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LUFTVERKEHR Verschärfte Nachschau

Weil Staatsschützer mit palästinensischen Terroranschlägen rechnen, herrscht auf den deutschen Flughäfen höchste Alarmstufe. Nicht alle Vorkehrungen erhöhen die Sicherheit.
aus DER SPIEGEL 29/1989

Dem Computerexperten Jochen Pfeiffer, 22, aus dem hessischen Hofheim widerfuhr ein ganz seltenes Glück: Er fand, direkt vor der Abfertigungshalle des Frankfurter Flughafens, einen Parkplatz, der noch dazu legal war.

Pfeiffer ließ seinen Freund aussteigen, verschloß den weißen Opel, und die beiden gingen bummeln - getreu der Yuppie-Devise »Wir kaufen uns 'nen Liter Milch bei Harrod's auf dem Airport.«

Daraus wurde nichts. Kaum hatten die Freunde die Halle betreten, sahen sie sich von Unbekannten umringt. »Die packten uns am Nacken«, so Pfeiffer, »und drückten uns gegen die Wand.« Als am Ende zwei Paar Handschellen einrasteten, begriffen die beiden, daß sie soeben von Polizisten in Zivil festgenommen worden waren.

Die Freunde waren schnell wieder auf freiem Fuß, weil sich ihre Festnahme als Irrtum herausstellte - der Opel war fälschlich als gestohlen gemeldet. Doch die Blitzaktion der Polizei am ersten Juli-Wochenende läßt das Ausmaß des Überwachungsnetzes erkennen, das derzeit über Westdeutschlands Flughäfen gespannt ist.

Noch nie waren die Sicherheitsvorkehrungen für den Luftverkehr, sichtbare wie unsichtbare, so umfangreich wie in diesem Sommer. Und noch nie sprachen die Behörden so offen über die »Gefahr von Anschlägen« (bayrisches Ministerium für Wirtschaft und Verkehr) und möglicherweise bevorstehende »terroristische Aktionen« (Frankfurter Polizei) auf Flughäfen.

Je nach dem »Bedrohungsgrad«, den ein Expertengremium des Bundesinnenministers auf der Basis von Polizei- und Geheimdienstinformationen festlegt, schreibt ein verbindlicher »Rahmenplan« den Länderbehörden das Ausmaß der Kontrollen vor. Der Katalog wurde für diesen Sommer nachhaltig erweitert.

Beamte errichteten erstmals, während der bislang höchsten Alarmstufe Ende letzten Monats, Straßensperren auf den Zufahrten zu Flughäfen, ließen sich schon dort Pässe zeigen und durchsuchten Kofferräume. Anders als früher bitten Zivilbeamte nun auch innerhalb der Terminals zu überraschenden Gepäck- und Paßkontrollen, von denen selbst Flughafenbedienstete und Angestellte der Airlines nicht mehr verschont bleiben.

Neu im Rahmenplan ist auch, daß seit Mitte Mai elektronische Geräte, Radios, Kassettenrecorder oder tragbare Personalcomputer, sogenannte Laptops, nicht mehr als Handgepäck mit in die Kabine genommen werden dürfen. Sie müssen nach einer Weisung des Bundesinnenministers als Gepäck im Frachtraum transportiert werden, wenn ihre »Ungefährlichkeit nicht oder nur mit unverhältnismäßigem Aufwand festgestellt werden kann«.

Hinter der rigorosen Haltung steckt die Angst vor einer Bombe jenes Typs, der am 21. Dezember vergangenen Jahres über der schottischen Ortschaft Lockerbie in einem Jumbo-Jet der amerikanischen Pan Am explodierte und 270 Menschen das Leben kostete. Der Lockerbie-Sprengsatz war in einem Radiorecorder versteckt.

Zwei mutmaßliche Terroristen von der »Volksfront zur Befreiung Palästinas - Generalkommando« (PFLP-GC), bei denen die Polizei bereits im vergangenen Oktober einen Radiosprengsatz vom Typ Lockerbie gefunden hatte, sitzen in der Bundesrepublik weiterhin in Untersuchungshaft. Noch ist ihnen der Anschlag nicht offiziell zugeschrieben worden, doch die Baugleichheit der vom Bundeskriminalamt entschärften Bombe mit dem Lockerbie-Sprengsatz deutet auf ihre Täterschaft hin.

Seit die beiden Palästinenser in westdeutscher U-Haft sitzen, hat die Zahl der »ernst zu nehmenden Drohungen« gegen den Luftverkehr »signifikant zugenommen«, sagt Thomas Pier vom hessischen Ministerium für Wirtschaft und Technik, das für die Sicherheit auf Rhein-Main zuständig ist. Und die Frankfurter Polizei läßt keinen Zweifel daran, daß sie von »dieser palästinensischen Organisation« einen Versuch zur Freipressung der Häftlinge erwartet.

So soll die Bevölkerung, wie die Polizei rät, auf »mögliche Tatvorbereitungen« achten und »ungewöhnliche Verhaltensweisen« melden. Die Frankfurter Ordnungshüter weisen ausdrücklich darauf hin, daß es sich bei den Tätern auch um Personen handeln könne, »die sich schon länger hier aufhalten«.

Einem erweiterten Textvorschlag des hessischen Innenministers Gottfried Milde (CDU), der in die öffentlichen Aufrufe ausdrücklich das »verdächtige Verhalten arabisch aussehender Personen« einbezogen sehen wollte, mochte der Bundesinnenminister nicht folgen.

Die Großaktionen der Polizei sind eher zur Beruhigung des Publikums als zum Aufspüren möglicher Attentäter und ihrer Bomben geeignet. Bei modernen Sprengstoffen wie der Tschechen-Marke »Semtex«, die beim Lockerbie-Anschlag verwendet wurde, genügen einige hundert Gramm, um einen Jet vom Himmel zu holen. Die Sprengmasse läßt sich in Form und Farbe derart tarnen, daß selbst Experten für ihre Entdeckung Tage brauchen.

Abhilfe könnte womöglich eine neue Generation von Kontrollgeräten bringen, die in der Lage ist, derlei Sprengstoff im Fluggepäck zu ermitteln. »Thermal Neutron Activation« (TNA) nennt der US-Hersteller das System, das derzeit, mit unterschiedlichem Erfolg, auf zwei amerikanischen Airports getestet wird.

Die westdeutschen Flughäfen wären sofort bereit, TNA-Detektoren zu installieren, trotz des hohen Stückpreises von rund einer Million Dollar. Doch die Fachleute des Bundesinnenministeriums sind von der Wirksamkeit des Sprengstoff-Schnüfflers nicht endgültig überzeugt.

Westdeutschlands Airports rüsten erst einmal ihre Röntgengeräte für die Gepäckkontrolle um. Statt der alten Schwarzweiß-Bildschirme werden allenthalben farbtüchtige Anlagen eingebaut. Vierfarbig, sagt ein Düsseldorfer Kontrolleur, sei zwar »auch nicht mehr zu erkennen« als auf den bisherigen Schirmen, aber, so der altgediente Angestellte: »Wir wollen uns doch nichts vorwerfen lassen, wenn mal was passiert.«

Einer ähnlichen Einstellung entspringt offenbar auch manche Ungereimtheit, die den neuen Sicherheitsvorkehrungen anhaftet.

So ist nicht recht verständlich, warum elektronische Geräte wie Computer und Recorder aus dem Handgepäck der Flugreisenden verbannt und »aus Sicherheitsgründen« (Bundesinnenministerium) in den Frachtraum verladen werden. Das Handgepäck nämlich wird weitaus intensiver kontrolliert als die Koffer, deren »Röntgen-Quote« nach Auskunft des hessischen Wirtschaftsministeriums schon aus Mengengründen »nicht sonderlich hoch« ist.

Der Sprecher des Bundesinnenministeriums, Willi Hausmann, mußte denn auch eine ganze Weile im eigenen Haus fahnden, bis er eine förmliche Begründung für die Weisung fand: Das Elektronik-Gut müsse ins Frachtabteil, damit ein möglicher Sprengsatz nicht während des Fluges scharf gemacht werden könne, mithin »keine Möglichkeit zu Drohungen oder Erpressung« bestehe.

Daß damit die Gefahr einer unentdeckten Bombe im Flugzeug eher steigt als sinkt, fiel dem Sprecher am Ende auch auf, weshalb er die Begründung schließlich selber »nicht so ganz überzeugend« fand.

Andere Ministeriale aus dem Innenamt sehen einen völlig anderen Grund für die Elektronik-Weisung. Sie erinnern an den »Alltagsinstinkt« jedes Profipolitikers, der darauf bedacht sein müsse, »nie für Unabwendbares die Verantwortung zu tragen«, und ziehen eine Verbindung zu Ereignissen von Anfang Mai.

Damals gab es »spezielle Drohungen« gegen die Lufthansa, wie die Fluglinie bestätigt. Das Bonner Innenministerium ordnete unter anderem eine drastische Verschärfung der Handgepäck-Kontrollen bei Lufthansa-Passagieren an.

Der Griff in Aktenordner und Handtaschen ist, so die Arbeitsteilung auf den meisten deutschen Flughäfen, Aufgabe der Behörden. Sie tragen mithin die Verantwortung, wenn Gefährliches übersehen wird.

Als die angeordnete »verschärfte Nachschau« im Handgepäck der Lufthansa-Reisenden angelaufen und die Hälfte der Passagiere davon betroffen war, klagte die Lufthansa, kontrollbedingte »Verspätungen« und »Probleme im Betriebsablauf« seien die Folge. Daraufhin kam, am 10. Mai, aus Bonn die Elektronik-Weisung, die derlei Geräte seitdem ins Gepäck verbannt.

Für Fehler bei der Gepäckkontrolle aber, auch das gehört zur Arbeitsteilung, tragen nicht die Behörden die Verantwortung, sondern die Fluglinien selber.

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