GEHEIMDIENSTE Verrat in Taka-Tuka-Land
Die nachrichtendienstliche Laufbahn des V-Manns Christoph Lauge** begann dort, wo andere Agentenkarrieren sonst eher enden - in einem brandenburgischen Getränkemarkt, unweit des Dosenbierregals.
Lauge, der sich an jenem Sommertag des Jahres 1998 gerade fürs Wochenende eindecken wollte, wurde hinter der Kasse des Shops bereits von drei unauffällig gekleideten Herren erwartet. Man müsse mal reden, sagten sie, und klappten ungefragt Dienstausweise des Potsdamer Innenministeriums, Abteilung Verfassungsschutz, auf.
Danach war man schnell per Du.
Denn obwohl das Outfit der Beamten, die sich kumpelhaft als »Dieter«, »Max« und »Dirk« vorstellten, zunächst auf schlichten deutschen Schlager schließen ließ, teilten sie mit Lauge ein überaus großes Interesse für noch deutschere Töne: verbotenen Neonazi-Rock.
So parlierte die Runde bald angeregt über illegale Skin-Konzerte, Lauges erlebnisreiche Jugend im Umfeld Brandenburger »Blood & Honour«-Zellen und schließlich über seine Sammlung blutrünstiger Nazi-CDs, die ja eigentlich verboten seien.
Statt Strafe, warf einer der Herren schließlich ein, gäbe es für Lauge eine weitaus bessere Möglichkeit, heil aus der Sache herauszukommen: Kooperation. Er könne seine CDs ja dem Verfassungsschutz verkaufen, dazu ein paar Informationen - und schon wäre man im Geschäft. Zur Bekräftigung des Angebots reichten die neuen Freunde ein Bündel Bargeld herüber, und dem werdenden V-Mann dämmerte das Prinzip des diskreten Gebens und Nehmens zwischen Szene und Staat.
Ein Prinzip, das reibungslos zu funktionieren schien - bis unlängst Abenteuerliches aus dem Untergrund ans Tageslicht kam: Den Termin einer geplanten Polizeirazzia bei Rechtsextremisten hatte die Szene vorab erfahren.
Das peinliche Pannenszenario um Verrat, Lügen und Abhörprotokolle zeigt beispielhaft, woran letztendlich das NPD-Verbotsverfahren in Karlsruhe scheiterte: an zu vielen Spitzeln, die dann, außer Kontrolle geraten, auch noch ein absurdes Hase-und-Igel-Spiel aufführen.
In Brandenburg befehden sich nun Beamte des Landeskriminalamts (LKA), des polizeilichen Staatsschutzes Potsdam sowie Ermittler des Verfassungsschutzes mitsamt ihrer Quelle Lauge, die einst vor dem Getränkemarkt so hoffnungsfroh aus dem märkischen Sand gesprudelt war.
Generell aber mag man im Land der Spitzel noch nicht viel ändern. Die Parlamentarische Kontrollkommission (PKK) beschloss am vergangenen Dienstag, dass es »keinen V-Mann-Skandal« gebe. Die »Müllmänner der Nation«, so PKK-Vorsitzender Christoph Schulze, sollten weiter dafür sorgen, »dass die Demokratie sauber bleibt«.
Das könnte sich ändern, wenn die Potsdamer Staatsanwaltschaft, die nun das Innen- und Außenleben der beteiligten Behörden seziert, ganz offiziell zu einem für Innenminister Jörg Schönbohm (CDU) wenig schmeichelhaften Befund kommt: dass sich die Sicherheitsorgane gegenseitig ausgebootet haben, verheddert in einem Knäuel aus Konkurrenz, Dilettantismus und berufstypischem Misstrauen.
Sicher ist schon jetzt, dass dabei die Übersicht über Art und Anzahl der Quellen verloren ging. Schon ist in Potsdamer Sicherheitskreisen von »friendly fire« die Rede, von Querschlägern aus den diversen eigenen Reihen.
Offenbar ohne voneinander zu wissen, hatten verschiedene Behörden im Frühjahr 2001 dasselbe Ziel ins Fadenkreuz genommen: eine seltsame Wohngemeinschaft im märkischen Borkwalde, die im Verdacht stand, als konspiratives Handelszentrum für verbotene Neonazi-CDs zu fungieren.
Das Objekt muss in jenen Tagen eine Art rechtsextremer »Big Brother«-Container gewesen sein: überwacht von gleich drei Behörden auf einmal.
Unter schattigen Kiefern sammelte hier V-Mann Lauge Erkenntnisse für den Verfassungsschutz, während sein Mitbewohner Jens Tewes** engen Kontakt zum polizeilichen Staatsschutz Potsdam hielt. Derweil protokollierte aus der Ferne das Landeskriminalamt den Telefonverkehr, und mancher Nachbar fragte sich, wer wohl die unauffälligen Dauercamper seien, die das Grundstück aus einem Wohnwagen observierten.
Noch verworrener wurde die Situation, als die LKA-Lauscher staunend mitbekamen, dass der Informationsfluss zwischen Quellen und Behörden offenbar nicht nur in eine Richtung funktionierte: Die WG-Bewohner wussten rechtzeitig und bestens über polizeiliche Maßnahmen Bescheid.
So schnitten die Fahnder auch mit, als sich V-Mann Lauge am 6. Februar 2001 bei seinem Kumpel Tewes meldete und um einen Freundschaftsdienst bat. Er möge doch bitte den größeren Posten »Blood & Honour«-T-Shirts aus dem Keller schaffen. »Zufällig« habe er mitbekommen, dass »am 17. Februar die Bullen« eine Hausdurchsuchung planten. Kein Problem, erwiderte der wenig überraschte Tewes, von der Razzia habe er auch schon gehört. Tage später bekamen die Lauscher mit, wie sich die beiden ganz ungeniert über die Qualität der Fahnder austauschten - und dabei auch Namen nannten.
Woher genau Lauge das Datum der Durchsuchung wusste, beschäftigt nun die Justiz. Ebenso, warum auch Tewes den geheimen Termin offenbar kannte und ob in diesem Zusammenhang möglicherweise allzu gesprächige Polizeibeamte eine Rolle spielen.
In der Szene war es schon lange ein offenes Geheimnis, dass Tewes stets »gut informiert« gewesen sei - vielleicht sogar einen Tick zu gut. Öfter mal kam in Borkwalde die Polizei auf einen Plausch vorbei, vor allem Beamte des 4. Kommissariats der Potsdamer Kripo. »Fast schon symbiotisch«, sagt ein Beamter, sei die Beziehung der Ermittler zu ihrer Klientel gewesen. »Die sind bei den Glatzen ein- und ausgegangen.«
Immerhin galt Tewes als hoher Kader im bundesweiten »Blood & Honour«-Netzwerk - ein delikater Fakt, der bereits ein weiteres Landeskriminalamt auf den Plan gerufen hatte: Auch das LKA Sachsen-Anhalt beteiligte sich am großen Lauschwettbewerb.
Ohne von den speziellen brandenburgischen Wirrungen zu wissen, zapften die Magdeburger zwei von Tewes benutzte Handys an. Sie wurden schnell hellhörig: Munter plauderten die abgehörten Konfidenten am Telefon über ihre Kontakte zu den märkischen Behörden.
»Bei Tewes«, notierte ein Kriminalhauptkommissar aus Magdeburg schließlich, »ist zu vermerken, dass er sich aus der Konzert-Organisation und sonstigen strafrechtlich relevanten Aktivitäten zurückgezogen hat, seit er als Informant für das LKA Brandenburg geführt wird.«
Die Kollegen in Potsdam tobten, als sie von dem Vermerk erfuhren. Eilig dementierten LKA-Leute, dass Tewes für sie gearbeitet habe. Nun wird in den anderen Behörden geprüft, ob Tewes, ohne dass man es mitbekam, vielleicht doch dem Staat zu Diensten war, quasi als brauner Kontaktbereichsbeamter. Nur: für wen?
Auch im Fall des allzu gut informierten Verfassungsschutzagenten Lauge dreht sich nun alles um die Frage, wer jetzt eigentlich was an wen verriet.
Die offizielle Antwort lautet: V-Mann-Führer »Max« rief seine Quelle an und berichtete ihr »grob« von einer anstehenden Polizeirazzia, ohne das genaue Datum zu nennen, was ein durchaus üblicher Vorgang sei. Den Termin dagegen habe Lauge dann zufällig in der Borkwalder Gaststätte »Pippi Langstrumpf« erfahren, als sich »zwei Herren in feinen Anzügen« lautstark darüber unterhalten hätten. Offensichtlich habe es sich bei den Trinkern um undisziplinierte Polizeibeamte gehandelt.
Die zweite Version ist etwas pikanter - und kommt der Wahrheit wohl auch etwas näher: Demnach habe »Max« nämlich seinem V-Mann sehr wohl das genaue Datum der Durchsuchung verraten und es kurz darauf bitter bereut.
Nachdem bekannt geworden war, dass das LKA Lauges Plauderei am Telefon mitgeschnitten hatte, sei »Max« in helle Panik geraten und habe einen Blitztreff mit seinem Informanten vereinbart. Bei der Krisensitzung habe er Lauge dann die eilig erfundene »Pippi Langstrumpf«-Story eingehämmert; inklusive fingierter Personenbeschreibungen der angeblichen Polizisten ("einer mit Bart, der andere mit Brille"), die so leutselig am Tresen geplaudert hätten.
Bei dieser Version solle Lauge bleiben, habe »Max« kategorisch angeordnet, egal wer ihn fragen sollte. Das sei das Beste für alle.
Die peinlichen Fragen ließen nicht lange auf sich warten: Im allgemeinen Chaos zitierte der wütende Referatsleiter »Beschaffung« seinen Untergebenen »Max« samt undichter Quelle zum Rapport. Man traf sich konspirativ beim Italiener in Werder. Dort wurde, bei Pasta und Vino, Lauge, wie es im Agentenjargon heißt, »auf den Pott« gesetzt.
Zwar klang dessen »Pippi«-Version, an der er im Verhör krampfhaft festhielt, auch in den Ohren des Vorgesetzten eher wie eine Geschichte aus dem Taka-Tuka-Land - das Gegenteil ließ sich allerdings auch nicht beweisen. Und so verblasste die Erinnerung.
Zunächst sah man auch keinen Grund, die Spitzenquelle abzuschalten. Lauge, dessen Reputation zwar ein wenig gelitten hatte, klärte weiter auf und konnte im Gegenzug noch immer auf die wohlwollende Unterstützung seines Dienstes bauen.
Schließlich blickte man auf eine für beide Seiten lukrative Vergangenheit zurück: Lauge lieferte gewissenhaft Details aus den Innereien der militanten Neonazi-Szene, während »Max« stets aushalf, wenn dem Spitzel mal Bares fehlte oder eine seltene Nazi-CD für seine Sammlung. Auch als der junge Brandenburger plötzlich »Bock auf einen geilen GTI« verspürte, ließ ihn »Max« nicht im Stich.
Leider hatte der Fuhrpark des Innenministeriums ein solches Dienstfahrzeug gerade nicht zur Hand, weshalb sich der Verfassungsschutz an einen örtlichen Gebrauchtwagenhändler wenden musste, um einen wunschgemäß tiefer gelegten VW-Golf zu erstehen. Den Kaufpreis, 2500 Euro, sollte Lauge dem Steuerzahler in Monatsraten à 50 Euro zurückerstatten.
Auch soll man sich beim Amt höchst kulant gezeigt haben, wenn Lauge in Ausübung seiner Tätigkeit mal eine szenetypische Straftat begangen hatte. In solchen Fällen gilt gemeinhin der Grundsatz: »Das wollen wir gar nicht wissen.«
Erst im Juli 2002 wurde es auch den frustrationsgeübten Geheimen zu bunt. Nachdem ihr V-Mann wegen Einbruchs ins Visier der Polizei geraten war, wurde er, plötzlich streng nach Vorschrift, angezeigt und aus dem Dienst entfernt.
Auch der immer dienstbereite »Max« wechselte den Verein. Auf eigenen Wunsch ließ sich der V-Mann-Führer versetzen - in die weniger aufregende Abteilung III des Innenministeriums. Die beschäftigt sich mit Gesetzesfragen und der neuen Hundehalterverordnung. SVEN RÖBEL, HOLGER STARK
* Verfassungsschutzleiter Heiner Wegesin, LKA-Leiter AxelLüdders.** Namen von der Redaktion geändert.