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ENGLAND / WAHLEN Verlorener Sieg

aus DER SPIEGEL 43/1964

Im britischen Unterhaus erhob sich ein Prophet und warnte England vor der deutschen Gefahr.

»Die Bundesrepublik«, grollte er, dürstet nach Rache und wird versuchen, die verlorenen Gebiete im Osten zurückzuerobern. Die Nato wird mit hineingezerrt werden. Im Fall eines neuen Aufstandes in der Zone besteht die unmittelbare Gefahr eines dritten Weltkrieges.«

Nach dem Ausbruch der Berlin-Krise ließ, sich der Prophet erneut vernehmen: »Berlin muß aufhören, sich als vorgeschobener Gefechtsstand und Zentrum der Herausforderung im Kalten Krieg, als Schlupfwinkel für Spione und Provokateure benutzen zu lassen.«

Doch als er im Sommer 1962 vor der Berliner Mauer stand, zeigte er sich erschüttert: »Man muß sie in ihrem dreidimensionalen Schrecken sehen, um zu begreifen, was sie ist.« Er könne verstehen, daß die Berliner den Wunsch verspürten, »mit einem schweren Demolierungsfahrzeug gegen die Betonsteine zu fahren«.

Die Aussprüche verrieten die geistige Beweglichkeit eines Mannes, der seit Freitag der vergangenen Woche als jüngster britischer Regierungschef des 20. Jahrhunderts und dritter Labour -Premier England regiert: Zwölf Millionen Briten wählten den Sozialistenführer Harold Wilson, 48, mit einer beklemmend knappen Mehrheit in die Downing Street 10.

Englands Wähler entschieden sich damit zugleich für eines der intellektuell verfeinertsten Programme britischer Parteiengeschichte. Harold Wilson hat sich nicht damit begnügt, seinen Landsleuten ein »Neues Großbritannien« und dem Lande eine »neue Rolle in der Welt« zu versprechen.

Wilsons Ehrgeiz reicht höher: Er-will weit über die britischen Inseln hinaus

wirken, so wie einst die Machtübernahme Charles de Gaulles im Mai 1958 und die Wahl John F. Kennedys im November 1960 weltpolitische Zäsuren waren.

Und wie de Gaulle Frankreich neue Impulse gab und Kennedy aufgebrochen war, das amerikanische Volk zu »neuen Grenzen« zu führen, so will Labour -Premier Wilson Britanniens Kräfte aktivieren und zusammen mit dem Potential des Commonwealth einen Ausgleich zwischen den Machtblöcken durchsetzen. Wilson möchte

- auf Großbritanniens nationale Atom-Abschreckungsmacht verzichten und die vorhandenen britischen Atomwaffen vorbehaltlos der Nato unterstellen;

- die von den USA geplante und von der Bundesrepublik unterstützte multilaterale Atomstreitmacht der Nato (MLF) ablehnen und statt dessen atomare Mitbestimmung für alle Nato-Partner verlangen;

- Englands Ersuchen um Aufnahme in die EWG zurückziehen, statt dessen seine wirtschaftlichen Bindungen zum Commonwealth verstärken und eine die ganze freie Welt umfassende Wirtschafts- und Handelsorganisation anstreben;

- die Deutschlandfrage durch ein dem Rapacki-Plan ähnliches Disengagement in Mitteleuropa lösen, das die Anerkennung der Oder-Neiße-Linie und eine De-facto-Anerkennung Pankows einschließen soll.

Das Programm offenbart die politische Spannweite des Labour-Chefs Wilson, der schon seit Jahren als ein Wunderknabe der britischen Politik galt. »In seinem intellektuellen Verhältnis zu den Methoden von Macht und Politik ist Wilson ein britisches Ebenbild Präsident Kennedys«, urteilte die »Sunday Times«.

Und doch wäre Wilson beinahe an seinem intellektuellen Ruf gescheitert. Denn kaum etwas schadet im konservativen England einem Politiker mehr als der Verdacht, er sei »too clever by half«, er sei überschlau. In der Biographie des Harold Wilson aber entdeckten die Briten allzu viele Züge politischer Cleverness.

Dabei legte der beleibte Mann mit dem energischen, fast faltenlosen Gesicht Bedacht darauf, in der Öffentlichkeit stets eine Pfeife zu rauchen, und ließ verbreiten, er konsumiere wöchentlich 150 Gramm Tabak. Aber seinem Bild fehlten dennoch die menschlich-behaglichen Züge, die Briten an ihren Politikern lieben.

Der Labour-Chef hat kaum einen Freund. Nicht einmal seine politischen Mitarbeiter sahen bisher Wilsons Wohnsitz von innen, eine Villa im gutbürgerlichen Londoner Hampstead Gardens Suburb, in der Wilson mit Ehefrau Mary und den Söhnen Robin, 20, und Giles, 16, lebt. Wilson: »Ich liebe keine Cliquenwirtschaft.«

Sein Lebensstil verrät noch heute, daß er der unteren Mittelklasse entstammt. Harold Wilson wurde 1916 im provinziellen Huddersfield in Yorkshire als Sohn eines Betriebschemikers geboren. Zunächst wollte er nacheinander Leichenbestatter, Ingenieur und Hofdichter

werden. Doch bald trieb es ihn in die Politik.

Schon in der Schule prophezeite er seinen politischen Aufstieg. Als das Aufsatzthema »Ich in 25 Jahren« gestellt wurde, dachte sich der Zwölfjährige ein Interview aus, das ein Reporter mit dem Schatzkanzler Harold Wilson im Jahre 1953 führen werde. Vater Wilson erwies sich als noch prophetischer: Er, photographierte seinen Sohn als Achtjährigen vor dem Eingang von Downing Street 10.

In Oxford studierte Wilson Philosophie, Staatswissenschaften und Volkswirtschaft; er war beim Abschlußexamen Jahrgangsbester. Er wurde Dozent und meldete sich bei Kriegsausbruch freiwillig zur Armee, die ihn jedoch abwies, weil die Verwaltung Akademiker seines Schlages brauchte.

Wilson errechnete weiter Statistiken, schrieb Berichte über den Einsatz von Arbeitskräften und die Bereitstellung von Kohle. Damals zeigten sich erstmals Züge von Gerissenheit.

Da Wilson für ein Buch über dem Kohlenbergbau Angaben benötigte, die ihm als Beamten zwar bekannt waren, jedoch unter die Geheimhaltungsvorschriften fielen, überredete Autor Wilson einen befreundeten sozialistischen Abgeordneten, diese Informationen in einer Anfrage an den zuständigen Minister anzufordern.

Wilson formulierte selbst die Anfrage und wurde dann vom Minister beauftragt, sie zu beantworten. Die Antwort wurde im Parlament erteilt und veröffentlicht. Wilson bekam, was er wollte. Das Buch enthielt Argumente, mit denen Labour später die Verstaatlichung des Bergbaus begründete.

1945 gewann Labour die Wahlen und eröffnete dem Ehrgeiz des jungen Unterhausabgeordneten Wilson ein neues Feld. Labour-Premier Clement Attlee ernannte ihn zum parlamentarischen Sekretär des Ministeriums für öffentliche Arbeiten, zwei Jahre später zum Handelsminister.

Obwohl er damit jüngstes Kabinettsmitglied in der neueren Geschichte Großbritanniens wurde, war Harold Wilson nicht völlig zufrieden: Nicht er, sondern Hugh Gaitskell war Schatzkanzler geworden. Der Schulaufsatz hatte sich nicht ganz erfüllt.

Als Handelsminister verhandelte Wilson in Genf, Washington, Berlin und Moskau über Zölle, Handelsverträge und Zahlungsabkommen. Zu seinen Partnern gehörte auch der Chef des roten Außenhandels, der heutige sowjetische Staatspräsident Anastas Mikojan.

Einmal gelang es dem Briten, den schlauen Armenier zu bluffen. Bei harten Verhandlungen über sowjetische Getreidelieferungen tat Wilson so, als kenne er den Getreidepreis, den Mikojan tags zuvor seinen tschechoslowakischen Freunden abverlangt hatte. Dadurch konnte er für England wichtige Kornkäufe zu günstigen Bedingungen abschließen.

Dabei machte sich der Labour-Mann einen Spaß daraus, Mikojan mit frei erfundenen Marx-Zitaten zu düpieren. Wilsons Sprüche (Wilson hinterher: »Ich habe 'Das Kapital' nie gelesen") waren so gut gesetzt, daß Marx-Kenner Mikojan sie für echt hielt.

Bald jedoch rührten sich in der Labour Party Neider und Kritiker, die dem jungen Minister vorwarfen, er verfahre allzu opportunistisch. Sie bewiesen ihre Anklage mit Wilsons Verhalten in einem innersozialistischen Hausstreit.

Als Premier Attlee 1951, im letzten Jahr der Labour-Herrschaft, einen vergrößerten Rüstungsetat ausarbeitete und dabei den Etat des Gesundheitsministeriums kürzte, rebellierte der pazifistische Waliser und Arbeitsminister Aneurin Bevan gegen den Rüstungsbeschluß der Parteiführung. Er nahm seinen Abschied.

Bevan war populär, die Anti-Rüstungsbewegung beliebt. So schloß sich Wilson dem Rebellen an und trat mit ihm-- wenige Monate vor dem Sturz der Labour-Regierung - zurück. Wilson und Bevan waren so unzertrennliche Streiter, daß die Rechtssozialisten den Ex-Handelsminister nur noch »Bevans Hündchen« nannten.

Bei seinem nächsten Sprung nach vorn ließ der quicke Wilson seinen eigenen Beschützer im Stich. Bevan rebellierte wieder einmal gegen die Parteiführung und verließ das Labour-Schattenkabinett.

Nach dem Parteistatut fiel der Bevan -Sitz dem Kandidaten zu, der bei den vorangegangenen Vorstandswahlen die nächstmeisten Stimmen bekommen hatte. Das war Wilson. Jeder glaubte aber, »Bevans Hündchen« werde die Nachfolge ablehnen, zumal Bevan warnte, er werde ein Nachrücken Wilsons als Verrat betrachten.

Wilson überschlief die Sache - und zog ins Schattenkabinett ein.

Nun aber demonstrierte Wilson seine taktische Geschicklichkeit. Jeder andere Labour-Politiker wäre von der Linken als Verräter beschimpft worden, Wilson jedoch schaffte es, sich die Sympathie der Linken zu erhalten.

Denn: Er warf sich zum Kreuzritter gegen die deutsche Wiederaufrüstung auf, redete dem Pazifismus das Wort und plädierte dafür, der Partei nicht auch noch die letzten Rudimente marxistischer Weltanschauung zu nehmen.

Als Labour-Boß Gaitskell nach der Niederlage der Partei in den Wahlen von 1959 den Verstaatlichungs-Paragraphen des Parteistatuts beseitigen wollte, stellte sich Wilson gegen Gaitskell. »Das wäre so«, spottete Wilson, »als wollte man der Heilsarmee nach einem Marsch von vierzig Jahren sagen, es gebe weder das Heil noch die Sünde.«

Wenig später machte Wilson dem Labour-Chef Gaitskell sogar die Parteiführung streitig. Gaitskell bekämpfte auf dem Parteitag von Scarborough im Herbst 1960 die Forderung der Linken, die US-Atomstützpunkte in England zu liquidieren und England aus der Nato zurückzuziehen.

Wilson nutzte den Aufruhr gegen den Parteiführer: In der nächstfolgenden Funktionärswahl bewarb er sich um Gaitskells Posten. Das Unternehmen schlug fehl und lohnte sich doch: Als Gaitskell im Januar 1963 starb, wählte die Fraktion den Mann zum Nachfolger, der sich selbst schon als Führer-Anwärter vorgestellt hatte: Harold Wilson.

Auf seinem Weg zum Parteivorsitz hatte sich Wilson erbitterte Gegner gemacht. Jetzt aber zeigte er, daß er mehr ist als ein Opportunist.

Er versöhnte sich mit seinen Kritikern, zog Gegner in seinen Mitarbeiterkreis und glich überall aus. Wenige Monate nach seiner Wahl waren die notorisch zersplitterten Sozialisten einig wie nie zuvor. »Zum erstenmal seit 1945«, jubelte der damalige Schatten-Verteidigungsminister Denis Healey, »gehen wir als geeinte Partei in die Wahlen.«

Labour witterte eine Chance, endlich die Tory-Herrschaft zu brechen. Eine Nachwahl nach der anderen, jede neue Meinungsumfrage bestätigte, daß die in 13jähriger Regierungszeit abgenutzte, in sich gespaltene, von Sittenskandalen à la Profumo und Spionage-Affären erschütterte Konservative Partei nicht mehr die Gunst des Wählers besaß.

Wilson entwarf ein Programm, das vom Zukunftsbild eines »noch größeren Britannien« sprach und ganz auf die Bedürfnisse des aufstrebenden Arbeiter- und unteren Mittelstandes zugeschnitten war: mehr und modernere Universitäten, verstärkter Wohnungsbau, Bekämpfung des Mietwuchers, Verbesserung der Sozialversicherung.

»Wir werden England«, proklamierte Wilson, »wieder zur Größe führen, indem wir alle Kräfte der demokratischen Planung mobilisieren, alle latenten und unterentwickelten Energien und Fähigkeiten unseres Volkes.«

Mochte sich aber auch Labours Programm vorteilhaft von der Politik der müde gewordenen Torys unterscheiden - der Realist Wilson wußte dennoch, daß es nur zu einem Kopf-an-Kopf-Rennen kommen werde. Britische Wähler sind konservativ; sie zeigten auch diesmal keine sonderliche Lust, einen politischen Erdrutsch auszulösen.

Nur in etwa 100 der insgesamt 630 Wahlkreise konnte die Entscheidung fallen; dort hatten die Konservativen bei den Wahlen von 1959 knappe Mehrheiten errungen, und Wilson hoffte, daß die neugewonnene Popularität Labours wenigstens groß genug sei, um jene 100 Wahlkreise zu erobern.

Um aber einen möglichst starken Ausschlag zugunsten Labours zu sichern, faßte Wahlstratege Wilson einen Entschluß, der praktisch bedeutete, das auf der Insel vielgelästerte System der amerikanischen Präsidentschaftswahlen in England einzuführen: Wilson beschloß, den Wahlkampf der Parteien zu einem Zwei-Mann-Duell zu verengen.

Der Entschluß Wilsons alarmierte die »Times": »Kein Parteiführer unserer Zeit hat je soviel Verantwortung und eine solche Bürde auf sich geladen.«

Der Labour-Chef hoffte, seine ganze geistige Überlegenheit gegen den Mann auszuspielen, den er stets als »einen eleganten Anachronismus« belächelt hatte: den konservativen Premier Sir Alexander ("Alec") Douglas-Home, ehedem 14. Earl of Home.

Doch der erwartete Erfolg blieb aus. Der aristokratische Polit-Amateur Douglas-Home ließ sich keineswegs von der eiskalten Logik seines Widersachers erdrücken, denn er wußte besser als Wilson, daß geistiger Habitus allein in England nicht zählt. -

Der Tory-Premier beobachtete genau die Taktik seines Gegenspielers und machte es dann anders. Wilson trat vor die Öffentlichkeit als der Meister politischer- Planungen, der praktisch die Partei allein beherrscht und jeder Situation gewachsen ist. Sir Alec aber erschien als Amateur, der nicht einmal die genauen Namen seiner Minister wußte, Zahlen verwechselte und verwickelte Wirtschaftsprobleme mit Hilfe von Streichhölzern erklärte.

»Ich bin immer der Meinung gewesen«, gestand er auf einer Wahlversammlung, »daß eine Unze gesunden Menschenverstandes mehr wert ist als alle Statistiken der Welt.«

Der Appell an den Common sense gefiel vielen Briten, das schüchterne Auftreten des Edelmannes den Frauen. Ihm stand die Rolle des Scarlet Pimpernel gut, jenes britischen Romanhelden aus vornapoleonischer Zeit, der seine jakobinischen Gegner in der Maske des aristokratischen Gimpels genarrt hatte.

Je länger aber Sir Alec durch das Land reiste und mit gutgespielter Hilflosigkeit die britische »Underdog« -Mentalität ansprach, desto fragwürdiger wurde, ob Wilsons Ein-Mann-Schau die Wähler überzeugte. Am 15. Oktober fiel die Entscheidung: Harold Wilsons Partei errang den Sieg, aber er fiel so knapp aus, daß er zugleich das ehrgeizige Regierungsprogramm illusorisch machte.

Die Partei gewann keine größere Mandate-Mehrheit, als Labour 1950 bei seinem bis dahin kläglichsten Wahlsieg erobert hatte. Das Übergewicht von fünf Mandaten, aber hatte damals die Parteiführung veranlaßt, Neuwahlen auszuschreiben, die Labour - verlor.

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Wilson-Gattin Mary, Sohn Giles ... im Schulaufsatz vorweggenommen

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