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GESUNDHEIT Verrückte Einzelkämpfer

In Ostdeutschland droht ein Hausärztenotstand. Viele Doktoren auf dem Land finden keine Nachfolger, Studenten schreckt der Beruf ab.
aus DER SPIEGEL 35/2001

Noch hofft Sabine Kasper. Hofft auf einen »bescheidenen Menschen mit Helfersyndrom« - Helfersyndrom sollte schon sein, anspruchslose Art auch, wer würde denn sonst wohl ihre Arztpraxis übernehmen? In Hohendorf? In Vorpommern? Knapp vor Polen? So will sie also noch ein Jahr hoffen, ein Jahr warten, dann sperrt Sabine Kasper aber wohl zu. Die letzte Ärztin im Dorf, die letzte für die Nachbardörfer - die letzte, die hier noch jeden Tag zu Hausbesuchen über Land zuckelt in ihrem rostroten Peugeot.

Nicht nur rund um Wolgast im Kreis Ostvorpommern, fast überall in Ostdeutschland sterben auf dem platten Land die Hausärzte aus. Ärzte und Kassenärztliche Vereinigungen schlagen Alarm, weil sich in der Provinz schon Versorgungslücken abzeichnen. Im thüringischen Unstrut-Hainich-Kreis sind inzwischen 13 Ärzte ohne Nachfolger ausgestiegen, so Sighart Freier, Vorsitzender des thüringischen Hausärzteverbands. In Wolgast praktizieren noch 12 Hausärzte, aber von denen ist die Hälfte schon im Rentenalter - wer kann da noch jeden Tag zehn Hausbesuche zusätzlich machen, um die Abgewanderten zu ersetzen?

Ob in Sachsen, ob in Thüringen - in allen Ostländern klagen Ärzte, dass sie ihre Praxen nicht mehr weitergeben können, dass sie früher verhandeln konnten, wie viel Ablöse der Nachfolger zahlt, heute nur noch darüber, wo man am besten die Praxisausrüstung entsorgt.

Schon jetzt sind Mediziner im Osten knapp: Dort betreut ein niedergelassener Arzt durchschnittlich 742 gesetzlich Versicherte, sein Kollege im Westen nur 643, so eine Studie des Kölner Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung. Das bekommen die Patienten zu spüren: Doktor und Praxispersonal haben in Westdeutschland pro Jahr 11,2 Stunden Zeit für einen Versicherten, im Osten sind es nur 9,3 Stunden - und das obwohl die Ostärzte im Schnitt ein Sechstel länger arbeiten als ihre Kollegen.

In wenigen Jahren werde sich der Mangel auf Grund der Überalterung der Ärzte zum »Riesenproblem« auswachsen, prophezeit Wolfgang Eckert, Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Mecklenburg-Vorpommern.

Die Leidtragenden des Mangels - Sabine Kasper hat sie heute schon vor Augen: ihre Patienten. Oft geht es für die Ärztin über Feldwege zu ärmlichen Hütten, zu alten und schwerst kranken Menschen: Da ist der gelähmte Schlaganfallpatient, ein 73jährige Diabetiker, der nach einer Lungen-

entzündung ohne Lebensmut aus dem Krankenhaus entlassen worden ist. Oder die lungen- und herzkranke Frau, die trotz ihres Sauerstoffgeräts nach drei Schritten blau anläuft. »Wenn sie weggeht, dann sind wir auch nicht mehr«, klagt die Greisin.

Zur Gebrechlichkeit der Patienten kommt, Hauptproblem im Osten, die Gebrechlichkeit der Doktoren: Die ostdeutsche Hausärzteschaft vergreist. Im Bundesdurchschnitt sind nur 9 Prozent aller Allgemeinärzte 60 Jahre und älter, in Mecklenburg-Vorpommern aber sind es 23, in Thüringen gar 28 Prozent. In beiden Ländern sind fast die Hälfte der Hausärzte 55 Jahre und älter.

Nach den Statistiken der Kassenärztlichen Vereinigungen werden in den nächsten zehn Jahren fast die Hälfte aller Hausärzte in den Ruhestand gehen. In Mecklenburg-Vorpommern fehlen nach Aussagen des KV-Chefs Eckert schon in den nächsten fünf Jahren 270 Hausärzte, aber im Land würden in dieser Zeit nicht einmal halb so viele mit ihrer Ausbildung fertig.

Und der Nachwuchs steht für den Job nicht gerade Schlange. Zwar ist der durchschnittliche Monatsverdienst eines Hausarztes etwa in Brandenburg mit 4250 Mark netto kein Hungerlohn, aber vielen offensichtlich nicht gut genug für 14-Stunden-Tage, nervige Nachtdienste und die Behandlung von alten, chronisch kranken Patienten. Von denen gibt es im Osten erheblich mehr, etwa Herz-Kreislaufkranke. Für deren Behandlung steht dem Doktor in den neuen Bundesländern aber 23 Prozent weniger Geld zur Verfügung als dem Kollegen im Westen: In die Kassen im Osten wird weniger eingezahlt, der Etat muss aber für mehr Kranke reichen.

Weil auch im Westen Arztpraxen in der Provinz leer stehen, müssten »die Leute von dort ja behämmert sein, hierher zu kommen«, sagt Christa Fichtmüller, 63, die in Passow in der Uckermark eine gut gehende Landarztpraxis betreibt. Auch sie hat bislang keinen Nachfolger gefunden, da halfen alle Zeitungsannoncen nichts. In ganz Deutschland sinken die Zahlen arbeitsloser Ärzte seit drei Jahren: Im vergangenen Jahr waren gerade mal 7300 ohne Job, dass sind 2,5 Prozent aller berufstätigen Mediziner.

Die KV Brandenburg warnt, dass es in fünf Jahren in einigen Gegenden nur noch einen Doktor im Umkreis von 30 Kilometern geben werde - »zu Lasten der Qualität der ambulanten Medizin«, so Sprecher Ralf Herre.

In Garz auf Rügen hat Hausärztin Erika Kühne nur auf ungewöhnliche Weise doch noch eine Nachfolgerin gefunden. Nach langer Suche überzeugte sie die 42jährige Anästhesistin Carola Burwitz, die bislang in einer Klinik arbeitete. Bei ihr übernimmt Kühne nun selbst die Fortbildung. Das sei zwar ein Verlustgeschäft, aber Kühne ist froh, überhaupt eine Nachfolgerin aufgetan zu haben: »Für die Leute sind wir doch Arzt, Pastor, Lehrer und Jurist in einem.«

So sehen sich die meisten aufstrebenden Jungmediziner freilich nicht. Verächtlich blicken sie auf den »Wiesendoktor« herab, der »fachlich weniger drauf hat«, wie ein junger Rostocker in der Facharztweiterbildung sagt.

Manchmal ist auch die Realität zu abschreckend. Die Greifswalderin Susanne Zimprich würde nie ihrem Vater folgen und Hausärztin werden. Was dagegen spricht: »Unheimlich hohe Patientenzahlen, kaum Freizeit, viel Bürokratie und am Ende noch Regressforderungen.« Die 26-Jährige will lieber Arbeitsmedizinerin für Großbetriebe werden. »Da läuft es nicht über die Kassen, sondern ich schreibe eine richtige Privatrechnung.«

Wer sich trotz der Beschwerlichkeiten für eine Laufbahn als Hausarzt und Einzelkämpfer entscheidet, kommt sich oft wie ein Außenseiter vor: »Ich kenne aus meinem Studium bis jetzt niemanden außer mir, der Allgemeinmediziner werden will«, sagt Maik Huneke aus Greifswald. Seine Kommilitonen hielten ihn für »verrückt«, dass er sich »für eine schlechte Stellung so abrackern will«. Tatsächlich: Als die KV im Juni den Medizinstudenten an der Universität Rostock etwas von den »Chancen als Hausarzt« erzählen wollte, kamen gerade mal 2 Studenten - von 1100.

Schwierig wird es auch bei der Facharztweiterbildung: Weil Allgemeinärzte Stationen in der Chirurgie und in der Inneren Medizin durchlaufen müssen, die Kliniken aber lieber angehende Spezialisten nehmen, »müsste man quasi verschweigen, dass man eigentlich Allgemeinmediziner werden will, um überhaupt eine Stelle zu bekommen«, erklärt Huneke.

Die Standesvereinigungen und Kassen wollen jetzt den Beruf attraktiver machen, um noch Nachwuchs fürs Dorf zu finden. Die KV Mecklenburg-Vorpommern zahlt neuerdings Studenten, die ein Praktikum beim Hausarzt absolvieren, 1000 Mark Handgeld. Die KV in Sachsen-Anhalt honoriert weite Fahrten zu Hausbesuchen mit sieben Mark mehr und hat die Pauschale für den ärztlichen Notfalldienst in strukturschwachen Gebieten erhöht. Seit zwei Jahren zahlen Kassen und KV Zuschüsse von bis zu 4000 Mark für Weiterbildungsstellen in der Allgemeinmedizin. Und Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) wird nicht müde, die wichtige Rolle des Hausarztes im Gesundheitssystem zu betonen.

Allerdings: Dass sich dadurch wirklich etwas ändert, glauben die wenigsten. An den Kliniken wird deshalb schon an unkonventionelle Modelle gedacht: »In ein paar Jahren haben wir einen riesengroßen Bedarf an Internisten und besonders an Allgemeinärzten, der gar nicht zu decken ist«, sagt Professor Hans-Egbert Schröder, Direktor der Klinik für Innere Medizin am Dresdner Universitätskrankenhaus. »Dann müssen wir die Green Card für Hausärzte ausgeben.« CORDULA MEYER

* Streik gegen Arzneimittelbudgets und für Angleichung derOsthonorare ans Westniveau in Berlin am 28. März.

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