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VERNUNFT, GEFÜHL UND SCHNAUZE

aus DER SPIEGEL 19/1965

In der DDR wächst eine junge Schriftsteller -Generation heran, deren Werke sich den hergebrachten kommunistischen Kunst-Doktrinen entziehen. Eines dieser neuen Talente ist der Dresdener Volker Braun, 26. Er war Arbeiter und Jugendfunktionär, bevor er In Leipzig Philosophie studierte und in die SED eintrat. Heute ist Braun Assistent beim »Berliner (Brecht-) Ensemble«. - In der DDR erscheinende Bücher können auch Ober westdeutsche Buchhandlungen bezogen werden.

Es gibt eine Theorie, die redet von zwei (oder gar drei) deutschen Staaten, eine andere, Tochter der ersten, auch schon von zwei (nicht drei) deutschen Literaturen. Es gibt Gegenbehauptungen, die sehen nur sogenannte Grenzen durchs einstige Deutschland und die heutige deutsche Literatur laufen Demnach soll es zwischen Büchern von hüben und drüben nur den einen, allgemein üblichen Unterschied geben, den zwischen guten und schlechten.

Allen diesen Proklamationen ist nur eines gemeinsam: Einen genauen Vergleich mit der Wirklichkeit halten sie nicht aus. Das Wunschdenken sitzt ihnen im Genick, lenkt ihre Blicke. Denn wahr ist bei näherem Zusehn auch nicht, daß etwa deutsche Gedichte, die heute in Halle gedruckt werden, solchen aus Köln oder Stuttgart zum Verwechseln ähnlich sehen. Das und anderes beweist der erste, tatsächlich in Halle erschienene Gedichtband Volker Brauns. Er setzt, meine ich, neue Maßstäbe für alles, was heute und künftig in der sogenannten und wirklichen DDR geschrieben wird.

Sein Autor, Jahrgang 1939, hat lesen und schreiben erst gelernt, als Hitler schon tot und Dresden, seine Heimatstadt, schon zerstört war. Seit er denken kann, findet er sich in einem Staat, der selbst von Gedichten etwas erwartet, Unterstützung nämlich oder Gefahr, beides nicht ohne Aberglauben, denn so mächtig ist die Macht lyrischer Worte ja nie gewesen. Doch in diesem Klima der Beobachtung von oben müssen andere Verse gedeihen als zwischen Rhein und Elbe, wo das Gedruckte nur reguliert von Angebot und Nachfrage, also scheinbar frei umläuft.

Wie bedient nun Volker Braun, ein Sechsundzwanzigjähriger, die offiziösen Erwartungen? Nun, er bedient sie, gar nicht, weder mit notdürftig versifizierten Lippenbekenntnissen noch gar mit dem roten Schmalz einer neuen, alten KdF-Volkstümlichkeit. In einer dem Band angehängten Gebrauchsanweisung heißt es:

Ich kann dir das Jahrhundert wie eine Drehorgelrausleiern

FÜR DIE LIEBHABER PUCCINIS

Ich kann dir im klaren Wasser meine Denkerstirn spiegeln

WENN DU MIR DEN FLUSS ANHIELTEST!

Das heißt, er könnte, aber er kann nicht. In den besten Gedichten sitzen als Gelenke die Widerhaken einer früh

eingeübten Dialektik. Sie sind verschlagen und vertrackt, schwierig, in die Lehre gegangen bei schwierigen Meistern, bei Majakowski und Brecht, sogar bei Hölderlin, dessen hoher Odenton hier und da sehr handgreiflich, sehr realistisch beerbt wird, wie Bibelton und Kirchenlied bei Brecht.

Doch alles, was Braun kann, macht seine Texte nicht etwa poetisch gelehrt, bricht sich immer wieder an der Wucht und Unruhe seiner Jugend. Nichts soll da selig ruhen in sich selbst: Kommt uns nicht mit Fertigem! Wir brauchen

Halbfabrikate! Weg mit dem Rehbraten -

her mit dem Wald und dem Messern

Zwischenrufe dieses Tonfalls sträuben den Gedichten immer wieder das nie gestriegelte Fell. Da wird sehr oft mit großer Lautstärke aufgesprochen, zu Versammlungen eher als zum Zirkel. Jargon schießt ein, bricht den Odenton. Nie erreicht das Zeitgedicht, wie so oft und trotz allen Zorns bei Alberti, Enzensberger oder Eluard, einen schönen, lästigen Perlmuttglanz. Nur: zuweilen wirkt das rauh belassene Rauhe, wirkt die »Schnauze« auch bei Braun chargiert. Er kann's zwar spielen, ist aber nicht so.

Was er ist und kann und will, zeigt

er vor allem in einem althergebrachten, nur scheinbar abgeernteten Genre, dem Liebesgedicht. Da wird nicht Einsamkeit gefeiert, geteilt und genossen durch zwei, kein todes- und tristanflüchtiger Eros fliegt auf. Eine heikle Schwebe zwischen Lust, Gefühl und moralischer Reflexion hält sich. Denn auch die Liebenden, so möchte Brauns Gedicht, sind keine geschlossene Gesellschaft für sich, sind nur ein Teil der allgemeinen Gesellschaft.

Das zu beweisen setzt mehr voraus als guten ideologischen Willen, eine Empfindung nämlich, die nie den Verstand verliert und doch nicht austrocknet vor lauter Verständigkeit, eine Wärme der Vernunft. Solche Qualitäten machen diese Liebesgedichte so ungenießbar für Empfindsame wie für eingefrorene Marxisten. Intimität und

Politik, »Lied und Ansprache« (in Brauns eigener Unterscheidung) sind in diesen Gebilden schwierig, aber glücklich verheiratet.

Auch wo die Gedichte sich Arbeits - und Industriewelt zu Motiven wählen, etwa die Trockenlegung des Rhinluchs, den Aufbau des Kombinats Schwarze Pumpe, auch da erledigen sie kein Pflichtpensum, sondern nur das Pensum der eigenen Erfahrung.

Zuweilen sieht Brauns lyrisch-deutscher Osten dann aus wie ein edlerer Wilder Westen, wie eine Heimat für Rauhbeine mit Pioniergeist und -güte. Stolz auf den gesellschaftlichen Nutzen der Arbeit mischt sich verquer mit vage-vehementen Goldgräber- und Trampgefühlen. Wie früher in den Gedichten Walt Whitmans versöhnen sich das romantische und das demokratische Ich. Die Sprache, satt von Realität, dann wieder hallend vor Optimismus, ist gleich vertraut mit Naturdingen und technischem Gerät. Ganz natürlich gelingt ihr auch, aus der Spannung zwischen abenteuerlicher Ferne und alltäglicher Nähe, ein Gagarin-Gedicht, das alle übliche Weltraumlyrik gelassen aussticht.

Zitieren läßt sich gerade aus den

besten Proben kaum. Sie suchen ihr Glück nicht in einzelnen poetischen Formulierungen. Fest sind die Teile in den größeren Zusammenhang gebunden, der sich oft stockend aus Spruch und Widerspruch zusammenbaut. Braun liebt zwar auch kurze dialektische Kehrtwendungen, ganz im Stil Brechts - »Kreidet«, sagt er etwa, an die »reifere Jugend«, die Funktionäre gewendet, »Kreidet uns nicht unsere Freiheiten an: seid frei!« -, doch lieber noch läßt er sein Gedicht weiter ausholende dialektische Schleifen ziehen, treibt seine Beweisgänge durch Begeisterungen und Zweifel wie über Stock und Stein.

Wer Fehler sucht, wird natürlich auch Fehler finden, und nicht nur einzelstehende. Zwischen wuchtig behauene »Halbfabrikate« mischt sich auch Ausschuß. Doch der Band ist eben nicht nur zu lesen als eine Sammlung lyrischer Leistungsproben. Er enthält merkwürdigere Nachrichten als ein Wust von Zeitungsnotizen und Reportagen aus diesem uns nahen und fernen Land, Nachrichten über das Bewußtsein der dort in den letzten zwanzig Jahren aufgewachsenen Generation.

Wie harmlos, wie unzuverlässig eine Information durch Gedichte auch sein mag: Selbst diese Kollektion beweist, daß die deutsche Gesellschaft nebenan längst nicht mehr bequem zu begreifen ist als eine Zwangsgemeinschaft von Funktionären und Duldern, daß der,sogenannte, Ulbricht schon zu Lebzeiten nicht unsterblich ist.

Braun

Volker Braun: »Provokation für mich«

Mitteldeutscher Verlag

Halle (Saale) 76 Seiten 4,50 Mark

Reinhard Baumgart
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