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»Verliebt in die Uniform«

aus DER SPIEGEL 46/1976

Der Befehl kam aus Bonn und lautete: einigem. Das Verteidigungsministerium vergatterte am Dienstag letzter Woche alle Einheiten, von den Alpen bis zur Küste, ihre Kasernen, Fliegerhorste und Marine-Stützpunkte vor Journalisten abzuschirmen: Über die Stimmung der Truppe sollte nichts an die Öffentlichkeit dringen.

Durch das Schweigegebot wollte Minister Georg Leber verhindern, daß sich die Entlassung der beiden Luftwaffen-Generale Walter Krupinski und Karl Heinz Franke zu einer Bundeswehraffäre großen Stils ausweitet. Doch der Versuch mißlang: Hunderte von Briefen und Telegrammen. dazu immer neue Nachrichten über wachsende Unruhe im Offizierkorps belehrten den Oberbefehlshaber, daß mit Totschweigen nichts zu bewirken war.

In Einzelgesprächen mit Offizieren, Beamten und Abgeordneten und auf einer eilends einberufenen Tagung der dreißig ranghöchsten Offiziere am vergangenen Freitag bemühte sich der Minister, die Wogen zu glätten. Georg Leber, 56, irritiert: »Ich habe bis jetzt in meinem Leben noch keinen Vorgang erlebt. der mir selber so nahegegangen ist und der draußen im Lande so viel Staub aufgewirbelt hat wie dieser hier« (siehe SPIEGEL-Gespräch Seite 32).

Der Vorgang wog schwer genug. Zum erstenmal in der 20jährigen Geschichte der Bundeswehr waren zwei führende Generale fristlos gefeuert worden, und nur wenigen ihrer Kameraden wollte der Grund für die Strafaktion einleuchten. Der Kommandierende General der Luftflotte, Generalleutnant Krupinski, Weltkrieg-II-Jagdflieger mit 197 Abschüssen, und sein Stellvertreter. Generalmajor Franke, hatten sich über Kritik mokiert, die an der Teilnahme des rechtsradikalen Kriegshelden Hans-Ulrich Rudel an einer Traditionsveranstaltung des Aufklärungsgeschwaders 51 »Immelmann« laut geworden war.

Franke vor Journalisten: Man müsse Rudel ebenso ein Recht auf Läuterung zubilligen wie »Linksextremisten und Kommunisten, die früher in Moskau waren wie Herbert Wehner«. Krupinski trat seinem Vize an die Seite: Nichts gegen den SPD-Fraktionschef, aber »Wehner ist nun mal das beste Beispiel«.

Obschon die beiden Überflieger wissen mußten, daß der Hitlerheld Rudel auch nach dem Krieg seinem Idol treu geblieben war und für rechtsradikale Parteien agitiert hatte (siehe Kasten Seite 36), daß Herbert Wehners Nachkriegspolitik hingegen keinerlei Zweifel an seiner Loyalität zur westdeutschen Demokratie gestattet, blieben die beiden Generale bockig bei ihrem abwegigen Vergleich.

Die Armee hatte ihren Eklat, und auch Lebers Maulkorberlaß konnte nicht verhindern, daß nach außen drang, wie tief sich das Offizierkorps vom unehrenhaften Abschied der beiden Kameraden getroffen fühlte. Nur eine dünne Minderheit unter den Führungssoldaten zeigte ein gewisses Verständnis für den Obersten Dienstherrn; formalrechtlich, so argumentierten sie, habe Leber schließlich so handeln dürfen, denn das Soldatengesetz erlege in seinen Paragraphen 6, 15 und 17 den Militärs politische Mäßigung auf.

Bundespräsident Walter Scheel aber, der die Entlassungsurkunden unterschreiben muß und im letzten Krieg selber Nachtjagd-Einsätze geflogen war, mochte Leber nicht einfach folgen. Am vorigen Freitag verlangte er, der Minister solle seine Entscheidung erst einmal ausführlich begründen.

Die meisten Offiziere unterstellten dem Sozialdemokraten Leber, er habe nicht sachlich begründet, sondern lediglich politisch opportun gehandelt: Allzu willig sei der Minister den Forderungen vor allem des linken SPD-Flügels nachgekommen. Ein Flieger aus dem »Immelmann«-Geschwader: »Die allgemeine Stimmung ist: Sauerei, was man mit unseren Generalen gemacht hat -- wegen so einer Lappalie.« Ein Hauptmann aus Norddeutschland: »Lebers Maßnahme ist zu hart, ein Anschiß hätte genügt. Wer so oft Zwölfen geschossen hat wie Krupinski, muß auch mal eine Fahrkarte schießen dürfen.«

Besonders erbittert zeigten sich die Krupinski-Verteidiger darüber, daß der Parlamentarische Staatssekretär Hermann Schmidt-Würgendorf (SPD), der Rudels Auftritt beim Immelmann-Geschwader in Bremgarten bei Freiburg genehmigt hatte, bislang ungeschoren blieb und von Leber sogar gedeckt wurde. Ein Stabsoffizier erbost: »Den Genossen schont er, die Generale haut er in die Pfanne.«

Soviel Erbitterung, so lautes Lamento der Bundeswehrführer aller Ränge über den rauhen Umgang ihres Ministers mit den beiden Skandal-Generalen mußte in der Öffentlichkeit den Eindruck erwecken, als regiere Georg Leber seine Uniformierten mit harter Hand, als hätten die Generale im Ministerium eigentlich nichts zu sagen.

Doch der Schein trügt, das Gegenteil ist richtig. Seit der ehemalige Bauarbeiter-Führer und Weltkrieg-II-Funker im Sommer 1972 vom Verkehrs- zum Verteidigungsminister avancierte, haben die Spitzen-Militärs einen Chef, der auf sie hört wie kaum einer seiner Vorgänger. Niemals zuvor hatten die Goldbetreßten soviel Einfluß auf die politische Spitze, hatten sie soviel Freilauf wie unter Leber.

Sogar der christdemokratische Wehrexperte Manfred Wörner, der Bundeswehr eher unkritisch zugetan, befand einmal: »Der richtet sich ein bißchen viel nach den Soldaten.« Und ein ehedem enger sozialdemokratischer Mitarbeiter des Ministers sagt heute: »Leber ist verliebt in die Uniform.«

Da war es unausbleiblich, daß sich die militärische Obrigkeit in ihrem Selbstgefühl allmählich zu überschätzen begann, daß die Generale immer selbstherrlicher auftraten. Sie betrieben Politik auf eigene Faust und verfingen sich dabei, wie bei ihrer konservativen Mentalität nicht anders zu erwarten, im rechten Unterholz.

Der deutsche Nato-General Günther Rall fand nichts dabei, sich von der Regierung des Apartheid-Staates Südafrika zu einer kostenlosen Ferienreise einladen zu lassen. Heeres-Inspekteur Horst Hildebrandt hielt es für ganz selbstverständlich, bei der 36. Siegesparade der Franco-Soldaten in Madrid auf der Ehrentribüne zu posieren. Und Generalmajor Eberhard Wagemann, Kommandeur der Führungsakademie, hatte nichts dagegen, daß der chilenische Oberstleutnant Helmut Kraushaar in der Hamburger Eliteschule den Juntaputsch gegen die Regierung Allende zur Heldentat hochjubelte und das Pinochet-Regime pries.

Gewiß, rechter Übermut und politische Instinktlosigkeit hatten sich auch schon früher in der westdeutschen Wehr gezeigt. Aber so dreist wie in den letzten Jahren waren die Rechts-Sympathisanten bislang noch nie aufgetreten, und noch nie hatten sie ihre politischen Neigungen so freimütig zu erkennen gegeben wie unter dem Sozialdemokraten Leber. SPD-MdB und Verteidigungsexperte Karl-Heinz Hansen empörte sich: »Daß die so denken, war nie ein Geheimnis, daß die aber denken, man könne so etwas jetzt ungestraft sagen, das ist hanebüchen. Da wurde es Zeit für einen Stopper.«

Mit Hansen forderten 39 weitere sozialdemokratische Abgeordnete von dem Minister, im Fall der Rudel-Verteidiger Krupinski und Franke nun endlich ein Exempel zu statuieren. Der Minister kam der Forderung nach -- nicht nur, weil er die Ablösung moralisch für unumgänglich hielt, sondern auch, weil er in der eigenen Partei das Gesicht wahren mußte.

Denn immer lauter wird die Kritik der Sozialdemokraten an einem SPD-Verteidigungsminister, der durch seinen Führungsstil und seine unverhohlene Bewunderung für alles Militärische einem neuen Kommißgeist den Weg ebnet. SPD-MdB und Major der Reserve Peter Würtz: »Die politische Kontrolle über die Armee hat nachgelassen.« So gesehen ist der Fall Krupinski ein Fall Leber.

Von seinem Amtsantritt an sah der biedere Nordhesse und Ex-Unteroffizier Leber, der heute noch gern damit kokettiert, daß er nach Kriegsende einige Monate auf dem Bau gearbeitet hat, seine Hauptaufgabe als Oberbefehlshaber darin, den Soldaten einen angemessenen Platz in Staat und Gesellschaft zu sichern. Verstand sich sein Vorgänger auf der Hardthöhe, der erste sozialdemokratische Verteidigungsminister Helmut Schmidt, als Stratege und Reformer, so geht es Leber mehr darum, seine Truppe glücklich zu machen.

Der Minister, so erinnert sich sein früherer Staatssekretär Karl Wilhelm Berkhan, der jetzt als Wehrbeauftragter des Bundestages Dienst tut, habe »die Gefühlskomponente der Soldaten fest im Griff«. Das sei nicht geringzuschätzen, denn: »Soldaten wollen immer geliebt werden.« Niemals hat beispielsweise Helmut Schmidt sein Wachbataillon so begrüßt, wie es seit dem Alten Fritz der Brauch will. Georg Leber hingegen kommt's von Herzen, wenn er ausruft: »Guten Morgen, Soldaten!«

Unverstellt trägt der gläubige Katholik Leber seine Affinität zum Militär zur Schau. Stolz und Befriedigung spiegeln sich in des Ministers Miene wider, wenn seine Soldaten vor ihm paradieren, und Rührung überkommt ihn, wenn sie zu den Klängen des Chorals »Ich bete an die Macht der Liebe« den Großen Zapfenstreich feiern.

In Georg Lebers Weltbild hat »die bewaffnete Macht« ihren gleichrangigen Platz neben Parteien, Gewerkschaften und Kirchen -- den »großen formierten Kräften, die den Staat tragen und erhalten wollen«.

Daß sich gerade die Sozialdemokraten im Umgang mit dieser bewaffneten Macht in der Weimarer Republik, wie auch über lange Jahre in der Bundesrepublik, schwertaten, daß sie in den Soldaten gleichsam das Symbol für alles Reaktionäre in der Gesellschaft sahen -- dies empfand Arbeitersohn Leber als besondere Herausforderung.

»Wir haben«, so sagte Lebers Amtsvorgänger Helmut Schmidt im vorigen Jahr vor der SPD-Fraktion, »viele, viele Jahre dafür gearbeitet, daß ein sozialdemokratischer Verteidigungsminister eine Selbstverständlichkeit geworden ist"« und für Helmut Schmidt mag das auch so sein.

Georg Leber indessen hat wohl immer noch das Gefühl, ein Sozialdemokrat als Verteidigungsminister müsse um die Gunst des Militärs buhlen und permanent stramme Wehrgesinnung demonstrieren. Ein SPD-Verteidigungsexperte: »Das ist bei Leber ein simpler psychologischer Akt der Überkompensation.«

Unter dem Beifall seiner Generale ließ Leber beispielsweise die Planungsabteilung verkümmern, die Helmut Schmidt in seiner dreijährigen Amtszeit aufgebaut und mit zivilen, von der Hierarchie unabhängigen Fachleuten besetzt hatte, um die Militärs besser kontrollieren zu können. Unter Schmidt durften die Planer politische Alternativen entwickeln, bei Leber sind derlei Szenarien unerwünscht. In der Planungsabteilung wird heute nicht mehr geplant, sondern nur noch beschrieben, was einmal war -- im Weißbuch der Bundeswehr, das alle zwei Jahre als dickleibiger Leistungsnachweis an Journalisten und Parlamentarier verschickt wird.

Während Schmidt gegenüber den Militärs deutlich auf Distanz hielt ("Was Generale sagen, glaube ich grundsätzlich nicht"), zeigt Leber ungeniert Bewunderung für die Uniformierten. So läßt der Minister nach dem Vortrag seiner Staatssekretäre gern zum wehrpolitischen Privatissimum den Generalinspekteur rufen, der nicht, wie früher bei Schmidt selbstverständlich, ständig an den Sitzungen teilnimmt.

Der Offizier trägt, ohne Wissen um die vorangegangene Diskussion, den Standpunkt der Militärs vor -- und das ist meist dann auch Lebers Meinung. »Die Generale finden ihn Klasse«, beschreibt ein Wehrfachmann der SPD-Fraktion die Situation auf der Bonner Hardthöhe, »denn die haben ihn doch in der Tasche.«

Besonders deutlich zeigt sich Lebers Präferenz für die Herren in Uniform bei der Personalpolitik. Sozialdemokraten in der Bundeswehr beklagen, daß ihr Minister bei der Besetzung von Kommandeurstellen immer wieder den Empfehlungen seiner Spitzenmilitärs folgt und besonders konservative Kandidaten bevorzugt. So beförderte er zum neuen Nato-Oberbefehlshaber Europa-Mitte ausgerechnet den CDU-nahen Generalleutnant Franz Josef Schulze, jenen Mann, den Manfred Wörner, Unions-Aspirant auf den Posten des Verteidigungsministers, bei einem Sieg seiner Partei zum Generalinspekteur ernennen wollte.

Im eigenen Haus brach Leber mit der von allen seinen Vorgängern strikt beachteten demokratischen Tradition, niemals einen Soldaten zum Staatssekretär zu machen. Als Nachfolger des abgehalfterten Rüstungsspezialisten Siegfried Mann, eines Konservativen, der aber gegenüber den Militärs stets den Primat der Politik hervorgehoben hatte, ernannte Georg Leber den bisherigen Nato-OB Europa Mitte, Karl Schnell. Dabei stand dem Minister im eigenen Ressort ein fachlich hochqualifizierter Zivilist zur Verfügung: der sozialdemokratische Ministerialdirektor Heinz Padberg, wie der abgelöste Staatssekretär Mann Haushaltsexperte.

Und auch bei vergleichsweise weniger bedeutenden Personalentscheidungen haben die Militärs stets das Ohr ihres Ministers. Die Generalität setzte durch, daß einer ihrer Konservativen, Generalmajor Hans Teusen, stellvertretender Personalchef wurde. Über den politischen Standort des Generals vermerkt der SPD-Abgeordnete Würtz: »Der Mann ist so schwarz, der wirft noch im Keller einen Schatten.«

Geht es um die Wünsche seiner Top-Soldaten, dann vergißt der ehemalige Vorsitzende der IG Bau, Steine, Erden offenbar sogar, was er als Arbeiterführer jahrzehntelang öffentlich vertreten hat. Bei einem Streit zwischen dem Kommandeur der Bundeswehr-Führungsakademie Hamburg, Generalmajor Wagemann, und dessen Abteilungsleiter, Brigadegeneral Günter Raulf, über mehr Mitbestimmung für die Abteilungsleiter der Akademie entschied sich Leber für den Herr-im-Haus-Standpunkt Wagemanns. Den Störenfried Raulf (SPD-Mitglied) schob er auf einen Nato-Posten ab.

Selbst dem erfolglosen Unions-Kanzlerkandidaten Helmut Kohl war der Minister bei einer Personalentscheidung gefällig. Brigadegeneral und SPD-Mitglied Paul-Albert Scherer, Chef des Militärischen Abschirmdienstes (MAD), durfte nicht Befehlshaber im Wehrbereich IV (Rheinland-Pfalz) und damit Generalmajor werden, weil Kohl in seiner Residenzstadt Mainz keinen Sozialdemokraten haben wollte.

Es macht Georg Leber richtig stolz, daß der Personalpolitik auf der Hardthöhe die Parteizugehörigkeit des Ministers nicht anzumerken ist. Er wolle, so sagt er immer wieder, keine »progressive Armee«, und weil die Bundeswehr eben nicht »Armee einer Partei« sei, »wird es darin auch Offiziere und Soldaten geben müssen, die anders denken als ich«.

Ein kluger Grundsatz -- das Problem ist nur, daß der politische Dienstherr von den konservativen Denkstrukturen seiner militärischen Führer gar so weit nicht entfernt ist. Mit soldatischer Gesinnung verbindet Leber seine Vorliebe für alles Gerade, Saubere, Aufrechte, für Hierarchie.

Wie kaum ein anderer Sozialdemokrat respektierte er schon während seiner Zeit als Verkehrsminister die etablierten Befehlsgewalten im Beamtenapparat. Zugleich aber ließ er, schon als Gewerkschaftsführer, seine Untergebenen nie vergessen, wer der Boß ist. Und wer bei ihm etwas werden wollte, tat gut daran, sich dem Leberschen Idealbild vom guten Deutschen anzunähern.

Einer, dem dies besonders gut gelang, war der DDR-Spion Günter Guillaume, der vor seinem Wechsel ins Bonner Kanzleramt für Leber in Frankfurt Wahlkampf gemacht hatte. Noch vor dem Parlamentarischen Untersuchungsausschuß zeigte sich Leber beeindruckt von dem Ostagenten, der in seinem äußeren Auftreten vielen als der Prototyp des sozialdemokratischen Spießers erschien.

Leber über Guillaume: »Er hat mir nie Veranlassung gegeben, an Dingen zu zweifeln, die für mich etwas bedeuten. Eine blitzsaubere Familie. Seine finanziellen Dinge schienen mir geordnet zu sein Er lebte auf keinem großen Fuß, rauchte seine Pfeife. Ich habe nie gesehen, daß er im Übermaß Alkohol getrunken hat.« Und, besonders wichtig: »Er hat mir verschiedentlich Hinweise gegeben: Da mußt du aufpassen, dem Kerl traue ich nicht ganz, der ist mir zu weit links, und wer weiß was alles.«

Dem Vergnügen des Ministers an aufrechten Männern, die wissen, was sich gehört, entspricht sein Sinn für Formalia. Auf der Hardthöhe ließ er dem alten Chef-Flügel eigens einen Ministerbau mit repräsentativer Freitreppe anhängen, um nicht mehr, wie sein Vorgänger Schmidt, in einem vergleichsweise kleinen Raum und auf einem Flur mit untergeordneten Staatssekretären residieren zu müssen.

Seinem ausgeprägten Sinn fürs Große und Ganze entspricht es auch, daß er für die Details des Ministergeschäfts nicht viel übrig hat. Anders als Helmut Schmidt, der als penibler Aktenstudierer gefürchtet war und mit seinem Präsenzwissen die Militärs oft schlagen konnte, läßt sich Leber nach dem Vorbild von Konrad Adenauer aus umfänglichen Vorlagen Kurzfassungen destillieren.

Durch seine Scheu vor Einzelheiten gerät Leber gegenüber seinen Obersoldaten häufig ins Hintertreffen. Ein Vertrauter des Ministers: »Das macht ihn hilflos bei Vorträgen der Inspekteure.« Überdies attestieren ihm seine Mitarbeiter die Fähigkeit, aus Aktennotizen all das fein säuberlich auszufiltern, was nicht in sein geordnetes Weltbild paßt.

In solch urdeutschem Bedürfnis nach Einigkeit und Harmonie, in seiner Scheu vor Konflikten versteht sich der Verteidigungsminister als Schutzpatron der Nation, der berufen ist, seine Landsleute vor den allerorts dräuenden Gefahren zu bewahren wie weiland Sankt Georg der Drachentöter. Verständlich denn auch, daß Sozialdemokraten jedweder Couleur einige Mühe haben, Georg Leber als einen der Ihren zu verstehen. SPD-Chef Willy Brandt charakterisiert den entrückten Genossen mit milder Ironie: »Unser Verteidigungspräsident.«

Je länger er auf der Hardthöhe ministrierte, desto weiter entfernte sich der Wehrführer von seiner Partei. Im Parteivorstand, in den er auf dem Parteitag von 1973 nur nach Fürsprache des Vorsitzenden Brandt wiedergewählt wurde, spricht Georg Leber seit Jahren kaum noch ein Wort.

Für kritische Genossen in der Arbeitsgruppe Verteidigung der SPD-Fraktion findet er nur noch Platz im östlichen Feindbild. Ein Parteifreund, der in Grundsatzfragen durchaus auf Lebers Linie liegt, beschreibt des Ministers Einstellung gegenüber den skeptischen Abgeordneten so: »Er hat wirklich das Gefühl, daß in der Arbeitsgruppe eine kommunistische Verschwörung herrscht, weil er mit den intellektuellen Einzelgängern nicht fertig wird und es mit seiner Würde nicht vereinbaren kann, daß jemand gegen ihn ist.«

Wie sehr sich Leber inzwischen den eigenen Genossen entfremdet hat, schildert der FDP-Abgeordnete Jürgen Möllemann, der im vorigen Jahr neu in den Verteidigungsausschuß des Bundestages einrückte: »Als ich dort das erste Mal den Leber vor dem Ausschuß erlebte, habe ich gedacht, die SPD-Fraktion sei die Opposition und die CDU stelle die Regierung. Ich war doch ziemlich irritiert.«

Die Oppositionellen haben sich an Lebers verkehrte Welt schon längst gewöhnt. Alfred Dregger, im Bundestagswahlkampf die Nummer eins auf der hessischen CDU-Landesliste und direkter Gegner des sozialdemokratischen Listenführers Leber, urteilt im vertrauten Kreis: »Herr Leber ist ein Mann, der unserer Partei sehr viel näher steht als seiner eigenen.«

Und Manfred Wörner, langjähriger Anwärter auf das Leber-Amt, achtet peinlich darauf, den Chef der Hardthöhe im Bundestag nicht zu hart ranzunehmen. Wörners schwäbisch-derbe Begründung: »Der Leber ist doch eine nationale Figur. Wenn ich den anpinkle, dann spritzt das gegen mich.«

An nationaler Beliebtheit kann es in der Tat kaum ein anderer Politiker mit Georg Leber aufnehmen. Bei der Demoskopenfrage nach der Popularität von Bundesministern rangiert der Armee-Patriarch an zweiter Stelle, fast gleichauf mit dem TV-Biedermann Hans-Dietrich Genscher. Dies hat er, wie der Freidemokrat, vor allem wohl dem Umstand zu verdanken, daß er sich dem Bürger stets wie ein gerechter Hausvater darstellt, der über allen Parteiungen steht.

Weit weniger zählt bei der Bewertung des Politikers Leber, daß er heute einer Armee vorsteht, die nach dem Urteil von Fachleuten in Ost und West zu den schlagkräftigsten der Welt gehört. Galt die westdeutsche Wehr über mehr als ein Jahrzehnt hinweg als nur bedingt abwehrbereit, so ist sie heute in Ausrüstung, Ausbildung und Einsatzbereitschaft internationale Spitzenklasse. Bei allen Nato-Wettbewerben in den letzten Jahren plazierten sich die Deutschen so häufig auf dem ersten Rang, daß es den Kommandeuren fast peinlich wird. Bei künftigen Konkurrenzen, so der Kasino-Scherz, müsse man wohl den Befehl geben, sich nur noch auf Platz zwei zu schießen.

Das schiere Effizienzdenken, die allein auf Leistung und Ergebnis, auf Präzision und Tempo abgestellte Wehrideologie, hat freilich dazu geführt, daß die politische Essenz der Armee zusehends aus dem Blickfeld geriet. Der Gründungsauftrag der Bundeswehr, erstmals in der deutschen Geschichte eine Armee zu schaffen, die sich als fester Bestandteil eines demokratischen Systems versteht, scheint bei der wachsenden Fixierung auf das reine Militärhandwerk immer mehr zu verblassen.

Kein Wunder, daß heute die Stabsabteilung auf der Bonner Hardthöhe, die für die Innere Führung und die politische Bildung der Soldaten zuständig ist, im bundesdeutschen Kommißjargon zur Abteilung »Fahne, Rotz und Geistlichkeit« degradiert wird. Durchaus ins Bild paßt da auch, daß unter Georg Leber die in Koblenz ansässige und der Stabsabteilung I unterstellte Schule für Innere Führung zu totaler Bedeutungslosigkeit verkam. Und konsequent ist schließlich auch, daß dem bisherigen Chef »Innere Führung« in der Luftwaffe, einem Brigadegeneral, jetzt nur ein Oberst nachfolgen soll -- für die in hierarchischem Denken geübten Militärs eine glatte Herabstufung des Abteilungsrenommees.

Entsprechend heruntergekommen ist der politische Unterricht in der Bundeswehr. Bundestagsabgeordnete beobachteten bei Truppenbesuchen, daß die Offiziere lieber Reparaturen am Maschinen- und Waffenpark ausführen lassen, als die Wehrpflichtigen zur Staatsbürgerkunde abzukommandieren. Und anstatt die politische Unterweisung in kleine Gruppen von 15 bis 20 Wehrpflichtigen zu verlegen, lassen Kommandeure den Unterricht in Kompaniestärke fassen. SPD-Wehrmann Hansen: »Politische Bildung spielt sich so ab: Soldaten, antreten! Bundestag ist, wenn man ...«

Bei einer Armee, die sich selbst vornehmlich als eine Organisation von Kriegstechnokraten versteht und auf Distanz zum politischen Geschäft in der westdeutschen Demokratie nachgerade Wert legt, scheint es fast folgerichtig, daß ein Mann wie der Stuka-Oberst Rudel nur noch unter dem Aspekt beurteilt wird, daß er im Krieg über 500 Panzer abgeschossen hat.

Solch unkritisches Traditionsverständnis bringt es mit sich, daß die Hitler-Wehrmacht in der Erinnerung vieler Bundeswehr-Offiziere allein als leistungsstarke Kampfmaschine erscheint und die Frage verdrängt wird, für wen und für was sie geschossen hat. ihre hochdekorierten Haudegen werden, gleich Rudel, zu Supermännern hochstilisiert -- egal, wie weit sie sich vor oder nach dem Kriege mit dem Nazi-Regime identifiziert haben.

Nachdenkliche Bundeswehr-Kenner mahnen denn auch nach der Affäre Krupinski/Franke den Verteidigungsminister, sein Verhältnis gegenüber Soldaten und Generalen endlich zu überprüfen. FDP-Parlamentarier Möllemann: »Man darf jetzt nicht einfach zur Tagesordnung übergehen und so tun, als sei der Fall Rudel nur ein Problem zweier Luftwaffengenerale.«

Und Lebers Parteifreund Georg Schlaga macht ganz unverblümt für die diversen Generalsaffären der jüngsten Zeit den Genossen Verteidigungsminister verantwortlich: »Man muß sich doch Gedanken darüber machen, wie es dazu kommen konnte, daß dies alles innerhalb der letzten zwei Jahre passiert ist. Wieso ist das nicht unter Schmidt passiert?«

Gedanken macht sich auch der Bundeskanzler. Beunruhigt über die innere Entwicklung der Armee und offenkundig besorgt um den politischen Ruf der Republik, zeigte er letzte Woche im Kabinett Zweifel, ob es denn die Bundeswehr wirklich nötig habe, ihre Vorbilder wie bisher in der düsteren Vergangenheit zu suchen.

Seinen Nachfolger auf der Hardthöhe belehrte Helmut Schmidt vor versammelter Minister-Mannschaft: »Es muß deutlich gemacht werden, daß die Bundeswehr auch eine Nachkriegsgeschichte hat. Sie hat sich in den 20 Jahren ihres Bestehens ihre eigene Tradition geschaffen, und das ist eine Tradition des Friedens.«

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