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New York Verkniffene Suche

Der Bürgerruf nach öffentlichen Toiletten wird - notdürftig - erhört: Nächstes Jahr gibt es Klos auf Probe.
aus DER SPIEGEL 31/1991

Touristen in New York kennen die Not: ein Bier zum Lunch, ein Kaffee zum Dessert; und wenig später - bis zum Hotelzimmer sind es mindestens noch 50 Straßenblocks - beginnt das dringliche Bedürfnis nach Erleichterung.

Sicher, in der Weltstadt mit 7,8 Millionen einheimischen Blasen gibt es auch öffentliche Toiletten, verschämt »Rest Rooms«, Raststätten, geheißen. Eine Handvoll, ein Dutzend höchstens, sind sogar geöffnet. Doch selbst höchster Druck läßt kaum jemanden die vertracktesten Winkel unübersichtlicher U-Bahn-Stationen aufsuchen, wo sich die letzten von einst 1676 blitzsauberen Bedürfnisanstalten befinden.

Das verkniffene Suchen soll nun ein Ende haben, entschied Bürgermeister David Dinkins. Schon in der zweiten Hälfte des nächsten Jahres könnten hundert funkelnagelneue Toiletten, ausgestattet mit modernster Sanitär- und Sicherheitstechnik, die Straßen schmücken - vorausgesetzt, ein paar bürokratische Hürden lassen sich bis dahin nehmen.

Eine viermonatige Erprobungsphase im nächsten Frühjahr soll Aufschluß geben über die Zufriedenheit der Benutzer, Stadtplanern eine Entscheidung über künftige Standorte ermöglichen und Gesundheitsbehörden erlauben, den Hygienegewinn in Tabellen zu quantifizieren. Die Regierung in Washington und das Parlament in der Staatshauptstadt Albany müßten bereit sein, gültige Gesetze zu ändern. Anwälte für Behinderte sind gebeten, das Notdurft-Projekt nicht weiterhin mit Diskriminierungsklagen lahmzulegen.

Andere Städte mögen Schwierigkeiten haben, Großbauten wie Flughäfen oder Müllverbrennungsanlagen durchzusetzen. In New York, wo sich Ansprüche und Empfindsamkeiten auf engstem Raum bündeln, gerät selbst die elementarste Verbesserung von Lebensqualität zum politischen Drahtseilakt.

Im Oktober vergangenen Jahres hatte der Obdachlose Luther Riley stellvertretend für die wachsende Zahl seiner Gefährten die Stadt verklagt: Die fehlenden Toiletten, so beschwerte er sich, seien ein »öffentliches Ärgernis«. Europäische Metropolen dagegen hätten gute Erfahrungen mit den Produkten des Franzosen Jean-Francois Decaux gemacht: Selbstreinigende, vandalismussichere Toiletten seien dort gegen geringes Entgelt für jedermann meist rechtzeitig erreichbar.

Die Abort-Klage regte New Yorker Bürgersinn an. Die Stiftung J.M. Kaplan Fund gründete eine »Arbeitsgruppe öffentliche Toiletten«. Zusammen mit dem Hersteller unterbreitete die Notgemeinschaft der Stadt ein Angebot. Gegen die Erlaubnis, Werbeflächen auf der Außenwand vermieten zu dürfen, wollte Decaux bis zu 100 Einheiten kostenlos liefern, der Kaplan Fund die Kosten für die Anschlüsse übernehmen.

Dann begann der Ärger: Bürgeranwälte mit festem Blick auf die höheren Bedürfnisse sozialer Verträglichkeit verwiesen auf ein Gesetz des Bundesstaates New York, wonach öffentliche Toiletten keine Kosten für Benutzer verursachen dürfen. Das Decaux-Modell hingegen verlangt eine Eintrittsgebühr, um mutwilligen Zerstörungen vorzubeugen. Behinderte sahen in den Wundertoiletten einen Verstoß gegen Vorschriften der Regierung, nach denen alle öffentlichen Neubauten auch für Rollstuhlfahrer erreichbar sein müssen.

Der Toiletten-Großbetrieb (4000 Einheiten in Europa) bietet zwar auch Modelle für Behinderte an, doch der Zugang ist nur mit speziellen Magnetkarten möglich. So soll verhindert werden, daß Obdachlose die vergleichsweise geräumigen, winters beheizten Aborte zum Schlafen benutzen, Prostituierte sie als Arbeitsplätze mißbrauchen. Für Junkies sind die Klos ohnehin ungeeignet. Die Aborte können mit blauem Licht ausgestattet werden, so daß die Einstichvenen schwer erkennbar sind.

Auch dieses Angebot konnte die Behinderten-Anwälte nicht zufriedenstellen. Sie sahen ihre Klienten doppelt benachteiligt: Schon aus Platzgründen - die Behinderten-Toilette beansprucht eine Grundfläche von drei Quadratmetern - könnte nur eine begrenzte Anzahl aufgestellt werden. Und die Magnetkarten, argumentieren sie, degradierten die Rollstuhlfahrer zu Menschen zweiter Klasse.

Die Fronten waren abgesteckt; the shit hit the fan, wie Amerikaner sagen, wenn ein Projekt durch Einwürfe von allen Seiten zu scheitern droht. Gutachten, Gegengutachten, Meetings, Gegenmeetings und dann, endlich, ein Machtwort des Bürgermeisters, dem sich die Behinderten-Beauftragte nur widerwillig unterwarf.

Für einen Vier-Monats-Test werden im April 1992 sechs Toiletten an drei Plätzen eingerichtet, darunter je eine für Behinderte. Ob die Erleichterung von Dauer ist, wird allerdings erst nach gründlichster Inspektion durch alle Beteiligten entschieden. Auszüge aus dem Aufstellungskompromiß:

»Die Toiletten werden mit Plakaten ausgestattet, die den Sinn des Experiments erklären und um Reaktionen der Öffentlichkeit bitten. Reinigung, Sicherheit, Gebrauch, Erscheinung und andere Faktoren werden intensiv überwacht.«

Danach läuft erst mal nichts mehr: »Am Ende der viermonatigen Probezeit werden die Toiletten entfernt.« o

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