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BUNDESWEHR Verlorene Zeit

Rüde Vorgesetzte und die schlechte Stimmung bei den Soldaten alarmieren Bundeswehr-Führung und Wehrbeauftragten. *
aus DER SPIEGEL 7/1988

Wenn willi Weiskirch, der Wehrbeauftragte des Bundestages, über die Zustände in den Streitkräften spricht, erinnert er gern an eine rote Broschüre aus dem Jahr 1953. Titel: »Nie wieder Kommiß!«

Auf 64 Seiten prangerte die Schrift vor der Wiederaufrüstung Mißstände in Hitlers Wehrmacht an: rüpelhaften Kasernenhofton, unnötige Schleifereien. Das Heftchen warnt davor, die Uniform als »Ehrenkleid der Nation« zu verherrlichen und Paraden zu kultischen Handlungen ausarten zu lassen.

»Niemals«, so Weiskirch, hätte er sich »träumen lassen«, daß einstige »08/15-Methoden« in der Bundeswehr einreißen könnten. Inzwischen weiß er, daß die Schleifer wieder auf dem Vormarsch sind, daß Soldaten von ihren Vorgesetzten schikaniert, angepöbelt und drangsaliert werden.

Jüngstes Beispiel: Zwei Offiziere und vier Feldwebel der 3. Kompanie des Fallschirmjäger-Bataillons 251 im württembergischen Calw wurden ihrer Posten enthoben, wegen »entwürdigender Behandlung von Untergebenen«. Sie hatten zugelassen, daß Unteroffiziere neu angekommene Rekruten eigenhändig kahlschoren und krank geschriebene Soldaten »freiwillig« Gefechtsdienst leisteten. Gegen weitere Ausbilder laufen Disziplinar-Ermittlungen.

Selbst einem konservativen Militär wie Henning von Ondarza gehen die Unsitten allmählich auf die Nerven. Der Generalleutnant, seit 25. September Inspekteur des Heeres, mahnte in einem Brandbrief an die Truppe »Selbstverständlichkeiten« an: Offiziere und Unteroffiziere sollten ihren Untergebenen gefälligst mit »Gerechtigkeit« und »korrektem, menschlich ansprechendem Umgangston« begegnen.

Die neue Ruppigkeit in der Bundeswehr kann sich auch Weiskirch nicht recht erklären. Fest steht nur: Konservative Geister, die »traditionelle soldatische Tugenden« wie absoluten Gehorsam, Härte und Todesmut predigen, haben Oberwasser, seit Weiskirchs Parteifreund Manfred Wörner (CDU) auf der Bonner Hardthöhe regiert.

Unter Wörners Regentschaft wurde es chic, »kriegsnahe Ausbildung« zu propagieren. Die »Wende« von 1982, so brüstet sich Wörner heute, habe sich bei der Bundeswehr darin niedergeschlagen, »daß die Leute in der Armee wieder von Härte reden und von Erziehung«.

Klagen über rüde und mithin »menschenunwürdige« (Weiskirch) Behandlung hingegen gelten im größtenteils konservativen und unionsnahen Offizierskorps als unfein und unangebracht. Gängige Parole heute wie einst: »Ein guter Soldat beschwert sich nicht.«

So war es auch bei der Fallschirmjägereinheit in Calw, die sich selber zu den Elitetruppen zählt. Keiner der Rekruten wagte es, sich bei den Vorgesetzten über die Schikanen zu beklagen.

Die Zahl der - auf dem Dienstweg eingereichten - Beschwerden junger Soldaten über Vorgesetzte hat in den letzten Jahren kontinuierlich abgenommen. Es grassieren Angst um Karrierechancen und Furcht vor Repressalien.

Der Wehrbeauftragte dagegen erhält jedes Jahr mehr Eingaben - 1987 über 8500. Die Soldaten, die bei ihren Vorgesetzten keine Gerechtigkeit finden, wenden sich lieber ohne Wissen der Vorgesetzten direkt an ihn. Er verspricht aus Sicht der Schikanierten Anonymität - und vor allem Hilfe.

Alarmiert beklagt Weiskirch auch die »zunehmende Kälte in der Armee«. Sein Lagebild: Es drohe eine »Gefährdung der Kameradschaft«.

Nicht minder kritisch schätzt Ondarza die Situation in seinem 340 000 Mann starken Heer ein. Gerade von »leistungsbereiten Wehrpflichtigen« kämen »zunehmend negative Schilderungen«, die Moral sinke.

Noch mehr beunruhigt den General aber eine Herbst-Umfrage, wonach die Zielgruppe für Freiwilligenwerbung - die 14- bis 18jährigen Jungbürger - die

Streitkräfte negativer beurteilt als je zuvor. 41 Prozent der Befragten halten die Bundeswehr für »nicht so wichtig, überflüssig« oder gar »schädlich«. Vor einigen Jahren standen noch 67 Prozent der Bundeswehr positiv gegenüber.

Daß junge Soldaten kaum ein gutes Haar an der Armee lassen, weiß die Hardthöhe auch aus einer 132-Seiten-Studie des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Bundeswehr. Danach hat nur jeder fünfte Wehrpflichtige Vertrauen zu seinen Vorgesetzten, fast die Hälfte beklagt den »autoritären Führungsstil«. Die schlimmste Aussage der Untersuchung, die sofort unter Verschluß genommen wurde: Mehr als 70 Prozent halten den Dienst für »verlorene Zeit«.

In dieser Lage, so Ondarza, werde es äußerst schwierig, mehr Freiwillige anzuheuern, um im nächsten Jahrzehnt die Folgen des Pillenknicks auszugleichen. Wenn die Streitkräfte aber nicht mehr Zeit- und Berufssoldaten finden, bricht Wörners Personalplanung zusammen.

Alarmierend wirkte bei Ondarza deshalb die Erkenntnis der Hardthöhen-Statistiker, trotz flauen Arbeitsmarkts, der vor einigen Jahren noch zu Andrang bei den Annahmestellen geführt hatte, sinke die Zahl der Bewerber: Für eine Offizierskarriere beim Heer meldeten sich im vorigen Jahr sieben Prozent weniger junge Männer als 1986. Bei den Unteroffiziersaspiranten gab es sogar ein Minus von elf Prozent.

»Verpflichtungsprämien«, wie sie künftig wieder als eine Art Kopfgeld bezahlt werden sollen, lösen das Problem nicht. Ondarza: »Wir müssen den Dienst attraktiver gestalten.«

Noch aber überwiegen die Schreckensmeldungen a la Calw. Als der Wehrbeauftragte einige Wochen vor den skandalösen Vorfällen unangemeldet bei einer anderen Fallschirmtruppe, der Luftlande-Pionierkompanie 250 im niederbayrischen Passau, erschien, mußte er sich wieder einmal anhören, wie rüde Rekruten behandelt werden. Ein Zugführer empfing die Neuankömmlinge in der Kaserne: »Meine Freunde nennen mich Stinki, aber ich habe keine Freunde.« Soldaten gelten als »Verfügungsmasse« und - weit harmloser - »Arschlöcher«.

In Passau, die »Schleifer von Nagold« aus den sechziger Jahren lassen grüßen, war Soldaten sogar empfohlen worden, aus dem Fenster zu springen.

Weiskirch empfindet es als besonders bitter, daß er bei seinem Kampf gegen solche Unarten »gegen eine Mauer läuft": »Das ist die größte Enttäuschung meiner Amtszeit.« Denn er hält es mit dem Satz in der Broschüre von 1953, »die Kaserne, einst der Inbegriff der Willkür und des Zwangs, muß zum Begriff der Freiheit und der Menschenwürde werden«. Autor des roten Heftchens, das er so gerne zitiert: Willi Weiskirch.

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