppenmediziner. So empfand der Divisionsarzt die Operation als »Eingriff in die Intaktheit« der Organe. Sorge um die Einsatzfähigkeit des Landesverteidigers schimmerte auf: »Der Zustand der Sterilität« könne »psychische Störungen hervorrufen«.

Der Sterilisierte aber leistete Widerstand. »Ein Leben ohne Angst vor einer unerwünschten gesundheitsgefährdenden Schwangerschaft«, so argumentierte er, werde seine »Ausgeglichenheit und Dienstfreudigkeit eher fördern«. Er legte ein ärztliches Attest über die medizinische Notwendigkeit des Eingriffs vor sowie eine Rechnung über 283,40 Mark -- und siegte zunächst mal schön.

»Der nichterfüllte Anspruch auf truppenärztliche Versorgung« (genauer: auf Sterilisation durch Militär-Mediziner) habe sich, so das Urteil des Verwaltungsgerichts Stuttgart, »in einen Ersatzanspruch umgewandelt«. Den Opfergang für die gefährdete Ehefrau verglichen die Richter mit dem »Spenden von Blut, Haut oder Organen« zugunsten erkrankter Angehöriger.

Für die Bundeswehr jedoch war die Schlacht damit nicht geschlagen. »Der Dienstherr hat die Aufgabe, die Soldaten vor möglichen Spätfolgen zu schützen » -- so das Sanitätsamt in der Berufungsverhandlung. Die Behörde bereicherte die Berufungsschrift mit gynäkologischem Rat und empfahl zur Empfängnisverhütung »Präservative und pharmakologisch wirksame Mittel, die in die Scheide eingeführt werden«.

Die Oberrichter in Mannheim indessen ließen sich weder von solchem Rat über zweckmäßiges soldatisches Verhalten im Bett noch von der Ersatzanspruch-Theorie der ersten Instanz überzeugen, sondern bemühten sich mehr ums Grundsätzliche. Für sich selbst -- so das Urteil -- habe jeder Soldat »Anspruch auf Heilfürsorge«, für seine Angehörigen »Anspruch auf Beihilfe«. Und in der Sterilisation des Mannes sahen die hohen Richter eher etwas wie eine Heilbehandlung der Frau. Denn: Der Eingriff sei »nicht im gesundheitlichen Interesse des Klägers vorgenommen worden«.

Den Anspruch auf Familienzuschuß begründete das Gericht so: Der Zustand der Ehefrau, »der eine weitere Schwangerschaft zu einem gesundheitlichen Risiko für sie machte, war ein Krankheitsfall«. Unerheblich sei, »daß die Maßnahme nicht am Körper der Ehefrau, sondern beim Ehemann vorgenommen wurde«.

Mit den Worten rangen die Richter, die so fein zu differenzieren wußten, dann allerdings bei den einfachen Dingen. Etwa, als sie den »Körperschaden« der Frau beschreiben sollten: Unterbunden gewesen sei, heißt es zaghaft, »die Ausübung der mit den Geschlechtsorganen verbundenen körperlichen Funktionen«. Immerhin setzten sie, was gemeint war, in Klammern hinzu: »Geschlechtsverkehr«.

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