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SPANIEN / ARBEITER Verrücktes Abenteuer

aus DER SPIEGEL 52/1968

In Sevilla mieteten zwei Arbeiter ein Freilicht-Kino für eine Doppelhochzeit. Sie luden besonders viele Kollegen ein, das junge Glück zu feiern. Gäste und Gastgeber waren Mitglieder der illegalen »Arbeiterkommission« einer Automobilfabrik. Sie nutzten das Familienfest für eine verbotene Betriebsversammlung.

Die spanischen Arbeiterkommissionen sind laut eigener Aussage die »Opposition aller Arbeiter gegen eine Pseudo-Gewerkschaft, die uns nicht dient«. Diese obligatorische, staatliche Einheitsgewerkschaft zwingt Arbeitgeber und Arbeitnehmer zusammen, ihre Führer werden vom Generalissimus ernannt, den Arbeitskampf kennen sie nicht.

Die illegalen Arbeiterkommissionen aber sind die mächtigsten Gegner des Regimes auf der unruhigen innenpolitischen Szene des Franco-Staates. Sie sind mächtiger als die baskischen Priester, die ein Sit-in für die Entflechtung von Staat und Kirche veranstalteten, mächtiger als die unzufriedenen Falangisten, die aus der Staatspartei ausscherten (SPIEGEL 48/1968), als die rebellischen Studenten, die Steine auf Polizisten warfen und Brände in der Universität legten.

Ende November traten in Oviedo über 15 000 Bergarbeiter in einen zweitägigen Streik. Sie protestierten gegen die Unsicherheit unter Tage. Bei einem Stolleneinbruch in der Grube Maria Luisa der asturischen Bergwerksgesellschaft Hunosa waren drei Kumpel ums Leben gekommen.

Zur gleichen Zeit wurden in Valencia 36 angebliche Kommunisten verhaftet. Sie sollen die Arbeiterkommissionen in der Hafenstadt und den umliegenden Ortschaften geleitet haben. In Santander setzte die Polizei mehr als 40 Mitglieder von Arbeiterkommissionen wegen »Banditentum« und »Terrorismus« fest. Unter den Verhafteten waren auch einige Führer der offiziellen katholischen Arbeiterbruderschaften HOAC.

Wenig später nahmen Polizisten in Sevilla 17 Arbeiter fest, die vor der Weberei »Andaluces S. A. Hytasa« demonstriert hatten. Sieben der Verhafteten wurden am nächsten Morgen wieder freigelassen, die übrigen zehn ins Provinzgefängnis eingeliefert.

Fast täglich fällen die spanischen »Gerichte für öffentliche Ordnung"* harte Urteile gegen Mitglieder der illegalen Gewerkschaften. Die Angeklagten müssen meist Monate hinter Gittern auf ihre Verhandlung warten.

Anführer, die angeblich der verbotenen Kommunistischen Partei angehören, werden oft zu mehr als zehn Jahren Gefängnis verurteilt. So Napo-

* Zivile Sondergerichte für »Vergehen gegen die Staatssicherheit«, wie zum Beispiel Demonstrationen, illegale Zusammenkünfte und Propaganda.

León Olasolo, der wegen »gewalttätiger, subversiver, illegaler Versammlung und Rädelsführerei« angeklagt war, aber rechtzeitig ins Ausland fliehen konnte. Zwölf Jahre und ein Tag Haft, außerdem noch zwei Jahre und rund 1200 Mark Geldstrafe für »illegale Propaganda« erwarten ihn.

Selbst wer nur Handlangerdienste für die Illegalen leistet, hat mit Monaten oder Jahren Haft zu rechnen, wenn er der »Brigada Social«, Francos politischer Polizei, in die Hände fällt. Der Barcelonese Ignacio-Tomás Ubierna Dominguez hatte Pamphlete für eine Arbeiterkommission abgetippt und vervielfältigt. Urteil: Zwei Jahre Freiheitsentzug und fast 600 Mark Geldstrafe.

Francos Polizisten haben viel zu tun. Denn Arbeiterkommissionen gibt es heute in fast jeder Fabrik, in jeder größeren Werkstatt, jedem großen Betrieb. Die illegale sozialistische Partei Spaniens (Partido Socialista del Interior) hält sie für das »wichtigste Kampfinstrument, das die Arbeiterklasse hat.«

Der Lebensstandard der spanischen Arbeiter ist zwar in den letzten Jahren gestiegen, liegt aber immer noch weit unter dem der Arbeiter in vielen anderen europäischen Ländern: Der gesetzlich festgelegte Mindestlohn beträgt pro Tag 102 Peseten -- 5,83 Mark. Der Generalsekretär der Staatsgewerkschaften bezeichnet das Streikrecht nach wie vor als »Luxus«, den Spanien sich nicht erlauben könne.

Die Arbeiterkommissionen entstanden Anfang der sechziger Jahre. Zehntausende von Arbeitern emigrierten damals nach Frankreich, Deutschland und in die Schweiz. Den Daheimgebliebenen schien die eigene Misere um so drückender. Sie muckten auf gegen die staatlichen Einheitsgewerkschaften, die im Staatsinteresse stets stillhielten.

In einzelnen Betrieben taten sich Arbeiter zu kleinen Gruppen zusammen, um ihre Interessen zu verfechten. Der Metallarbeiter Marcelino Camacho, 50, organisierte 1964 die erste größere Kommission in Madrid.

Zunächst durften die Camacho-Leute im »Centro Manuel Mateos« tagen -- dem Vereinshaus der falangistischen Staatspartei. Doch als die Opposition der Werktätigen sich über das ganze Land ausbreitete, mußte sie in den Untergrund gehen,

Seit dieser Zeit verhandeln die Agitatoren, von schmierestehenden Kollegen geschützt, während der Frühstückspause in Fabrikhallen, treffen sie sich in Wohnküchen und diskutieren sie in Gemeindesälen, die sympathisierende Priester ihnen zur Verfügung stellen.

Bei den Pflichtwahlen für die Staatsgewerkschaften schreiben die Arbeiter nicht mehr »Sophia Loren« auf die Stimmzettel, wie sie es früher aus Protest taten, sondern wählen Mitglieder der Kommissionen. Besonders mächtig sind die Kommissionen der Metall-, Transport- und Bauarbeiter, im Agrarland Andalusien auch die der Landarbeiter.

Im Januar letzten Jahres, bei der größten Madrider Arbeiter-Kundgebung seit dem Bürgerkrieg, nahm die Polizei Marcelino Camacho fest. Bis vor wenigen Wochen saß er, ohne rechtskräftiges Urteil, im Madrider Gefängnis Carabanchel. In den Besuchsstunden pflegte er Kontakte mit den Kameraden von der Arbeiterfront -- jetzt schickten ihn die spanischen Behörden in die Provinz, nach Soria.

Im Oktober 1967 wurde bekannt, daß die Arbeiterkommissionen für den 50. Jahrestag der Russischen Revolution große Protest-Kundgebungen planten. Franco ließ vorsorglich Hunderte von Arbeiterführern einsperren.

In öffentlichen Erklärungen warnte die Regierung, sie werde »mit aller Energie« durchgreifen. Denn kommunistische Organisationen des Auslands hätten ihre Hand im Spiel. Die Zivilregierung der Provinz Biskaya beschwor die Arbeiter, von »diesem verrückten Abenteuer« abzulassen.

Die führerlosen Arbeiterkommissionen demonstrierten trotzdem. Sie sind so dezentralisiert aufgebaut, daß sie auch ohne Führungsstab arbeiten können: Die meisten haben, wie eine im November aufgeflogene Gruppe in Bilbao, Basis-Teams, Koordinations-Kommissionen und Studiengruppen.

Schon die ersten Geheim-Gewerkschaften wurden von linken Klerikern begrüßt. Junge Arbeiterpriester nahmen Kontakte mit den kommunistisch orientierten Kommissionen der ersten Stunde auf. Seit den Verhaftungswellen des letzten Jahres tippen selbst Patres in Priesterseminaren heimlich Flugblätter, auf denen Gewerkschaftsfreiheit, höherer Lohn, Streikrecht und die Beendigung des spanischen Kapitalismus gefordert werden.

Immer häufiger organisieren Arbeiterpriester in trostlosen Industrievororten illegale Versammlungen. Heute ist der Einfluß von Christen und Marxisten in den Arbeiterkommissionen fast gleich stark. »Der Unterschied besteht nicht mehr zwischen Gläubigen und Ungläubigen«, so ein inzwischen verhafteter Madrider Priester, der als Taxichauffeur gearbeitet hat, »sondern zwischen Ausgebeuteten und Ausbeutern.«

Nach langem Abwarten nahm auch der hohe Klerus für die Ausgebeuteten Partei. Auf einem Kongreß in Tarragona hatten spanische Staatsgewerkschaftler Empfehlungen für ein neues Syndikatsgesetz ausgearbeitet. Den spanischen Kirchenoberen waren sie nicht fortschrittlich genug. Auf ihrer Bischofskonferenz forderten sie Gewerkschaftsfreiheit und Streikrecht für die spanischen Arbeiter.

Und der Bischof von Cádiz-Ceuta, Antonio Añoveros Ataun, beschrieb in einem Hirtenbrief den Fall dreier Arbeiter, die seit mehr als zwei Jahren täglich zwölf Stunden lang für zehn Mark arbeiten. »Eine Gesellschaft, die unbekümmert mit solchen Realitäten lebt«, fragte der Bischof, »kann man die christlich nennen?«

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