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NAHER OSTEN / BURGUIBA Verrückter Judas

aus DER SPIEGEL 19/1965

Tunesiens Präsident Habib ("Der Liebling") Burguiba, 61, nahm feierlich den goldenen Schlüssel der arabischen Altstadt von Jerusalem entgegen. Dann verkündete er in der geteilten Stadt aus arabischem Mund noch nie Gehörtes: Die Araber sollten Frieden mit den Israelis machen.

- Die Drohung, die Juden ins Meer zu werfen, sei leeres Gerede, da die Großmächte einen neuen Palästinakrieg sofort beenden würden.

- Die arabischen Länder sollten die 70 Prozent ihrer Staatsausgaben, die sie für Rüstung ausgeben, besser für die Hebung des Lebensstandards ihrer Völker aufwenden.

- Juden und Araber gehörten einer Rasse an und könnten ohne weiteres friedlich zusammenleben - etwa auf der Grundlage des Palästina-Teilungsplanes der Uno von 1947, der Israels heutiges Territorium um ein Drittel verkleinern würde.

Burguibas Erklärungen glichen stellenweise bis aufs Wort revolutionären Palästina-Thesen, die direkt aus Israel stammen. Ein Freund und langjähriger Berater Burguibas, der Herausgeber der tunesischen Zeitschrift »Jeune Afrique«, Beschir Ben Jahmed, hatte auf Einladung des Bürgermeisters La Pira von Florenz in der toskanischen Hauptstadt den Israeli Uri Avneri, Herausgeber der Zeitschrift »Haolam Hazeh«, getroffen.

Avneri, Führer der aus nichtzionistischen Juden gebildeten »Semitischen Aktion«, trug dem Araber seine Gedanken über eine Palästina-Lösung vor: Schaffung einer semitischen Föderation.

Ben Jahmed belehrte anschließend seine Leser: »Israel ist eine Tatsache, die militärisch nicht aus der Welt geschafft werden kann.«

Als Burguiba diese Lehre übernahm und wenige Tage nach einem Besuch bei Ägyptens Staatschef Nasser in Jerusalem öffentlich zum besten gab, wurde er zum »Defätisten« (Iraks Präsident Arif), »Spalter der arabischen Einheit« (Kairos Regierungsorgan »Al Ahram"), »zionistischen Verräter« ("Al Baath«, Damaskus), »Judas, der seine Nation an den Feind verkauft« ("Al Moharrer«, Beirut) und »total Verrückten« ("Al Akhbar«, Kairo) erklärt.

Die ägyptische Regierung drohte, sie werde nicht an der nächsten arabischen Gipfelkonferenz teilnehmen, falls Burguiba dort erscheine. Die Stadtväter Alt -Jerusalems verlangten ihren goldenen Schlüssel zurück.

Mitte vergangener Woche zog in den arabischen Hauptstädten der Mob vor die Botschaften Tunesiens, um sie - wie zwei Monate zuvor die diplomatischen Vertretungen der Bundesrepublik - zu demolieren und auszuräuchern. Tunesien beorderte seine Botschafter aus Ägypten, Syrien und dem Irak zurück, die betroffenen Staaten beriefen ihre Vertreter aus Tunis ab.

Habib Burguiba ist dennoch sicher, daß es mindestens zu Gesprächen über eine friedliche Lösung des Palästina-Problems kommen wird. Denn vier der dreizehn arabischen Staaten - Marokko, Libyen, Saudiarabien und Jordanien - stehen als vorläufig stille Partner auf seiner Seite. Der Präsident nannte bereits mögliche Orte einer Palästina-Konferenz: Rom oder Paris.

Kairo-Besucher Burguiba (r.), Gastgeber: Wessen Plan lehren?

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