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Briefe

Verkrustete Vorurteile
aus DER SPIEGEL 6/1976

Verkrustete Vorurteile

(Nr. 5/1976, Rudolf Augstein über die Verträge der Regierung Schmidt/Genscher und Polen: »Ja, nein, ja, nein, ja") Wie recht Sie haben. auf den moralischen Gehalt der Entscheidung über die Polenverträge hinzuweisen. Seitdem wir Deutschen vor über 200 Jahren zu den Teilungsmächten Polens gehörten, ist nicht nur unser Verhältnis zum Nachbarvolk. sondern auch unser nationales Selbstverständnis gestört, haben wir Schuld auf uns geladen, gibt es eine »polnische Frage«. Schon die Paulskirchen-Revolution von 1848 scheiterte, weil sich die Mehrheit nicht dazu durchringen konnte, den Polen die gleichen Rechte nationaler Eigenständigkeit zu geben, die man für sich selbst forderte. Und auch heute noch gibt es Kräfte in unserem Land, die das Verhältnis zu den Polen vornehmlich unter innenpolitischen statt außenpolitischen Vorzeichen sehen, wie wir es sonst gegenüber allen übrigen Nationen der Welt tun. Unsere Gesellschaft, von Mitgliedern aller im Parlament vertretenen Parteien getragen, bemüht sich, das Verhältnis zu unseren polnischen Nachbarn aus dem innenpolitischen Konflikt zu lösen. Angesichts verkrusteter Vorurteile in unserer Moral als Nation keine leichte Aufgabe. Sie muß aber bewältigt werden, wenn wir den inneren und äußeren Frieden wollen. Ihre Stimme ist dabei eine Hilfe.

Hamburg DR. HANNO JOCHIMSEN Vorsitzender der Deutsch-Polnischen Gesellschaft

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