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2000: Ausland Verratene Hoffnungen

Die Verlierer des Jahrhunderts sind die Russen. Mit dem Potenzial der Superreichen ausgestattet, wurden sie von Kommunisten, Deutschen und Kapitalisten beraubt und gedemütigt.
Von Fritjof Meyer
aus DER SPIEGEL 52/1999

Die Babuschki, die sich erinnern konnten, erzählten es immer schon, die Kommunisten schrieben die Geschichte um: Unter dem letzten Zaren begann das 20. Jahrhundert für Russland, die höchst verspätete Na-tion, mit einem wirtschaftlichen Aufschwung, dem Eintritt in das Industriezeitalter, mit mehr Rechtsstaatlichkeit und auch Volksbildung.

All das, und den Zaren und das ganze Reich ruinierte bald der Erste Weltkrieg mit den Deutschen, die hernach ihren Agenten Lenin schickten. Mit ihren Rezepten von Marx (und Ludendorffscher Kriegswirtschaft) restaurierte der das Reich, allerdings in einem furchtbaren Bürgerkrieg und mit den ersten Konzentrationslagern: Alle Erwartungen auf ein besseres Leben nach der Oktoberrevolution von 1917 erwiesen sich als Trug.

Lenins Schüler aus Georgien trieb es noch weiter: Per Bauernenteignung, Gulag und mit weiteren Millionen Menschenopfern suchte Stalin die UdSSR auf den nächsten Krieg mit den Deutschen vorzubereiten. Der Sieg versöhnte das Volk mit seinen Kommunisten, obschon es mit weiteren 20 Millionen Toten bezahlt hatte. Die fälligen Freiheiten jedoch blieb das Regime seinen Untertanen wiederum schuldig.

Das überdehnte Imperium war bis zur Elbe ausgeweitet, das Land aber von der Außenwelt abgeschlossen. Die Volkswirtschaft diente fast nur noch der Rüstung gegen den Konkurrenten um die Weltmacht, die USA, und die Russen mussten sich mit einem erbärmlichen Lebensstandard begnügen. Ein Sozialhilfeempfänger in Westdeutschland lebte besser.

Mit dem Ende der Sklaverei unter Stalins Erben kam das, was heute als eine goldene Zeit empfunden wird: soziale Sicherheit, wenn auch auf niedrigstem Niveau, dafür die Siege im Kosmos und die erhebende Furcht der Nachbarn - obschon die Wirtschaft kaum für die Massenbedürfnisse produzierte und der Staat nicht aufhörte, seine Bürger zu bevormunden.

Bis Michail Gorbatschow, der Befreier, das ganze Kartenhaus fällte. Das Volk hat ihm den Dank versagt, weil es ihn wieder für einen deutschen Agenten hielt: Auf seine Perestroika folgte - diesmal von hurtigen Amerikanern belehrt - ein Manchester-Kapitalismus, der alle sowjetischen Propaganda-Schablonen bestätigte.

Statt dem Volk endlich die Betriebe zuzueignen oder wenigstens das neue deutsche Muster einer Sozialpflicht des Kapitals zu prüfen, ließen die neuen Regierenden unter Boris Jelzin eine Rotte von Hyänen los. Die bemächtigten sich der profitablen Rohstoffe und verschoben die Erlöse ins Ausland. Sie stießen das gemeine Volk in die allgemeine Armut. Der nun ganz schwache Staat blieb Lohn und Rente schuldig, letztere deckte er 1999 mit Krediten aus den USA und der EU ab.

Statt die Vorteile des Ausscheidens fremder Völkerschaften aus dem Reichsverband wahrzunehmen und sich auf die Entwicklung der russischen Lande zu werfen, führte am Ende des Jahrhunderts der Kreml seinen Kolonialkrieg gegen die Tschetschenen, getrieben auch von der Furcht, deren Freigabe ließe die ganze Föderation auseinander fallen. Wieder wächst das Zerrbild einer besonderen russischen Neigung zur Gewalt. Russland scheint sich von der modernen Zivilisation abzukoppeln, und niemand im Westen hindert es an diesem Rückfall.

Niemand lehrt die Russen, Schmerz und Wunden ebenso wie Schuld und Scham aus der Vergangenheit in eine Produktivkraft zu verwandeln. Kraft seiner natürlichen Ressourcen im Übermaß, seiner erstklassigen Wissenschaftler und seiner ausgebildeten, disziplinierten Arbeiter bleibt Russland ein Kandidat für den Club der Superreichen im neuen Jahrhundert - wenn es denn gelänge, das Potenzial zu nutzen, seine Energien zu entfalten und Talente zu beflügeln. Wenn denn die Herrschenden das eigene Fortkommen hintanstellten, um Rechtssicherheit zu etablieren, ausländische Investoren anzulocken, das Fluchtkapital zurückzulenken.

Dem einfachen Bürger des größten Landes der Welt bleibt nur, wie gewohnt, sich in seinem anarchischen Umfeld einzurichten. Und wieder hofft er, nicht als Verlierer auch des nächsten Jahrhunderts zu gelten. FRITJOF MEYER

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