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Verlorenes Paradies an der Wolga

Zwei Millionen Sowjetbürger deutscher Nationalität suchen ihre Heimat. Von Zarin Katharina wurden sie an die Wolga gerufen, wo Lenin ihnen eine eigene Sowjetrepublik bescherte; Stalin vertrieb sie nach Sibirien - nun wollen sie zurück, nach Deutschland oder, von Moskau goutiert, an die Wolga. Was erwartet sie dort?
Von Jörg R. Mettke
aus DER SPIEGEL 37/1989

Erst lag Zürich am Wege, mit seiner mächtigen Backsteinkirche und dem zweistöckigen Schulhaus gleich gegenüber. Bald darauf, die mit Obstbäumen und Gärten gesäumte Landstraße noch ein Stück weiter entlang, streckte sich Basel mit seinen 3100 Seelen, und dahinter, kaum kleiner und nicht weniger behäbig, Schaffhausen.

Noch vor 60 Jahren waren die Namen des eidgenössischen Städte-Dreiecks aufgereiht an einer staubigen Chaussee von kaum 20 Werst Länge - an der Wolga mitten in Rußland.

Solide Häuser längs der Wege wie auf einem grünen Schachbrett aufgestellt, dahinter Gemüseland bis an den Lattenzaun des Nachbarn, rundherum Felder, Weiden, Wiesen und unten am Fluß für jede Familie ein Streifen guter Sandboden, gut für Tomaten, Kürbisse, Melonen.

Im Sommer flirrende Hitze bis 40 Grad, im Winter klirrende Kältegrade weit unter Null, mit alljährlichem Ernterisiko trotz harter Arbeit der meist kinderreichen Familien: Mit Haus und Hof, Glauben und Gebräuchen eng aneinandergerückt in der slawischen Diaspora, in die sie einst die aus Stettin gebürtige Zarin Katharina II. rief, hatten sich deutsche und deutsch-schweizerische Kolonisten, zuletzt 402 000 Menschen, unter diesen Verhältnissen wohl und heimisch befunden - 177 Jahre lang.

Dann gefiel es dem großen Menschen- und Völkerquäler Josef Stalin, sie alle in einer kaum drei Wochen dauernden Gewaltaktion zwischen Ende August und Mitte September 1941 fortschaffen zu lassen: in die Steppen Kasachstans und Tadschikistans, in die Taiga Sibiriens, fort aus dem europäischen Teil der Sowjetunion, weit hinweg von den seit zwei Monaten vordringenden Soldaten des anderen, des deutschen Zerstörers Europas.

Das Dorf Zürich heißt heute Sorkina. Kommt einer im Land der Wolga-Deutschen nach Sorkina, scheint das schon weit hinterm Ende der Welt zu liegen. Die Kirche der deportierten Neu-Züricher Gläubigen steht noch immer da wie eine feste Burg, nur ihre Turmspitze hat sie eingebüßt.

Was die atheistischen Abriß-Eiferer in den zwanziger Jahren nicht kleinkriegten, dient nun den aus der Ukraine, aus anderen Teilen Rußlands Hergewehten, Hängengebliebenen als Dorfklub. »Herzlich willkommen« steht im verblichenen Rot der Partei-Parolen, die niemand mehr glaubt, überm Eingangstor. Aber ein massives Vorhängeschloß verhindert, daß jemand die Einladung womöglich ernst nimmt.

»Die Deutschen?« wiederholt ein zahnloser Kriegsveteran die Frage und sortiert dabei die vier Orden (einer für die Eroberung Berlins 1945) auf der Brusttasche seines zerschlissenen Jacketts, das gut und gern noch ein Beutestück aus Neukölln sein könnte: »Weiß der Teufel, wo sie abgeblieben sind. Ich bin nicht aus dem Dorf, aber die Kirche dort haben sie wohl gebaut, es muß also welche hier gegeben haben.«

Dann schlurft er in den Dorfladen, um Brot zu kaufen. Es gibt gerade Brot, frisches, weißes, gut für einen alten Soldaten ohne Zähne. Sonst stehen allerlei weißemaillierte Töpfe und Teller in den Regalen, dickbauchige Saftgläser, Graupentüten, ein paar Fischkonserven. Zürich war wohl besser versorgt, aber davon wissen nur noch wenige.

»Deutsche? Kirche?« wundert sich ein altkluges Schulmädchen: »Der Großvater spinnt, das ist doch unser Kulturhaus.« Dabei erging es der Kirche noch gut, wenigstens diese Verwendung zu finden. Für die vom Dorf Schäfer in der Steppe (heute: Lipowka) fand sich nur eine Funktion als Traktorenschuppen; eine verdreckte Ruine heute, in der die Tauben hausen.

Unsere Kultur, eure Kultur - in Sorkina/Zürich geht da längst nichts mehr durcheinander. Kultur ist so defizitär wie Zucker. Die Grabsteine um den neugotischen Bau sind verschwunden, kein Name, kein Zeichen erinnert an die einstigen Bewohner. Was sich aus der Ferne ausnimmt wie die Ruine eines Familiengrabsteins, entpuppt sich beim Näherkommen als ziemlich ordinäre Lenin-Büste von der Stange.

Daß es dieser Wladimir Uljanow war, der am 19. Oktober 1918 an der Spitze seines revolutionären Rates der Volkskommissare per Dekret den deutschen Adoptivkindern von Mütterchen Wolga die Rechte einer autonomen Arbeitskommune zugestand, scheint im trostlosen Sorkina so gründlich vergessen wie alle anderen Verheißungen der Petersburger Bolschewisten.

Was Lenin »deutscher Arbeiterschaft« und »deutscher Armut« dieser Region an Selbstverwaltung gewährte, wurde vom Geheimpolizisten-Regime seines Nachfolgers abgeräumt, schon lange vor den Deutschen selbst. Geblieben ist allein die Armut.

In der Siedlung, die Schaffhausen hieß und 1926 noch fast 3000 Einwohner hatte, leben heute weniger Menschen als zum Zeitpunkt der Kolonie-Gründung im August 1767: damals 153, heute nur noch 117. Die Natur scheint mit Brennesseln, Disteln und Schierling darauf versessen, sich das sozialistische Dorf Wolkowo endgültig zurückzuholen aus der Verirrung in die Kulturlandschaft.

Früher, in den Zeiten der Propagandalügen, hatten Dörfer im Sozialismus unbedingt und immerfort zu blühen. Heute behauptet das niemand mehr in der Sowjetunion. Die Dörfer verelenden erst, dann sterben sie - zu Hunderten überall im Lande und unabhängig davon, in welcher Sprache die redeten, denen man dort das Bauersein austrieb.

In Wolkowo blüht zur Erntezeit nur die Kamille. Die Wege sind von Traktor-Ungetümen in eine zu Fuß kaum passierbare Kraterlandschaft verwandelt, die wenigen Bewohner schauen mürrisch wie gegen ihren Willen festgehaltene Insassen einer Besserungsanstalt: »Was gibt es bei uns Schönes außer der Natur«, fragt eine junge Frau, »es gibt keine Abwechslung, nichts zu kaufen. Nur Brot wird mit dem Auto gebracht, sonst gibt es nichts, alles verfällt.«

So wie Wolkowo müssen deutsche Weiler am Ende des Dreißigjährigen Krieges ausgesehen haben: die Holzhäuser und Vorratsschuppen verrottet, einige verlassen, die Fensterläden mit breiten Holzkreuzen vernagelt, viele bis auf die Fundamente abgerissen, verfeuert während der langen Winter. Selbst das Hofland nahe der bewohnten Katen ist oft einem bizarren Biotop für allerlei Unkräuter ähnlicher als einem Garten. Rund um die Wasserstelle an der Hauptkreuzung scharren Hühner, im Verein mit sympathisch schmutzigen Kindern. Westlichen Aussteigern und Zivilisationsflüchtern ginge in Wolkowo leicht das Herz auf.

Den Wolga-Deutschen aber, einem harten und ans Abrackern gewöhnten Schlag, möchte es eher brechen, wenn sie sich gelegentlich zu Besuch, oder manche auch für dauernd, in die alte Heimat zurücktrauen. »Es ist ein arg vernachlässigter Landstrich«, klagt ein Rentner, der auf seine alten Tage wieder nach Engels zog, ehemals Hauptstadt der Wolgarepublik: »Zuerst haben sie uns verjagt, uns alles genommen, und jetzt lassen sie es verkommen.«

Sie - die Russen? Oder sie - die Kommunisten? Die Schuldzuweisung wird selten dechiffriert, schwingt vage in beide Richtungen.

Als das Gebiet der deutschen Kolonisten südöstlich von Saratow, zehnmal so groß wie das Saarland, 1924 in den Rang einer Autonomen Sowjetrepublik erhoben wurde, lebten hier mehr als eine halbe Million Menschen, zwei Drittel davon Deutsche. Zu nationalem, gar nationalistischem Zwist kam es selten. Bei einer Bevölkerungsdichte von 20 Menschen pro Quadratkilometer war genügend Platz für alle, und im übrigen blieb man unter sich, in den rein muttersprachlichen Dörfern.

Noch 1926 erschienen die Deutschen als sprachlich geschlossenste Gruppe im sowjetischen Vielvölkerstaat: Fast 95 Prozent, ob sie nun im Kaukasus zu Hause waren oder in der Ukraine, am Schwarzen Meer, in Sibirien oder an der Wolga, nannten ihr Dialekt-Deutsch, dieses durchs Russische gehärtete und konservierte Mundarten-Gemisch des 18. Jahrhunderts, als erste, als Mutter-Sprache. Selbst russische Juden mit ihrem traditionellen Zusammenhalt schienen da assimilationsgefährdeter mit nur 71,9 Prozent, die sich ausschließlich oder überwiegend auf Jiddisch verständigten.

Die Zwangszerstreuung, der Verlust der Autonomie, der vor allem den Verlust eigener Kultur- und Bildungseinrichtungen bedeutete, und jahrzehntelange kollektive Verunglimpfung als »Faschisten« machen dieses kleine Volk zum doppelten Stalin-Opfer. Schon vor zehn Jahren beherrschte nur noch jeder zweite Sowjet-Deutsche die Sprache seiner Nation, und die Tendenz ist weiter rückläufig, in Richtung auf ein Drittel.

»Mer schpreche Daitsch nur noch plocho (russisch: schlecht)«, entschuldigt sich Emilie Schmidt, »aber nasch wnuk (russisch: unser Enkel) do nebbean, dr konn schon koi slowo (russisch: Wort) nich mehr von unsere Schproach.« Elektriker Karl Schmidt und seine Frau sind, vor Jahren schon, »zurückgemacht« in die Heimat, die einmal Niedermonjou hieß, begründet vor 222 Jahren von Siedlern, die unter dem Regiment des in russische Dienste getretenen Kolonisten-Werbers Caneau de Beauregard auf die südrussische Hungersteppe »angesetzt« worden waren.

800 Höfe hatte Niedermonjou bis zur Austreibung der Deutschen. In Bobrowka, wie es jetzt heißt, leben noch rund 100 Familien: Wenige wie die Schmidts hinter frisch gestrichenen Zäunen und blumenprallen Vorgärten, mit Kuh, Hühnern, Enten und akkurat wie im Landfrauen-Lehrbuch gepflegten Gemüsebeeten, aber viele Russen, die das Leben - nach der Optik ihrer Anwesen zu urteilen - mit weniger Aufwand meistern.

Aus den Deutschen zwischen Brest und Wladiwostok, von den Russen selbst noch im Ersten Weltkrieg halb achtungsvoll, halb ironisch naschi nemzy (unsere Deutschen) genannt, ist endlich und vielleicht endgültig eines jener »fließenden Völker« geworden, die nach dem kruden Stalin-Dogma vom allmählichen Zusammenwachsen der Nationen unterm Hammer und der Sichel zum Aussterben verurteilt wären.

Nur: Je härter die kleinen Sowjetvölker zerschlagen worden sind, je rücksichtsloser sie umgepflanzt und in homöopathischen Dosen anderen Nationen, vor allem der russischen, beigegeben wurden, um so entschiedener weigern sie sich bis heute, zur namenlosen Hefe für ein von Stalin und seinen Nachfolgern zusammenfabuliertes »Sowjetvolk« zu werden.

Bekannt ist, wohin die sowjetischen Deutschen vorzugsweise fließen, seit Moskau seinem kranken Riesenreich eine radikale Umgestaltung verordnet hat und von der Gewaltpolitik nach außen wie nach innen Abstand nehmen möchte: Sie verwandeln sich gleich familien- und clanweise in Aus- und Umsiedler, stehen zu Hunderten vor der deutschen Botschaft Schlange, hocken mit Kisten, Kasten und säuberlich in Segeltuch gerolltem Bettzeug auf Moskaus internationalem Flughafen Scheremetjewo, um heim ins (West-) Reich zu gelangen. 200 000 sind dort schon mehr oder weniger glücklich angekommen, weitere 350 000 haben ihre Papiere für den Exodus eingereicht.

»Diese Auswanderung ist für uns eine Katastrophe«, urteilt Jurij Haar vom neugegründeten Deutschen Klub in Saratow, »zumal die Welle wächst.« Auch Wladimir Fischer aus dem südsibirischen Altai-Gebiet ist dieser Meinung. Er ist an die Wolga herübergekommen, weil er sich ein Bild vom heutigen Zustand des ehedem deutschen Landes machen will. Um ja nicht in die falsche Ecke derer zu geraten, denen jeder Auswanderer als Vaterlandsverräter gilt, fügt Fischer hinzu: »Und es sind vielfach unsere Besten, die weggehen.«

Haar und Fischer dagegen wollen bleiben, wenn auch nicht um jeden Preis. Beide setzen sich nach Kräften für eine Rückgewinnung der geraubten Autonomie an der Wolga ein und gehören damit zu den interessantesten, freilich noch raren Erscheinungen innerhalb der sowjetdeutschen Volksgruppe: Angehörige der Mittelgeneration um 40, Perestroika-Aktivisten, ohne den Begriff dabei je einmal im Munde zu führen, intelligent und mit guter Ausbildung, vom deutschen Erbteil mehr fasziniert als geprägt, von der Angst der Eltern wohl noch angesteckt, aber nicht mehr gelähmt.

Haars Mutter sorgt sich ständig wegen des Engagements ihres Jungen, der es nicht nur nach sowjetischen Begriffen zu etwas gebracht hat - zum Dozenten an der Saratower Landwirtschafts-Hochschule. »Laß es bleiben«, rät sie ihm ein übers andere Mal ab von seinem ehrenamtlichen Einsatz für die deutsche Sache im Sowjetland, »wenn es morgen wieder anders kommt, bist du als einer der ersten dran.«

Doch das gutgemeinte Bangemachen verfängt inzwischen noch weniger als das bösgemeinte des konservativ-großrussischen Chauvinismus, der sich in Moskau unlängst mit dem Spruch bekannt machte: »Gut, alle Deutschen zurück an die Wolga; aber nur, um sie darin zu ersäufen.«

Vielleicht zu spät, vielleicht noch viel zu zaghaft, doch immerhin unbeirrt melden die Deutschen inzwischen ihre nationalen Interessen an. Bereits Ende März versammelten sich 105 ihrer Delegierten in Moskau und gründeten eine von den Behörden bislang freilich noch nicht registrierte Allunions-Gesellschaft namens »Wiedergeburt«. Zentrale Forderungen: unverzügliche Wiederherstellung der deutschen Wolgarepublik samt aller wohltätigen Rechtsfolgen - von muttersprachlichen Schulen und Hochschulen, Theatern, Zeitungen, Radio- und Fernsehstationen bis hin zur kulturellen Autonomie sowie ähnlich verläßlichem Minderheitenschutz überall dort, wo heute Deutsche »kompakt« zusammenwohnen.

Zugleich warben die »Wiedergeburt«-Anhänger um Verständnis bei den jetzigen Bewohnern ihres verlorengegangenen Paradieses. Weder Häuser noch sonstiges Eigentum, das sie vor 48 Jahren bei der Vertreibung zurücklassen mußten, begehrten sie zurück, heißt es in einem Appell, und auch nicht die alte Hauptstadt Engels auf der Saratow gegenüberliegenden Wolgaseite: »Möge sie so bleiben, wie sie heute ist - eine moderne russische Stadt.«

Ihr neues Republik-Zentrum, verkünden Optimisten wie Haar, der das »Wiedergeburts«-Koordinationsbüro von Saratow leitet, werde irgendwo völlig neu entstehen - »an einem schönen Platz auf freiem Felde an unserer Wolga«.

20 000 Deutsche leben schon heute wieder im Gebiet von Saratow; weitere 30 000 sind es im benachbarten Wolgograder »Oblast« - jenen beiden Verwaltungseinheiten also, denen das Territorium der deutschen Wolgarepublik einverleibt ist. Einzeln kehrten sie zurück, fast verstohlen, gegen anfängliche amtliche Abwehrversuche während der vergangenen 17 Jahre, nachdem der Kollektiv-Bann für die Deutschen formal aufgehoben worden war.

Die pauschale Verleumdung als Fünfte Nazi-Kolonne, die Deportationen und die Liquidierung ihrer Staatlichkeit waren schon acht Jahre früher für falsch und gesetzwidrig erklärt worden - ohne praktische Rechtsfolgen.

Solange die Autonomie verweigert werde, erregt sich ein Saratower Klub-Mitglied, »sind wir in der Situation eines unschuldig Verurteilten, der trotz offiziellen Eingeständnisses des Justizirrtums nicht aus dem Gefängnis entlassen wird«.

Doch die Bürokratie vor Ort, an der Wolga, mag sich mit dem Rückkehrwunsch der Deutschen nicht recht befreunden: In Marx, zu Autonomie-Zeiten Marxstadt und noch früher, schon unterm Zaren, Katharinenstadt geheißen, verweist Parteisekretär Walerij Rogaljow stolz auf die »friedlich zusammenlebenden 36 Nationalitäten« in seinem Rayon.

»Hier soll es auch in Zukunft ruhig bleiben«, sagt er mit einer Stimme, die ans Befehlen gewöhnt ist; anschließend erlaubt er sich eine Anspielung auf den armenisch-aserbaidschanischen Zankapfel Berg-Karabach, als seien die Deutschen potentielle Unruhestifter.

Im übrigen, das ist Rogaljow das Wichtigste, gebe es »in dieser Sache noch keine Anordnung von oben«, und ohne die könne er »nichts, wirklich gar nichts machen«.

Perestroika in Marx. Der alte Karl sieht es ohnehin nicht mehr: Seinen Platz vor der örtlichen KP-Zentrale hat der deutsche Proletarier-Patron schon längst seinem eigensinnigen Schüler Lenin räumen müssen.

Da werden Gewerkschaftsversammlungen organisiert zum Protest gegen die Autonomiepläne, auch Unterschriftensammlungen selbst bei Schulkindern. Gerüchte machen sich scheinbar mit behördlicher Billigung breit, wonach die Deutschen sämtliche besseren Posten beanspruchen und unter sich verteilen würden, in den Läden ohne Deutschkenntnisse rein gar nichts mehr zu kaufen wäre, so wie im Baltikum beim Schlachter schon der Ahnenpaß verlangt werde; und einer über Nacht aus dem Haus geworfen würde, wenn das früher einem Deutschen gehörte.

Was sich in der russischen Provinz 800 Kilometer südlich von Moskau so allmählich zu einer »deutschen Frage« eigener Art aufschaukelt, ist alles andere als eine Posse. Die örtlichen Machthaber sorgen sich um ihre Pfründen und Privilegien, und sie fürchten wohl auch den frischen Wind, den die Deutschen ihrem Schlendrian beizumischen versprechen.

Vor diesem Hintergrund klingt es wie eine kaum verhohlene Drohung, wenn sich der Ortsgewaltige Rogaljow mit Perestroika-Argumenten hinter den hausgemachten Bevölkerungsängsten verschanzt: »Wir haben ja jetzt Demokratie«, brüstet er sich, als hätte er sie erfunden. »Würde die Autonomieforderung der Deutschen morgen in den örtlichen und regionalen Gremien zur Abstimmung gestellt, so würde sie hundertprozentig abgelehnt.«

Das glaubt auch sein höher gestellter Genosse Jurij Baranow, 62, der im Saratower Gebietssekretariat der Partei die Ideologie verwaltet: »Von unten« müsse alles ausgehen, »ganz demokratisch« - so, als seien die Deutschen in der UdSSR oben.

Wer wolle, solle erst »mal zurückkommen«, wenn möglich, werde man »auch helfen«, und »in fernerer Perspektive« sei ja wirklich »nicht auszuschließen, daß es mal zu einer Autonomie kommt«. Freilich: In letzter Zeit zögen weniger Deutsche als früher zu; man wisse gar nicht, warum. Darum.

Warum denn die Saratower Presse den moderaten »Wiedergeburt«-Aufruf an die Bevölkerung der Region bislang nicht habe veröffentlichen dürfen? Das Papier hätte »nur Leidenschaften geweckt«, wird der ideologische Vorkoster von Saratow unversehens patriarchalisch, und schließlich sei der Deutschen-Verein ja »auch offiziell noch gar nicht anerkannt«. Angesichts dieser Mauer-Techniken des Apparats glauben die deutschen Vorposten an der Wolga denn auch, die Autonomie müsse aus Moskau befohlen werden, rasch, präzise, ohne Wenn und Aber - sonst käme sie nie. Doch die Zentrale vergeudet weiter ungerührt, wovon sie am wenigsten hat: Zeit.

Eine spezielle Kommission des Obersten Sowjet, die zeitliche und geographische Vorschläge für eine Autonomie-Lösung erarbeiten soll, will zwar »die Sache nicht auf die lange Bank schieben« (so ihr Vorsitzender Gennadij Kisseljow) - aber sie hat erst einmal mit der Prüfung der Angelegenheit begonnen: Ihre Experten besuchen jetzt die Region.

Ein paar Verbündete hat die deutsche Rücksiedler-Lobby in all jenen, die an einer schnellen und effektiven Wirtschaftsentwicklung der zurückgebliebenen Wolga-Region interessiert sind. Sie hoffen einerseits, wie Engels' stellvertretender Bürgermeister Wladimir Priachin, auf Arbeitsethos und Gewerbefleiß der Deutschen, auf ihre halb bewunderte, halb unheimliche Disziplin, Ordnung und Genauigkeit. Perspektiv-Ökonomen der Region spekulieren darauf, daß zusammen mit der Autonomie auch gleich eine Sonderwirtschaftszone an der Wolga entstehen könnte, mit verlockender Mitgift: großzügig bedacht mit Krediten, kultureller Unterstützung und sonstiger Entwicklungshilfe aus der reichen Bundesrepublik.

Ob die Bundesdeutschen sich eines Tages auf diese Weise vom Zustrom der Aussiedler loskaufen dürfen und ob sie es dann wollen, ist nur eine der vielen Unbekannten in der Autonomie-Rechnung. Eine andere: Für wie viele der gegenwärtig noch rund zwei Millionen Sowjet-Deutschen bedeutet eine eigene Republik an der Wolga tatsächlich eine Alternative zu ihrem jetzigen Wohnort (wo sich die Kinder längst mit Russen, Tataren, Kasachen oder Tadschiken verheiratet haben), mehr noch aber zum großen Konsum- und Kultur-Magneten Bundesrepublik.

Nach Wiederbegründung der autonomen Wolga-Republik würden innerhalb der ersten zwei, drei Jahre, so lautet eine Moskauer Schätzung, zwischen 200 000 und 300 000 Menschen aus allen Teilen der UdSSR dorthin ziehen. Nach einer Kalkulation von Josef Barth aus Kasachstan ginge sogar mindestens die Hälfte der dort lebenden Deutschen, also etwa eine halbe Million Menschen, auf den großen Treck zurück an die Wolga - darunter auch jeder zweite von denen, die sich bereits zur Emigration entschlossen hatten.

Barth ist von seinem Kolchos vorausgeschickt worden, um »für unser Volk zu arbeiten«, wie er sagt, und in Saratow eine Art kooperatives Ansiedlungszentrum auf die Beine zu stellen. Bislang widersetzt sich die lokale Bürokratie.

Eine Umfrage unter den Deutschen dagegen, so schätzt Jurij Haar, könnte derzeit keine brauchbaren Ergebnisse bringen: »Nach 50 Jahren Unterdrückung haben die Leute gerade vor so etwas eine enorme Angst.«

Die Angst ist eine doppelte: daß sich, wenn auch sanfter in den Methoden, 1941 in umgekehrter Richtung wiederholen könnte und alle eines Tages zurück müssen - auch die, die nicht wollen, und selbst jene, deren Eltern und Großeltern nie an der Wolga zu Hause waren.

Und daß die deutsche Selbständigkeit abermals nur eine auf Zeit sein könnte - bis die heruntergewirtschaftete Region wieder hochgearbeitet, ein weiteres Stück Steppe urbar gemacht und wieder neues Kolonisten-Eigentum entstanden ist, das staatliche Begehrlichkeit weckt.

Erst seit einem halben Jahr ist im Marx-Museum zu Marx wenigstens in ein paar schmalen Schaukästen zu besichtigen, wie deutscher Kolonisten-Alltag vor und nach der Revolution aussah. Zuvor war dieser Teil der Regionalgeschichte so gründlich unterschlagen worden, als hätte es ihn nie gegeben.

Auch jetzt überwiegen noch die weißen Flecken, und die Summe der Auslassungen erweckt den Eindruck, als seien die deutschen Dörfer an der Wolga schon früh eigentlich Bolschewisten-Nester gewesen. Sie waren das genaue Gegenteil. Und brutale Religionsunterdrückung in den ersten Jahren der Sowjetmacht, Banden- und Bürgerkrieg, später Zwangskollektivierung und Vernichtung des Mittel- und Großbauerntums taten das Ihre dazu, daß die Kommunisten bis zuletzt immer wieder empfindlichen Kader-Mangel unterm Kolonistenvolk beklagten.

Einige Anordnungen vom »Genossen Friesland«, jenem deutschen Kriegsgefangenen, den Stalin 1918 als Ortsfremden zum ersten Volkskommissar der Wolga-Deutschen machte, sind im Archiv der Wolga-Deutschen ordentlich aufbewahrt und seit kurzem auch auswärtigen Wissenschaftlern zugänglich, obwohl dieser Mann viel später, nach 1945, als geschworener Antikommunist und Regierender Bürgermeister von Berlin unter seinem richtigen Namen Ernst Reuter der sowjetischen Besatzungsmacht die Zähne zeigte.

Das mögen eines Tages auch die Plätze sein, welche die Geschichte den Wolga-Deutschen selbst zuweist: das Volkskunde-Archiv, das Heimatkunde-Museum. Mit jedem Tag verschwinden Hunderte aus dem Land, die Autonomie braucht sich nur wenig zu verspäten, um endgültig zu spät zu kommen. Dann ist die eine Hälfte im Osten assimiliert, die andere im Westen. Im Roten Buch für aussterbende Völker wäre ein neues Kreuz zu malen. f

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