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Briefe

Verkehrte Welt, Impressum
aus DER SPIEGEL 44/1979

Verkehrte Welt, Impressum

(Nr. 42/1979, Titelgeschichte: Opfer von Gewaltverbrechen gehören zu den Randgruppen unserer Gesellschaft -- während sich der Staat um Bestrafung und Resozialisierung der Täter kümmert, warten die Opfer oder ihre Hinterbliebenen meist vergebens auf eine Wiedergutmachung)

Auch der Volksmund benutzt eine pointierte Definition, um die spezielle Täter-Opfer-Beziehung zu verdeutlichen: »Der Hase lockt den Jäger an.«

Bad Schwartau (Schlesw.-Holat,)

THOMAS WINCKELMANN

Als Opfer kann man wohl nur hoffen, einen sozial eingestellten Täter zu bekommen, der nicht nur »antötet«, sondern gleich richtig zuschlägt. Dann hat man nachher wenigstens nicht das Pech, auf »unseren Rechtsstaat« angewiesen zu sein.

Wilhelmshaven (Nieders.) MARTIN JUNGE

Schüler

Mit Klischeevorstellungen sollte Schluß gemacht werden. Dort wird wahrscheinlich eine verkehrte Welt aufgebaut, wo gar Rauschgifthändler und Prostituierte mit Ministereinkünften als die Opfer der Gesellschaft gelten und die wirklichen Opfer als Unpersonen behandelt werden.

München H. GÜNTER EDELMANN

Sie schreiben, es sei unverständlich, daß man es ausgerechnet mir überlassen habe, mich um die Verbrechensopfer zu bekümmern, wo ich durch die Sendung »Aktenzeichen XY ... ungelöst« auf bedenkliche Weise selbst täterfixiert sei. Dieser Seitenhieb auf mich entspricht zwar der bisherigen Linie des SPIEGEL, ist aber im Verhältnis zur Grundaussage Ihres Artikels nicht nur unbegründet, sondern auch inkonsequent. Die XY-Sendung ist eine der wenigen großen Fernsehpublikationen, die seit jeher aus der Opferperspektive heraus gemacht ist. Insofern ist die Gründung des »Weißer Ring« eine konsequente Fortführung dieser Arbeit. Die opferbezogene Position ist schließlich auch einer der wesentlichen Gründe dafür, daß wir mit dieser Sendung das Weltbild vieler Publizisten -- hoffentlich auch das der SPIEGEL-Redaktion -- gestört haben. Denn dieses Weltbild orientierte sich, wie der SPIE-GEL richtig jetzt bemerkt, an der Maxime, in erster Linie der Resozialisierung des Täters zu dienen, auch wenn das zu Lasten des Opfers geht. Der »Weiße Ring« tritt dafür ein, daß für die unschuldigen Opfer mindestens ebensoviel getan wird wie für die schuldigen Täter. Daran hat es bisher leider gefehlt.

Mainz EDUARD) ZIMMERMANN

Wenn das -- am 1. Oktober 1950 in Kraft getretene -- Bundesversorgungsgesetz die Anerkennung eines Leistungsanspruchs von einem Antrag abhängig macht, mag dies für den Personenkreis gerechtfertigt gewesen sein, für den es urprünglich vorgesehen war, nämlich für Angehörige der Wehrmacht und so weiter, die Schädigungen durch eine militärische oder militärähnliche Dienstverrichtung erlitten hatten. Diese Betroffenen waren jedoch über ihre Versorgungsansprüche in der Regel vor Eintritt der Schädigung durch ihre Dienststellen unterrichtet. Vergleichbare Voraussetzungen liegen bei den Gewaltopfern nicht vor. Der Gesetzgeber sollte deshalb an Stelle eines Antrages eine -- von wem auch immer abgegebene -- Meldung eines Gewaltverbrechens an eine Behörde als Voraussetzung für die Entstehung eines Leistungsanspruches gelten lassen. Das wäre eine im Sozialbereich keineswegs unübliche Regelung, denn schließlich werden Leistungen der gesetzlichen Unfallversicherungsträger auch nicht auf Antrag, sondern von Amts wegen festgestellt.

Berlin GERD SCHULZ-LÜKE

Regierungsdirektor a. 0

Das Entschuldigungsgeschwafel der Psychiater mit ihren viktimologischen Phantastereien -- das Opfer wird noch post mortem scheinheilig durch den Dreck gezogen -- ist in seiner Absurdität kaum noch zu überbieten, man sollte diesen Viktimologen und Psychiatern einmal zu einem Selbsterlebnis verhelfen.

Wien WERNER SULZER-REIPISCH

Es ist das Verdienst Ihres Artikels, daß er auf die haarsträubende Situation der Opfer, einer vom Sozialstaat lange Zeit »vergessenen« Gruppe, in plastischen Beispielen hinweist. Weniger hilfreich sind jedoch die Spekulationen, worauf die Misere zurückzuführen ist. Das ungenierte Gerede von der Mitschuld der Opfer gipfelt in geradezu mystischen Vermutungen über Täter-Opfer-Beziehungen, deren Realitätsbasis in der Regel nichts anderes ist als Verwandtschaft oder die Zugehörigkeit zur selben sozialen Gruppe. Die Mitschuld der Opfer von Vergewaltigungen sieht der zitierte Viktimologe Schneider in seinem »Lehrbuch« (5. 124) beispielsweise schon darin, daß sie »bis spät in die Nacht Jazzmusik« hören. Die Aufklärung über gefährliche Situationen und die Lebensbedingungen von Opfern und Tätern gerät so in einen Brei psychologisch verbrämter Vorurteile.

Frankfurt

MANFRED MURCK/RANDOLPH VOLLMER Dipl.-Soziologen

Arbeitsgruppe soziale Infrastruktur an der Johann Wolfgang Goethe-Universität

Ich bin erschüttert über die Quintessenz Ihres Artikels, die da unverhohlen lautet: »Der Teufel ist mir sympathischer als der liebe Gott!« In 60 Lebensjahren habe ich nicht, wo immer ich mich befand, eine so eindeutige (unterschwellige) Sympathie für den Gewaltverbrecher und eine so (unterschwellige) Antipathie für sein Opfer beobachtet.

Hamburg EWALD HORN

Auf Grund welcher frauenfeindlicher Normen und Strukturen werden eigentlich Frauen in den Augen mancher Männer zum Freiwild, wenn sie versuchen, sich von gesellschaftlichen Zwängen zu befreien, sich entsprechend ihrer eigenen Bedürfnisse zu kleiden, zu bewegen und zu verhalten?

Münster INGRID RIESKAMP

Schluß muß sein mit der Stigmatisierung der Verbrechensopfer zum Verlierer. Ihr Schicksal verdient ähnliches Verständnis und ähnliche Beachtung wie das der Millionen Arbeitslosen, der Tausenden von Selbstmördern. Die Dramatisierung des Opfers lenkt ebenso wie die Dramatisierung des Täters von den eigentlichen Kriminalitätsgründen ab, die in den Lebensbedingungen von Tätern und Opfern liegen. Im Slum wird?s deutlich: der heutige Täter ist morgen Opfer. Und umgekehrt. Jedem Menschen sollte das Schicksal erspart bleiben, Täter oder Opfer werden zu müssen. Aber da hilft kein besseres Opferentschädigungsgesetz, da hilft nur Sozialpolitik. Die beschleunigte Geldspritze mag -- wünschenswert -- Leiden lindern. Ohne Sozialpolitik stellt sie das Opferrisiko nur auf Dauer, indem sie dieses zur Voraussetzung für Leistungen macht.

Bremen PROF. DR. KARL F. SCHUMANN

Universität Bremen

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