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ATOMKRAFT Verlorener Glanz

Trotz drastischer Sparmaßnahmen fördert die Reagan-Mannschaft ein kostspieliges Kernkraft-Projekt, das unter Fachleuten als überholt gilt.
aus DER SPIEGEL 33/1981

Auf den Spuren des Kapitols in Washington stellte sich dem Abgeordneten Phil Gramm ein Demonstrant in den Weg. »Das verstehen Sie also unter Spar-Budget«, empörte sich der junge Mann, der das Plakat eines Naturschutzvereins trug.

Demokrat Gramm hatte vor einigen Wochen gemeinsam mit einem republikanischen Kollegen einen Haushaltsentwurf vorgestellt, der die Staatskasse vor allem auf Kosten der sozial Schwachen entlasten sollte -- ebenso schonungslos wie das Sparprogramm des Landesvaters Ronald Reagan.

Ende Juli aber stimmte Gramm für die Weiterfinanzierung eines Projektes, das nur Tage vorher in einem für den Kongreß erstellten Gutachten als »finanzielles und technologisches Fiasko« bezeichnet worden war: für den atomaren Brutreaktor am Clinch River in Tennessee.

Knapp eine Milliarde Dollar haben die amerikanischen Steuerzahler schon in dieses Projekt investiert, von dem bisher noch nicht mehr zu sehen ist als ein umzäuntes Stückchen Wald in einer Schleife des Clinch River.

Sollte der Reaktor, wie von den Bauherren jetzt geplant, tatsächlich in neun Jahren fertiggestellt sein, wird das relativ bescheidene 375 Megawatt-Kraftwerk 3,2 Milliarden Dollar gekostet haben -- fast fünfmal soviel wie veranschlagt. Und der Strom, den es dann produziert, wird, schrieb das »Wall Street Journal«, »so teuer sein, daß er weit unter Preis abgegeben werden müßte«.

Nun ging es den Trägern des Projektes, einem Konsortium amerikanischer Elektrizitätsgesellschaften, ursprünglich weniger darum, mit ihrem überwiegend aus staatlichen Mitteln finanzierten Brüter vorbildliche Wirtschaftlichkeit zu demonstrieren. Sie wollten vielmehr Machbarkeit und Sicherheit einer Technik vorführen, die bei der Stromerzeugung mehr atomaren Brennstoff herstellt, als sie verbraucht -- und Uran in das begehrte Plutonium umwandelt.

Aber was vor zehn Jahren Atom-Freunden noch als technische Leistung von Rang verkauft werden konnte, hat seinen »Glanz inzwischen weitgehend verloren« ("Wall Street Journal").

Denn der Elektrizitätsbedarf der Vereinigten Staaten wächst nicht mehr um sieben Prozent jährlich, wie zu Beginn des vorigen Jahrzehnts, sondern nur noch um ein Prozent. Und statt der von der Atomenergie-Kommission noch 1974 vorausgesagten 1200 Atommeiler werden im Jahr 2000 allenfalls 170 Kernkraftwerke in den USA arbeiten.

Auch die Uran-Krise, die ein Kraftwerk, das atomaren Brennstoff selber erbrüten kann, so begehrenswert erscheinen ließ, ist bisher ausgeblieben. Statt dessen herrscht auf dem Weltmarkt derzeit eine Uran-Schwemme.

Außerdem blieben beim Clinch-River-Brüter wesentliche Sicherheitsprobleme ungelöst -- er ist, wie Edward Teller, als »Vater der Wasserstoffbombe« und radikaler Verfechter von Atomenergie, kürzlich bekennen mußte, »technologisch überholt«.

Nicht beseitigt wurden zum Beispiel nach Auffassung der Untersuchungskommission des Kongresses, die jetzt ihren vernichtenden Bericht vorgelegt hat, schwerwiegende Konstruktionsmängel des Reaktors -- sie wurden schon 1978 von der Nuclear Regulatory Commission (NRC), der zuständigen Aufsichtsbehörde in Washington, moniert.

So hatte die NRC kritisiert, der Brüter sei »in hohem Maße« anfällig für das Durchbrennen des Reaktorkerns. Der Druckbehälter sei nicht belastbar genug, und der Brüter könne bei einer Explosion des Reaktorkerns in die Luft fliegen.

Fragwürdig sei auch das Kühlsystem des Reaktors: Es funktioniert auf der Basis von Natrium, das sich bei Luftkontakt entzündet und bei der Berührung mit Wasser explodiert. Alle diese Mängel sind, so Kommissionsmitglied Peter Stockton, »bis heute nicht behoben«.

Auch in den Geschäftsunterlagen für das Projekt entdeckte die Kommission S.106 Unschönes: Korruption und Schlamperei.

Den Auftrag für die Herstellung der Dampfturbinen etwa bekam Atomics International, ein Ableger des Rockwell-International-Konzerns -- zu einem Preis, der mehr als doppelt so hoch lag wie bei der Konkurrenz.

Noch dazu lieferte Atomics International schließlich nur zwei statt der vereinbarten elf Turbinen. Statt rund fünf Millionen Dollar pro Stück kosteten sie freilich inzwischen mehr als zehnmal soviel: jeweils 71,5 Millionen Dollar.

Es sei »eindeutig«, folgerte die Kommission, daß Verträge zwischen dem Elektro-Konsortium und seinem Lieferanten »umgeschrieben« würden, »um sich der nachträglichen Entwicklung anzupassen«. Sie fand sogar Fälle von eindeutigem Betrug: die Gründung von Scheinfirmen etwa, die für ihre Produkte Phantasiepreise kassierten.

Ein junger Abgeordneter der Republikanischen Partei, David Stockman, kritisierte das Clinch-River-Projekt schon 1978 als »Sozialismus für Unternehmer, völlig unvereinbar mit den marktwirtschaftlichen Grundlagen der amerikanischen Energiepolitik«.

Stockman, heute Reagans Budgetdirektor, hat seine Kritik inzwischen eingestellt. Anders als Jimmy Carter, der ein entschiedener Gegner des Brutreaktors war und die Mittel dafür sperrte, hat sich Reagan schon im Wahlkampf für das Clinch-River-Projekt ausgesprochen und unterstützt es nun als Präsident nach Kräften.

Dabei mag von einigem Gewicht sein, daß der Reaktor dem einflußreichen republikanischen Senator aus Tennessee, Howard Baker, am Herzen liegt -- es geht immerhin um 4000 lukrative Arbeitsplätze für die Bürger seines Staates.

Doch das Interesse der Reagan-Administration an dem Brutreaktor dürfte auch mit ihren umfassenden Rüstungsplänen zusammenhängen.

Bis vor kurzem nämlich war das in Kernkraftwerken und Brütern anfallende Plutonium nur teuer und zeitaufwendig zu produzieren. Jetzt aber haben amerikanische Wissenschaftler ein Verfahren entwickelt, das die Gewinnung von Plutonium mittels Laserstrahlen aus abgebrannten Brennstäben ermöglicht.

Die Reagan-Administration prüft gerade, meldete der »Washington Star«, ob sie auf diese Weise ihren »emporschnellenden Bedarf« an Plutonium decken könnte, das sie für die geplante »Expansion ihres nuklearen Waffenarsenals« braucht.

Gutachter Peter Stockton versteht plötzlich dringende Anrufe aus dem Pentagon: »Jetzt ist mir klar, warum die so scharf auf unseren Bericht waren -- die wollten wissen, wie bald der Clinch-River-Brüter für ihre Zwecke zur Verfügung stehen könnte.«

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