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»Vernichtung auf Raten«

Die Qualen der Mädchen in den belgischen Folterhäusern haben europaweit Entsetzen ausgelöst. Der Fall zeigt, wie brutal Pädophile vorgehen, um ihre Bedürfnisse zu befriedigen, auch in Deutschland - in Pornofilmen wie im trauten Heim. Weltweit werden jährlich Hunderttausende von Kindern zu Opfern, laut Interpol »eine Milliarden-Dollar-Industrie«.
Von Barbara Supp und Hans-Jörg Vehlewald
aus DER SPIEGEL 35/1996

Stille liegt im Raum. Laetitia Delhez, 14, starrt auf die Puppe, die sie auf den Knien hält, ein Mädchen aus ihrer Klasse hat sie geschickt, mit besten Wünschen, und alles Gute.

»Nein«, sagt Laetitia, sie habe nicht gewußt, was »dieser Mann« noch alles mit ihr vorhatte. Sie hatte nur »Angst«. Die ganze Zeit Angst: »Für andere Gedanken blieb nicht viel Zeit.«

Das enge Reihenhaus-Wohnzimmer im südbelgischen Ort Bertrix ist vollgestopft mit Geschenken, mit Teddybären, Briefen, Glückwunschkarten und Süßigkeiten. Mutter und Tante nehmen Päckchen entgegen und sortieren die Briefe. Auf dem Teppich vor dem Gabentisch kniet Laetitia, lang und schmal, mit kurzen blonden Haaren.

Am Donnerstag vorvergangener Woche wurde sie aus dem Verlies des Kinderschänders Marc Dutroux, 39, befreit. Sechs Kinder, gestand der arbeitslose Elektriker Dutroux, habe er entführt. Zwei, eine davon Laetitia, konnte die Polizei retten, die Leichen von zwei weiteren wurden bei einem der Dutroux-Häuser verscharrt gefunden. Die anderen beiden sind bislang spurlos verschwunden.

Dutroux hatte seine Opfer in Kellerräumen eingesperrt, den Zugang tarnte ein Stahlschrank. Er hatte sie mit Medikamenten gefügig gemacht, immer wieder mißbraucht und dabei wahrscheinlich gefilmt. Seine Frau Michèle Martin und vier weitere Komplizen halfen ihm dabei, sie sitzen wegen des Verdachts auf Beihilfe in Haft.

Die Grausamkeit, mit der die Schänder die Kinder quälten, hat europaweit Entsetzen ausgelöst. Doch die Kinder von Belgien haben Hunderttausende von Schwestern und Brüdern - in Deutschland und anderen europäischen Ländern, in Kambodscha und Thailand, in Kolumbien und auf Kuba. Sie werden von Mädchenhändlern entführt oder von ihren eigenen Eltern in Bordelle verkauft, als Lustobjekte in Porno-Filmen und -Magazinen mißbraucht, in der eigenen Familie oder von Bekannten vergewaltigt.

»Der belgische Fall war ein Schock«, sagt June Kane vom Uno-Kinderhilfswerk Unicef, »aber was noch viel schlimmer ist: Er ist nur einer von einer Million Fällen, in denen Kinder sexuell mißbraucht werden.«

Von Dienstag an versammeln sich in der schwedischen Hauptstadt Stockholm mehr als 1000 Experten aus aller Welt, um über Maßnahmen gegen die sexuelle Ausbeutung von Kindern zu beraten - die erste Welt-Konferenz zum Thema Kindesmißbrauch.

»Wir haben es mit Verbrecherringen zu tun«, sagt der schwedische Interpol-Chef Björn Erikssen. Die organisierten Kinderschänder hätten eine »Milliarden-Dollar-Industrie« aufgebaut.

Jedes Jahr beginnen nach Uno-Schätzungen eine Million Kinder ihren Leidensweg als Ware auf dem internationalen Sexmarkt. Vor allem in Asien, aber auch in Afrika, Südamerika und zunehmend auch in Osteuropa läuft das Sexgeschäft mit Kindern. Sie werden verletzt und gedemütigt, mit dem Aidsvirus und Geschlechtskrankheiten infiziert oder ermordet.

Von den Sextouristen, die sich vor allem in Asien an Mädchen und Jungen vergehen, kommen viele aus Deutschland. Von 200 000 bis 400 000 Deutschen, die wegen der Lust jährlich nach Thailand, Kambodscha oder Brasilien fliegen, greifen etwa 10 000 nach Kindern, schätzt die »Kindernothilfe« in Duisburg.

Doch Pädophile schrecken auch daheim vor Strafe nicht zurück, in der Familie, in der Nachbarschaft und - spektakulärer - durch Überfälle und Kidnapping. Gegen brutale Banden wie in Belgien gibt es kaum einen Schutz.

Laetitia Delhez'' Alptraum begann am Abend des 9. August, gegen halb neun, als sie vom Schwimmbad kam und nach Hause wollte. Im Ortszentrum von Bertrix feierten die Bewohner ein Fest, »eine Menge Leute waren unterwegs«, sagt sie.

Laetitia stand etwas abseits, als plötzlich ein Auto neben ihr hielt. Der Fahrer fragte sie, was denn hier los sei. Sie sagte es ihm, aber er fragte noch mal, als ob er nicht begriffen hätte. »Dann kam einer von hinten und hat mich ins Auto gezerrt. Ich hab'' ihn nicht gesehen.« Die Entführer hätten ihr Betäubungsmittel gegeben, sagt Laetitia, »Gott sei Dank keine Spritze«, sondern Tropfen, die sie ausspucken wollte. »Aber das haben die gemerkt.«

Drei Tage lang dämmerte sie allein in einem Kellerraum; sie schlief und muß wohl auch gegessen haben, »ich weiß es aber nicht mehr«. Und während dieser drei Tage »hat er was mit mir gemacht« - was genau, darüber mag sie nicht sprechen.

Am vierten Tag verlegte der Entführer Laetitia in eine andere Zelle, wo schon Sabine Dardenne lag, ein kleines Mädchen mit halblangen Haaren, zwölf Jahre alt. Sie hatte mehr als zwei Monate Horror hinter sich. In ihrem Verlies gab es ein Hochbett, ein paar Spiele, Kinderbücher und viel Zeit zum Warten, Zeit für Angst davor, daß wieder jemand zur Tür hereinkommt. »Sabine«, sagt Laetitia knapp, »war froh, daß sie mit jemand reden konnte.«

Dutroux erzählte den Mädchen, er habe von den Eltern Lösegeld gefordert. Die aber wollten nicht zahlen. »Sie wollen euch nicht zurückhaben«, sagte er. Laetitia hatte noch Mut genug, dem Mann nicht zu glauben. Aber Sabine, denkt sie, die sei vielleicht schon »darauf hereingefallen«.

Dann gab es zwei Tage lang nichts, kein frisches Essen, kein frisches Wasser - schließlich wieder Schritte, und wieder hatten sie Angst: »Wir wußten ja nicht, wer da kommt und was die von uns wollen«, sagt Laetitia. Es waren Polizisten.

Ihr Leben verdanken die beiden Mädchen wahrscheinlich der Tatsache, daß Gendarmerie und Staatsanwaltschaft einer kleinen Gemeinde zuständig waren. Die schickten, sofort nach dem Verschwinden Laetitias, ihre Fahnder von Haus zu Haus.

Schnell stießen die Ermittler auf eine Spur. Ein Schüler hatte sich einen Teil der Autonummer eines weißen Lieferwagens gemerkt, weil die Ziffern mit dem Geburtstag seiner Schwester identisch waren. Und einer Nonne war der Wagen wegen seines defekten Auspuffs aufgefallen.

Der Polizeicomputer ermittelte den Besitzer des Autos: den vorbestraften Kriminellen Marc Dutroux, der 1985 gemeinsam mit einem Freund und seiner Lebensgefährtin Michèle Martin, 36, mindestens fünfmal Mädchen eingesperrt, sexuell mißbraucht und gefilmt hatte. Dutroux gestand, die Fahnder konnten Laetitia und Sabine befreien.

Doch der Sonnabend, an dem die Bewohner von Bertrix die Rückkehr Laetitias feiern wollten, geriet für Belgien zum Tag des Horrors. Auf einem Grundstück Dutroux'' in Sars-l-Buissière wurden die Leichen der achtjährigen Freundinnen Julie Lejeune und Mélissa Russo gefunden, in Plastiksäcken vergraben. Die Mädchen galten seit Juni vergangenen Jahres als vermißt. Daneben lag die Leiche von Bernard Weinstein, einem Komplizen des Täters.

Dutroux hatte seinen Kompagnon unter Drogen gesetzt und lebendig begraben, weil der ihn »übers Ohr hat hauen« wollen. Am Tod der Mädchen aber sei er, so Dutroux, nicht schuld. Er habe wegen eines Autodiebstahls Anfang des Jahres drei Monate in Haft gesessen und habe seinem Komplizen Michel Lelièvre gesagt, er solle die beiden derweil versorgen. »Als ich freikam, habe ich sie fast verhungert angetroffen. Eine von ihnen lag schon im Sterben, die andere ist sozusagen in meinen Armen gestorben.«

Der Pädophile hatte es immer verstanden, Mitmenschen einzuwickeln und zu manipulieren. So war einer Sozialarbeiterin, die den 1992 vorzeitig aus der Haft entlassenen Dutroux regelmäßig besuchte, bei ihrer letzten Visite im Juli nichts Besonderes aufgefallen. Geradezu vorbildlich sei es, so hielt sie fest, wie er monatlich die 50 Mark Schadensersatz für seine damaligen Opfer überweise.

Keiner seiner Betreuer fand es seltsam, daß der arbeitslose Bewährungshäftling sechs Häuser besaß - alle hatte er bar bezahlt. Zudem gehörten ihm ein Lastwagen, ein Lieferwagen, ein Citroën und ein Wohnmobil - wahrscheinlich alles finanziert mit Gewinnen aus seiner Pornofilm- Produktion.

Niemand von seinen Nachbarn hatte sich auch daran gestört, daß der »drôle de gars«, der etwas seltsame Vogel, nächtelang mit seinem eigenen Bulldozer und einer Betonmischmaschine rund um die Terrasse seines leerstehenden Hauses in Mont-sur-Marchienne Kellergewölbe und sogar einen Tunnel anlegte. Die Zellen waren für geraubte Mädchen bestimmt.

»A suivre de très près« - ihm dicht auf den Fersen bleiben - hatte der damalige Justizminister Melchior Wathelet im April 1992 an den Rand des Dokuments geschrieben, als er mit seiner Unterschrift die vorzeitige Haftentlassung des Triebtäters verfügte.

Dabei hatte der Gefängnispsychologe wegen Rückfallgefahr davor gewarnt, Dutroux laufenzulassen. Auch die zuständige Staatsanwaltschaft in Mons war gegen die Freilassung.

»Wenn der Minister nicht unterschrieben hätte«, empörte sich der Vater der toten Mélissa, »dann würden unsere Kinder noch leben.« Auf Transparenten quer über belgische Autobahnen steht: »Schlafen Sie gut, Herr Wathelet.« Wathelet, inzwischen Richter am Europäischen Gerichtshof in Luxemburg, glaubt, sich keine Leichtfertigkeit vorwerfen zu müssen. Schließlich habe Dutroux mehr als sechs Jahre seiner auf elf Jahre abgemilderten Strafe auch gesessen.

Doch belgische Blätter und Insider argwöhnen nun, Dutroux könne gedeckt worden sein. Einer seiner Bekannten, der nach den Leichenfunden ebenfalls verhaftet wurde, ist der Brüsseler Geschäftsmann Jean-Michel Nihoul. Er rühmt sich, »Kontakte bis auf die höchste politische Ebene« zu haben. Tatsächlich hat Nihoul in den achtziger Jahren für Wahlkampagnen von christdemokratischen Brüsseler Politikern Geld eingetrieben.

Im nachhinein sind sich alle Experten einig, daß ein Mensch mit Dutroux'' Vorgeschichte niemals hätte freigelassen werden dürfen. Selbst seine Mutter, die seit mehr als 20 Jahren keinen Kontakt mehr zu ihrem Sohn hat, versteht nicht, »wie man Marc hat freilassen können nach allem, was beim Prozeß 1989 ans Licht gekommen ist«. Schon als Schüler habe er kleine Mädchen belästigt.

Die Polizisten waren bereits nach wenigen Stunden Vernehmung fassungslos über den Zynismus des Mannes, der ungerührt die Probleme seines Geschäfts schilderte. »Ich hatte meinen Kumpels 50 000 Francs (rund 2500 Mark) versprochen, wenn sie mir ein Mädchen bringen würden. Aber das war ein Scherz. Als sie mit Julie und Mélissa ankamen, war ich in Verlegenheit, weil die Käfige noch nicht ganz fertig waren.«

Am vergangenen Montag wurde Dutroux, von einer kugelsicheren Weste geschützt, im Eilschritt vorbei an der aufgebrachten Menge in den Justizpalast von Neufchâteau geführt.

Immer wieder fordern Zeitungen und Demonstranten jetzt die Wiedereinführung der Todesstrafe, die in Belgien erst im Juni abgeschafft wurde. Der Heimatort von Julie und Mélissa, Grâce Hollogne bei Lüttich, ist zu einer Pilgerstatt geworden.

Dort lagen die beiden Mädchen drei Tage lang aufgebahrt, Tausende kamen. Zur Trauerfeier am vergangenen Donnerstag drängten 1000 Menschen in die Basilika St. Martin in Lüttich, weitere rund 9000 fanden in der Kirche keinen Platz mehr.

Was die beiden Mädchen seit Juni 1995 in Dutrouxs Zellen erduldet haben dürften, ahnen die Fahnder inzwischen. Sie sind dabei, Videokassetten zu sichten, die sie bei Kumpanen und Bekannten von Dutroux fanden. Die Bänder zeigen fast immer Dutroux - manchmal mit einem Komplizen -, der sich an Kindern vergeht. Die Opfer stehen offensichtlich unter Drogen. Vergangene Woche allerdings war noch keines der in den Filmen mißbrauchten Mädchen identifiziert.

Die Polizisten vermuten, daß sie noch weitere Leichen finden werden, und haben sich Verstärkung geholt. Seit Mittwoch hilft ihnen der britische Kommissar John Bennett, der im sogenannten Horrorhaus von Gloucester die Leichen von zehn ermordeten Frauen und Mädchen fand.

Die belgischen Justizbehörden stehen unter Druck, zu offensichtlich haben sie versagt. Als im Seebad Ostende im August letzten Jahres, nur zwei Monate nach dem Verschwinden von Julie und Mélissa, die 17jährige An Marchal und die 19jährige Eefje Lambreks nach einem Abendausflug nicht mehr zurückkehrten, begann die Gendarmerie erst nach zehn Tagen mit der Fahndung. Eine verdächtige Reifenspur im Sand, so stellte sich jetzt heraus, gehört zu dem Citroën aus dem Autopark von Dutroux.

Zudem hatte die Polizei in Lüttich und Charleroi schon seit Oktober 1993 Hinweise von einem anonymen Informanten, daß Ex-Häftling Dutroux in einem seiner Häuser Zellen baue, um dort verschleppte Kinder unterzubringen. Die wolle er dann ins Ausland verkaufen.

Ihm selbst, so der Informant, seien 150 000 Francs (rund 7500 Mark) für eine Entführung geboten worden. Auch wies er auf den merkwürdig großen Fuhrpark des Sozialhilfeempfängers Dutroux hin.

Zweimal durchsuchten Polizisten nach dem Verschwinden von Julie und Mélissa das Haus, in dem die Mädchen versteckt waren - und fanden nichts. Sie hatten zwar Kinderschreie gehört, aber Dutroux konnte ihnen weismachen, daß sie von seinen eigenen Kindern stammten.

Ähnlich laxe Arbeit leisten sich Fahnder immer wieder, auch in Deutschland: Weil er drei Mädchen zwischen 9 und 16 Jahren verschleppt, vergewaltigt und später hilflos ausgesetzt haben soll, steht in Hamburg derzeit Hans-Gerold Böhm, 63, vor Gericht.

Tagelang hielt der Rentner 1994, so die Erkenntnisse der Staatsanwaltschaft, in seinem Haus in Jersbek bei Hamburg die neunjährige Luisa gefangen. Er hatte sie entführt, quälte und mißbrauchte sie immer wieder.

Genau in dieser Zeit klingelte ein Polizist an Böhms Haus. Eine Frau hatte ihn alarmiert, sie hatte den Rentner mit einer Strumpfmaske im Wald gesehen und das Kennzeichen seines Autos notiert. Doch als niemand öffnete, kehrte der Beamte unverrichteter Dinge in seine Dienststelle zurück.

Zwar lief kurz darauf die Meldung über das Verschwinden des Mädchens über den Polizeiticker, doch der Beamte, der Böhm aufgesucht hatte, bekam davon offenbar nichts mit - obwohl sich die Zeugin nach den ersten Berichten in der Presse nochmals bei der Polizei meldete.

So dauerte die Qual des Mädchens weitere zwei Tage, bis Böhm sie schließlich freiließ. Der Vergewaltiger blieb unentdeckt, weil sein Opfer ihn nicht identifizieren konnte. Acht Monate später, so wirft ihm die Staatsanwaltschaft vor, lockte er die elfjährige Jenny vor deren Hamburger Schule in seinen Wagen, schlug, fesselte und mißbrauchte sie. Auch Jenny ließ er schließlich frei, bei der öffentlichen Fahndung deuteten danach mehrere Hinweise auf ihn.

Nur mit gebremstem Eifer gingen die Behörden gegen einen Kinderschänderring in Dresden vor. Das Amtsgericht verurteilte vergangene Woche einen 41jährigen ehemaligen Straßenbahnfahrer, der zwei 14 und 15 Jahre alte Jungen mehrfach sexuell mißbraucht hatte, zu zwei Jahren Haft auf Bewährung. Der Mann ist nur einer von insgesamt 28 Beschuldigten.

Seit 1994 soll der »Bekanntenkreis aus der Homosexuellenszene«, so die Fahnder, 37 vor allem elternlose Kinder mit Geld, Geschenken, Kost und Logis gefügig gemacht haben.

Ein aufmerksamer Erzieher eines Dresdner Kinderheims, wo ein Teil der Jungen untergebracht war, entdeckte früh Veränderungen bei seinen Zöglingen. Die Jugendlichen verfügten plötzlich über Geld und waren merkwür- dig verschlossen. Die mißtrauisch gewordenen Heimmitarbeiter verfolgten die Spur der Kinder sogar bis zu einem beliebten Treffpunkt der jetzt Angeklagten. Als ein 15jähriger den Erziehern dann auch noch von den verbotenen Vorgängen berichtete, informierten sie die Polizei. Doch erst vier Monate später vernahmen die Beamten den Jungen.

Knapp 18 000 Fälle sexuellen Mißbrauchs, so die Statistik des Bundeskriminalamtes, wurden im vergangenen Jahr gemeldet. Doch nur eine Minderzahl der Übergriffe wird überhaupt bekannt (siehe Seite 40).

Experten des Kriminologischen Forschungsinstituts Hannover gehen nach einer repräsentativen Untersuchung davon aus, daß die tatsächlichen Opferzahlen etwa sechsmal höher liegen. »Statistisch gesehen«, so der Leiter des Instituts, Christian Pfeiffer, »sitzt in jeder Schulklasse mindestens ein mißbrauchtes Kind.«

Immer wieder fällt auf, wie zögerlich nicht nur manche Ermittler auf dem heiklen Terrain agieren. Meist gibt es im Umfeld von Tätern und Opfern Warnungen und Hinweise auf die schauerlichen Taten. Aber Nachbarn, Bekannte, Kollegen und Vorgesetzte schauen oftmals lieber weg.

Im Fall eines hessischen Seelsorgers schrieben die Richter sogar seinen prominenten Vorgesetzten einen Teil der Schuld zu - dem Fuldaer Bischof Johannes Dyba und dessen Weihbischof Johannes Kapp. Die Juristen werfen ihnen Verletzung der Fürsorgepflicht vor.

Der Kasseler Pfarrer, der vergangenen Juli zu zwei Jahren Haft verurteilt wurde, hatte Jugendliche belästigt. Obwohl bereits in früheren Jahren Mißbrauchsvorwürfe gegen ihn erhoben worden waren, urteilten die Richter, hätten seine Vorgesetzten ihn lediglich versetzt und zudem mit seinen Problemen allein gelassen: »Hätte der Dienstherr rechtzeitig und durchgreifend den Angeklagten an weiterer Gemeindearbeit gehindert«, so der Spruch, »wäre es nicht zu weiteren Vorfällen gekommen.«

»Die sexuelle Mißhandlung«, sagt Irene Johns vom Kinderschutzzentrum in Kiel, »ist eine der tiefsten Verletzungen, die ein Kind erfahren kann.« Anders als beim Entführungsfall in Belgien stammen die Täter meist sogar aus dem Verwandtenkreis der Kinder. »Der Großteil«, so der Kriminologe Peter Wetzels, »kommt aus dem unmittelbaren Nahbereich der Familie, etwa Onkel, Freunde oder Bekannte.«

Auch in der Prozeßserie um die Kinderschänder von Flachslanden, einem der größten deutschen Mißbrauchsfälle, standen Verwandte und Freunde vor Gericht: Eltern, Onkel, Tanten, Großeltern. Sie hatten ihre eigenen Kinder mißbraucht oder mißbrauchen lassen und das sogar auf Video aufgenommen. Insgesamt 13 Angeklagte wurden maximal zu 14 Jahren Haft verurteilt.

»Gerade die Vertrautheit macht es dem Kind so schwer, sich zur Wehr zu setzen«, sagt der Pädagoge Arthur Kröhnert. Ein Trauma, »daß Schmerz und Mißhandlung ausgerechnet von dem Menschen zugefügt werden, der dem Kind lieb und wichtig ist«. Die Folge können psychische Störungen sein, Depressionen, Selbstmordgefahr.

Angeheizt wird der sexuelle Mißbrauch noch durch die boomende Kinderpornographie. Nach Schätzungen von Experten gehören in Deutschland 40 000 bis 50 000 Menschen zum harten Kern der Dauerkonsumenten. Eine Videokassette kostet zwischen 300 und 1000 Mark. Angeboten werden sie meist über verdeckte Zeitungsanzeigen: »Biete Cassetten an Vielseitige«.

»Schon fünfjährige Kinder werden für solche Filme mißbraucht«, sagt Kriminalhauptkommissarin Else Diesing vom Sonderdezernat Kinderpornographie der Münchner Kripo. Das Millionengeschäft habe in den letzten Jahren nicht nur zugenommen, es sei auch »konspirativer« geworden - gefördert durch das Internet, das Kinderpornographen gerne nutzen.

Detlef Drewes, Autor eines Buches über »Kinder im Datennetz«, landete eines Abends nach dem Homebanking durch einen Tippfehler zufällig bei einem Sexanbieter: »Lieben Sie zerbrechliche Girls, unschuldige Mädchen, knabenhafte Körperformen?« wurde er da gefragt.

»Der Gewalt und Grausamkeit sind keine Grenzen gesetzt«, sagt Karlheinz Moewes von der Münchner Kripo. Da werden Kinder gefesselt, in Sado-Maso-Szenen getrieben, beim Sex mit Tieren gezeigt.

Viele Kinderpornos werden in Asien aufgenommen, professionelle Banden bringen sie nach Europa. Anfang des Jahres wurde etwa ein Lkw-Fahrer aus der Nähe von Bad Oldesloe verhaftet, der im ganzen Bundesgebiet mit Videos gehandelt hatte. Die Ware bezog er aus Thailand. Der Strippenzieher dort, der Berliner Nobert Karl V., hatte Kinder zu Sex vor der Kamera gezwungen und sie auch als kleine Prostituierte europäischen Urlaubern angeboten.

Im Januar flog der Berliner, der Ermittlern als »dicker Fisch« in der Kindersexbranche gilt, im thailändischen Badeort Pattaya auf, als ein ZDF-Journalist ihn mit versteckter Kamera bei seinem schmutzigen Geschäft filmte.

Zwischen 200 000 und 800 000 Kinder, so schätzen verschiedene Hilfsorganisationen, werden allein in Thailand auf dem illegalen Sexmarkt ausgebeutet, manche von ihnen sind erst sechs Jahre alt. Allein seit 1993 nahmen Ermittler in Asien 80 Europäer wegen sexueller Vergehen an Minderjährigen fest, darunter etliche Deutsche. Derzeit sitzen auf den Philippinen vier Deutsche in Haft. Der Iserlohner Thomas B. konnte gegen Kaution ausreisen, nachdem er im Januar auf einer thailändischen Insel wegen Mißbrauchs eines erst neunjährigen Mädchens festgenommen worden war. Gegen ihn wird jetzt in Hagen ermittelt.

Derartige Festnahmen zeigen, daß inzwischen einige Länder den Kampf gegen die sexuelle Ausbeutung der Kinder aufgenommen haben - teilweise mit drakonischen Strafen. Im März wurde Karl- Heinz Nierenz, 38, aus Eberswalde in Bangkok zu 43 Jahren Haft verurteilt. Polizisten hatten ihn mit vier Jungs unter 13 Jahren auf frischer Tat ertappt. Doch trotz erster Erfolge »wächst die Kinderprostitution weiter dramatisch an«, klagt der Stuttgarter Pfarrer und Ferntourismusexperte Martin Stäbler. Ständig kommen neue Länder dazu, wie Kambodscha oder Vietnam, die sich gerade dem Massentourismus öffnen.

Im Grenzgebiet zu Burma und Laos, an der Grenze nach Kambodscha und bis hinein in die südchinesischen Provinzen habe die Kinderprostitution, so Terre des Hommes, »bereits den Handel mit Opium abgelöst«.

Die meisten Kinder werden allerdings von Einheimischen selbst mißbraucht, etwa in Elendsbordellen im brasilianischen Amazonas-Gebiet. Doch die Touristen, die mitunter zehnmal soviel zahlen wie einheimische Freier, heizen das Angebot an. »Die Sexreisenden«, sagt der Bangkoker Oberstaatsanwalt Wanchai Roujangavong, »haben das große Geld ins Geschäft gebracht.« Die Folgen des massenhaften Kindesmißbrauchs sind verheerend. »Es ist eine Vernichtung auf Raten, körperlich und psychisch«, urteilt der Fuldaer Tourismusexperte Uwe Volker Karst.

Noch nicht einmal Aids konnte die Ausbreitung des Geschäfts mit Kindern bisher bremsen. Im Gegenteil: Die Seuche fördert sogar die Kinderprostitution. Denn die Freier suchen sich immer jüngere Gespielinnen, in der irrigen Annahme, sich bei ihnen nicht infizieren zu können. Dabei werden Kinder besonders leicht verletzt. Damit steigt auch die Ansteckungsgefahr. In Thailand, schätzt Terre des Hommes, sind schon 50 bis 70 Prozent der minderjährigen Prostituierten HIV-positiv.

In Europa macht sich das Geschäft ebenso breit. Allein in England sollen, so Unterlagen der Stockholmer Konferenz, 5000 Kinder als Prostituierte arbeiten. Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus ist zudem vor allem in Osteuropa ein neuer Sexmarkt entstanden mit einem florierenden Mädchenhandel.

Auch der belgische Kindermörder Dutroux unterhielt Verbindungen nach Osten in die Tschechische Republik. Dorthin, so Spekulationen von Fahndern, wurden die beiden verschwundenen Mädchen Eefje Lambreks und An Marchal möglicherweise als Prostituierte verkauft.

»Lange galt Europa als Startbasis für die Pädophilen, die in alle Welt reisten, um dort Kinder zu mißbrauchen«, so die Veranstalter der Stockholmer Konferenz, »jetzt ist das Problem nach Europa zurückgekommen.«

* Nach ihrer Befreiung am Donnerstag vorvergangener Woche.

Marion Schreiber
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