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GUTTENBERG Verrat im Schloß

aus DER SPIEGEL 51/1962

Franz-Josef Strauß, immer noch amtierender Verteidigungsminister der Bonner Republik, hat wieder einen Verräter entdeckt. Diesmal sogar in den Reihen der eigenen CSU.

Die Anklage traf den Bundestagsabgeordneten Karl Theodor Maria Georg Achatz Eberhart Joseph Freiherr von und zu Guttenberg, den außenpolitischen Sprecher der vereinigten christlichen Staatsparteien und Großgrundbesitzer aus Oberfranken. Dieser Guttenberg, so klagte Franz-Josef Strauß vor dem Vorstand seiner weißblauen Christsozialen in der Münchner Parteizentrale, habe hinter seinem Rücken mit dem SPD-Vize Wehner über eine große Koalition verhandelt und nicht widersprochen, als Wehner den CSU-Chef eine Belastung für die Demokratie nannte.

»Wenn danach eine Wertskala aufgestellt wird«, so der lädierte CSU-Chef, »kommt es noch dazu, daß Wehner als Demokrat vor mir rangiert.«

Alsdann warf Strauß dem oberfränkischen Großgrundbesitzer vor, was ihn selbst gerade die Karriere gekostet hat: Der Freiherr von Guttenberg strebe nach der Macht - in einem Ministeramt unter Konrad Adenauer. Die Konspiration müsse bestraft werden.

An politischem Ehrgeiz hat es der heute 41jährige Guttenberg tatsächlich nie fehlen lassen. Begonnen hat der Aufstieg des millionenschweren Großgrundbesitzers beim Kavallerieregiment 17 in Bamberg, nachdem der Vater, der Päpstliche Geheimkämmerer Guttenberg, seinen Sprößling auf Jesuitenschulen hatte erziehen lassen.

Als Ordonnanzoffizier der 711. Infanteriedivision, die sich im Oktober 1944 mit englischen Invasionstruppen in Nordfrankreich und Belgien herumschlug, geriet er in britische Gefangenschaft. Fortan wirkte der Baron unter Sefton Delmer an einem antifaschistischen Sender in Großbritannien mit.

Kurz nach dem Krieg mußte sich Guttenberg den Vorwurf gefallen lassen, er sei Antisemit. Das Amtsgericht in Kulmbach verurteilte den Freiherrn zu 300 Mark Geldstrafe, weil er die Invektive »Saujude« gebraucht habe.

Guttenberg damals: »Mein Gewissen läßt es nicht zu, mit Sicherheit zu behaupten, ich hätte die Äußerung nicht gebraucht« (SPIEGEL 40/1959). Zeugenaussagen hatten ihn zu diesem Bekenntnis gedrängt. Dem Fraktionsvorsitzenden der CDU/CSU erklärte er freilich, das Urteil gehe auf die Aussage eines meineidigen Zeugen zurück.

Guttenberg kam schnell vorwärts: Er wurde CSU-Vorsitzender im heimischen Stadtsteinach, Mitglied des Bezirksvorstandes Oberfranken und des Landesausschusses seiner Partei. 1957 spülten ihn die Wellen des Adenauer-Plebiszits in das Bonner Parlament, wo der Reichsfreiherr seitdem das Volk seines Wahlkreises Forchheim vertritt.

Als die christdemokratischen Abgeordneten am 5. November 1959 der damals noch Oppositionskurs steuernden SPD Rede und Antwort über ihr außenpolitisches Konzept stehen sollten, hielt Guttenberg seine erste Bundestagsrede.

Bei diesem ersten Parlamentsauftritt hatte sich Guttenberg mit den SPD-Deputierten so scharf angelegt, daß die Sozialdemokraten künftig darauf verzichteten, dem Baron in öffentlichen Diskussionen gegenüberzutreten. »Es fällt schwer«, erklärte damals der SPD -MdB Helmut Schmidt, »bei der Polemik des Herrn Baron von Guttenberg nicht zu beklagen, daß die Deutschen niemals eine Revolution zustande gebracht haben, die dieser Art von Großgrundbesitzern die materielle Grundlage entzogen hätte.«

Erst als der Freiherr es ablehnte, während einer Podiumsdebatte seinen nicht erschienenen Kontrahenten von der SPD zu attackieren, versöhnten sich die Sozialdemokraten mit dem CSU-Mann. Guttenberg seinerseits paßte sich der neuen Atmosphäre an.

Freiwillig entschärfte der Aristokrat die Rede, mit der er auf eventuelle Angriffe der Sozialdemokraten gegen die Außenpolitik der Bundesregierung antworten wollte, als Herbert Wehner am 30. Juni 1960 das Schiff der SPD auf einen Parallelkurs zur Regierungsroute manövrierte.

Der Feudale riskierte sogar einen geographischen Lapsus: »Ich gebe zu, daß in den Ausführungen des Herrn Wehner von heute vormittag einige Passagen enthalten waren, die uns das Gefühl vermitteln, daß ihr Weg vielleicht in unsere Nähe geht. Ich möchte hier keineswegs den Namen eines spanischen Klosters nennen, der sich einem aufdrängen könnte.«

Dem Guttenberg hatte sich der Name der Burg Canossa aufgedrängt, vor deren Toren der deutsche Kaiser Heinrich IV. im Jahre 1077 den Papst Gregor VII. um Vergebung für seine aufsässige Anti-Rom-Politik anflehte. Canossa liegt freilich in Italien.

Der Abgeordnete zu Guttenberg galt dennoch von nun an als außenpolitischer Experte seiner Partei. Sein politisches Glaubensbekenntnis: »Wir sollten aufhören, die Bundesrepublik Deutschland als ein Provisorium zu bezeichnen. Einzig provisorisch sind ihre östlichen Grenzen.«

Einmal auf dem Weg nach oben, erkannte der fränkische Baron schnell, daß der Komet Strauß am Bonner Himmel längst den Zenit überschritten hatte. Guttenberg ("Ich identifiziere mich nicht mit allem, was unter der Fahne der CSU geschieht"), der während der SPIEGEL-Affäre beharrlich zu den Vorwürfen gegen den Verteidigungsminister schwieg, wurde von Strauß als unsicherer Läufer zwischen den Fronten eingestuft.

Ausgerechnet das Strauß-fanatische Massenblatt »Bild« stachelte das Mißtrauen des einstigen Verteidigungsministers gegen Guttenberg noch weiter auf. Es setzte Guttenberg auf die Kabinettsliste einer großen Koalition zwischen CDU/CSU und SPD und proklamierte den Freiherrn in der »Traum-Regierung« der »Bild«-Zeitung zum neuen Verteidigungschef.

Strauß vor den Münchner CSU-Vorständen: Sein Rücktritt wäre möglicherweise zu vermeiden gewesen, wenn man nicht mit der SPD verhandelt hätte, während er sich für das Staatswohl opferte, habe Guttenberg ihn verraten.

Dagegen Guttenberg: Er sei vom Kanzler beauftragt worden, mit Herbert Wehner zu reden. Die Idee zu diesen Gesprächen gehe auf den Bundeswohnungsbauminister Lücke zurück, der ihn bei einem Besuch auf Schloß Guttenberg eingeweiht und um Unterstützung gebeten habe. In einer ähnlichen Situation würde er wieder seinem Gewissen folgen.

Es war der Strauß-Spezi und Oberbürgermeister von Bad Kissingen, Weiß, der schließlich ein Parteischiedsgerichtsverfahren gegen den Baron beantragte. Die CSU-Richter, unter ihnen der Kapfinger-Verteidiger Kempfler, wollen. jetzt prüfen, ob

- Guttenberg seine Parteipflichten verletzt hat,

- der Freiherr für seine Verhandlungen persönliche Motive hatte,

- Parteimitgliedern in ähnlichen Situationen Gewissensnot zugebilligt werden kann.

Die »Süddeutsche Zeitung« schrieb: »Der in der Parteispitze seit langem ungelittene Baron will mit dem Schiedsgerichtsverfahren anscheinend erreichen, daß die Parteiführung ihren Geist bloßlegt. Das Exempel würde zeigen, ob in dieser Partei die Gewissensentscheidung des einzelnen noch geachtet wird ...

Selbst wenn das Schiedsgerichtsverfahren die Sorgen des Freiherrn bestätigen würde, ist Guttenbergs Karriere gesichert: Drei CDU-Verbände - davon zwei aus Rheinland-Pfalz - haben ihm angeboten, auf ihren Listen in den Bundestag einzuziehen, sollte die CSU den Freiherrn ausschließen. Dazu Guttenberg: »Ich stehe treu zur CSU.«

Eine scherzhafte Offerte des nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Meyers, ihn zum »reichsunmittelbaren CDU-Freiherrn« zu ernennen, hat der Baron inzwischen beantwortet: »Meine Familie ist sowieso nicht vom König von Bayern geadelt worden, sondern vom Kaiser.«

CSU-Rebell Guttenberg

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