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»VERSCHWÖRUNG AM WENDEKREIS DES STEINBOCKS«

Seit Kriegsende ist ungewiß, ob Martin Bormann, Reichsleiter der NSDAP und Sekretär Adolf Hitlers, in der Schlußphase des Kampfes um Berlin in der Invalidenstraße umgekommen ist oder aus der alten Reichshauptstadt flüchten und irgendwo untertauchen konnte. Der ehemalige Reichsjugendführer Axmann will am 2. Mai 1945 Bormanns Leiche gesehen haben, der NS-Verfolger Simon Wiesenthal wähnte Bormann noch im März 1968 als »Vizekönig des Nationalsozialismus« in Brasilien. Auf einen Tip des pensionierten Briefträgers Albert Krumnow hin, der Bormann 1945 in Berlin bestattet haben will, hoben Polizisten im Juli 1965 auf dem Gelände Invalidenstraße 63/68 die Erde aus. Aber es wurden nicht einmal Knochenteile gefunden. 23 Jahre suchten Agenten, Staatsanwälte und Reporter nach schlüssigen Beweisen für Tod oder Überleben Bormanns -- ohne sie zu finden. Der Amerikaner James McGovern, der einst für den US-Geheimdienst CIA in Berlin tätig war, bereichert die Bormann-Forschung in seinem jetzt veröffentlichten Buch »Martin Bormann« um die Version, die Sowjets hätten Bormanns Leiche 1945 gefunden, identifiziert und an einem unbekannten Ort vergraben. Mehr Aufschluß gibt McGoverns Bericht -- erschienen im Verlag Arthur Barker, London -- über die Fahndungs-Praktiken der CIA.
aus DER SPIEGEL 43/1968

Im Januar 1953 erwirkte der damalige Chef der CIA in Berlin -- er sei hier Dr. John Broderick genannt -- die Zustimmung seiner Vorgesetzten, Nachforschungen über den Verbleib von Martin Bormann anzustellen. Ich war damals Sachbearbeiter bei CIA-Berlin und hatte mich um die im Rahmen dieser Untersuchung anfallende Tagesarbeit zu kümmern.

Zunächst wurden der Psychiater der Berliner CIA und deren wichtigster »Drehbuchautor« eingewiesen. Der Psychiater sollte Bormanns Wesen und Werdegang analysieren und ein Psychogramm anfertigen. Diese Studie war als Rohmaterial für den »Drehbuchautor« gedacht, der alle ermittelten Tatsachen über die letzten Tage Bormanns in Berlin sammeln, mit dem Psychogramm verarbeiten und schließlich darstellen sollte, was Bormann bei Kriegsende logischerweise hätte widerfahren können.

Das war eine moderne und ausgeklügelte Methode, um die Kombinationen der CIA-Sachbearbeiter zu beflügeln, die sich möglicherweise verrannt hätten oder durch konventionelle Denkweise und durch die schiere Masse von Informationen »gehemmt« worden wären.

Dann wurden die CIA-Büros in Lateinamerika, den arabischen Staaten und Europa beauftragt, die Verläßlichkeit der zahlreichen Berichte über Bormanns Auftauchen zu prüfen und selber zu untersuchen, ob sich Bormann in einem jener Gebiete aufhielt.

Da Bormann in Berlin gewesen war, als die Rote Armee einmarschierte, wandte ich mich zunächst an eine Organisation, die sich zu offiziellen sowjetischen Kreisen Zugang verschaffen und herausfinden könnte, was im Mai 1945 in Berlin wirklich geschehen war: die »Süddeutsche Industrieentwicklungs-Organisation«. Hinter diesem Decknamen verbarg sich ein von Reinhard Gehlen geführter Nachrichtendienst, der in Pullach, südlich von München, residierte und von der CIA finanziert wurde.

Ich bat die Organisation Gehlen, alle Informationen darüber auszuwerten, was dem Reichsleiter nach dem Verlassen der Reichskanzlei am 1. 5. 1945 zugestoßen war. Die Organisation Gehlen berichtete, Bormann befinde

© 1968 by James McGovern by arrangement with Paul R. Reynolds, Inc., New York, N. Y.

sich weder in Ostdeutschland noch in der Sowjet-Union; sie konnte also keinen Aufschluß über Bormanns Geschick nach dem Verlassen der Reichskanzlei geben. Doch lieferte Gehlen eine besondere Nachricht: Russische Soldaten hatten im Mai 1945 Bormanns Tagebuch gefunden und es nach Moskau geschickt. Die beiden letzten Eintragungen lauteten: »30. April, Adolf Hitler y, Eva B. Y, 1. Mai. Ausbruchsversuch.«

Anfang Juni 1953 war mein Bericht für Dr. Broderick fertig. Darin waren unter anderem die Ermittlungen der CIA-Büros in Lateinamerika, den arabischen Staaten und Europa zusammengefaßt. Keines dieser Büros hatte Bormann ausfindig machen können. Alle bezweifelten die Glaubwürdigkeit derjenigen, die behaupteten, sie hätten Bormann nach dem Kriege gesehen.

Der Haupt-»Drehbuchautor« für die Berliner CIA-Zentrale bot vier Darstellungen als Anregung zum Nachdenken. In seiner ersten Version wurde unterstellt, Bormann sei ein Agent gewesen. Da er immer ein Opportunist gewesen war, stellte er sich dem sowjetischen Nachrichtendienst zur Verfügung, als es klar wurde, daß die Sache des Nationalsozialismus verloren war. Er übermittelte den Sowjets Informationen über die Absichten des Führers und die Strategie des Oberkommandos der Wehrmacht und stellte dadurch den Sieg der Russen sicher.

Als Belohnung für diese Dienste ermöglichten ihm die Russen nach der Besetzung Berlins, zur Invaliden-Brücke zu flüchten und sich dort totzustellen. Dann wurde er von einer sowjetischen Patrouille abgeholt und nach Rußland gebracht, wo er als führender Sowjet-Experte für deutsche Fragen ein komfortables Leben führte. Sobaki sich die Gelegenheit böte, würde er nach Deutschland als sowjetischer Kommissar zurückkehren.

Nach der zweiten Version sollte Bormann ein britischer Agent gewesen sein. Da Bormann erkannte, daß Deutschland einen langjährigen Krieg nicht würde gewinnen können, überredete er den exzentrischen Rudolf ließ, nach Schottland zu fliegen. Obwohl die Friedensmission von ließ fehlschlug, konnte er Bormann mit dem britischen Geheimdienst in Kontakt bringen. Während des Krieges blieb Bormann ein britischer Agent.

Wie viele andere hatte sich Bormann in den letzten Tagen des Krieges einen Weg nach Westdeutschland gebahnt. Er ging nach Plön (das später von den Engländern eingenommen wurde) ... Bormann hatte bereits ein Treffen mit britischen Agenten vereinbart, die ihn dann an einen entlegenen Ort in Großbritannien brachten. Er diente dem britischen Geheimdienst und dem Außenministerium als Berater für deutsche Angelegenheiten, insbesondere für Fragen über das Wiederaufleben des Nationalsozialismus. Wenn die feindliche Haltung gegen die Deutschen nachließe, würde man schließlich Bormanns wahre Rolle bekanntgeben und ihm gestatten, nach Deutschland zurückzukehren. Dort würde er als irregeführter Idealist, der dem Führer nur so lange gefolgt sei, bis er den Weg in die Katastrophe erkannt habe, von einer Pension friedlich bis zum Ende seiner Tage leben.

Die dritte Version ging ebenfalls von der Voraussetzung aus, daß diejenigen, die behaupteten, Bormann sei in Berlin getötet worden, einer Verschwörung zu seinem Schutze angehörten. Wie sonst könnten die Widersprüche in ihren Aussagen logisch erklärt werden? Würde Bormann nicht Hitler und Goebbels gefolgt sein und Selbstmord begangen haben, wenn er seine Situation tatsächlich für hoffnungslos gehalten hätte?

Diese Frage läßt sich damit beantworten, daß er seine Situation nicht als hoffnungslos ansah. Er hatte sorgsam einen Fluchtweg geplant. Irgendwo an der Ostseeküste gelangte er auf ein deutsches Unterseeboot und flüchtete darin nach Argentinien. Mit der Unterstützung des faschistischen Diktators Perón und Millionen Mark aus der NS-Parteikasse scharte Bormann dort eine Gruppe von SS-Leuten und Funktionären der NSDAP um sich. Auf einem geheimen und streng bewachten Gelände irgendwo zwischen Tierra del Fuego und dem Wendekreis des Steinbocks, zwischen den Anden und dem Atlantik, leitete Bormann eine weltweite Nazi-Verschwörung mit dem Ziel, ein Viertes Reich mit Bormann als Führer zu gründen.

Keine dieser drei Versionen erschien mir vielversprechend. Sie sollten zwar zum Denken anregen, aber die Anregung mußte auf Tatsachen beruhen. Das vierte Denkspiel dagegen schien mir von gewissem Wert zu sein. Darin wurde der Gedanke entwickelt, daß Bormann keinen richtigen Fluchtplan besessen hatte.

Bormann erreichte den Bahnhof Friedrichstraße. Diejenigen, die glaubten, er sei durch eine Panzer-Explosion getötet worden, unterlagen einem grundlegenden Irrtum. Zusammen mit Axmann, Stumpfegger, Weltzin, Naumann und Schwägermann* geriet er unwissentlich an einen russischen Wachtposten in der Nähe des Lehrter Bahnhofs. Mit Stumpfegger eilte er die Invalidenstraße herunter in östlicher Richtung. Doch die beiden Männer gerieten in schweres russisches Feuer und kehrten zur Invalidenstraßen-Brücke zurück. Jetzt wurden sie ins Kreuzfeuer genommen und konnten nicht mehr entkommen.

* Axmann: Reichsjugedführer; Stumpfegger: SS-Arzt; Weltzin: HJ-Führer; Naumann: Goebbels-Staatssekretär; Schwägermann: Goebbels-Adjutant.

An dieser Stelle schien der Beitrag des Psychiaters von Bedeutung zu sein. Bormann hatte jahrelang in nächster Nähe des Führers gelebt. Ihm verdankte er seine Macht, durch ihn übte er sie aus. Jetzt war Hitler tot, Bormanns Lebenswerk hatte sich als wertlos erwiesen. Psychologisch gesehen, war er völlig aus der Bahn geworfen. Es gab keinen Ausweg.

So schluckten er und Dr. Stumpfegger Gift-Ampullen. Artur Axmann hatte recht: Er sah Bormanns und Stumpfeggers Leiche auf der Eisenbahnbrücke. Eine letzte Ironie des Schicksals wollte es, daß die Russen den Gehilfen des Führers nicht einmal erkannten. Sie hatten ihn mit zahllosen anderen Toten, die in der Nähe gefunden wurden, in einem nicht näher bezeichneten Massengrab bestattet.

Das war natürlich Spekulation. Als ich Dr. Broderick meinen vollständigen Bericht vorlegte, schien er über die Ergebnislosigkeit nicht enttäuscht zu sein. Er hatte kurz zuvor aus höchsten Kreisen der sowjetischen Regierung, deren Mitglieder -- nach dem Tode Stalins -- zum Teil eine Zusammenarbeit mit dem Westen befürworteten, Informationen erhalten Dr. Broderick stimmte der Version zu, daß Bormann sich an der Invaliden-Brücke vergiftet habe. Aber seiner sowjetischen Quelle zufolge, deren Zuverlässigkeit Dr. Broderick nicht in Frage stellte, wurde Bormann von russischen Offizieren identifiziert, sie fanden sein Tagebuch in der Tasche.

Die roten Offiziere ließen die Leiche von Angestellten des Lehrter Postamts begraben. Nachdem sie eine entsprechende Meldung nach Moskau geschickt und dann weitere Instruktionen erhalten hatten, kehrten die russischen Offiziere jedoch zu dem Grab zurück, gruben die Leiche Bormanns aus, brachten sie an einen abgeschiedenen Ort in Ostdeutschland und bestatteten sie erneut in einem nicht näher gekennzeichneten Grab.

Wenn das auch sinnlos schien, so verbarg sich dahinter doch eine gerissene Logik. Stalin hatte im Zusammenhang mit Hitlers Tod Schwierigkeiten heraufbeschworen. Er wollte vor seinen Verbündeten nicht eingestehen, daß ein russischer Suchtrupp die Leiche des Führers gefunden und identifiziert hatte.

Was nun Bormann anbelangte, so wollte Stalin den allgemeinen Eindruck erwecken, daß der Gehilfe des Führers noch am Leben sei. Dieser Umstand konnte als Handhabe gegen den Westen ausgespielt werden. Solange man glauben konnte, daß ein führender Nazi noch in einem westlichen Land lebe, konnte dem Westen vorgeworfen werden, eine Wiedergeburt des Nationalismus zu dulden.

Nach Angaben Dr. Brodericks hatte die CIA keineswegs die Absicht, diese Geschichte über den Tod Bormanns publik zu machen, und zwar aus drei Gründen.

Erstens: Nach dem Tode Stalins wollte die amerikanische Regierung nichts unternehmen, was die Sowjets in Verlegenheit hätte bringen können. Im Zeitalter eines möglichen Atomkriegs sollte vielmehr nach gewissen Wegen der Zusammenarbeit mit den neuen Herrschern im Kreml gesucht werden.

Zweitens: Es wäre peinlich, wenn bekanntgeworden wäre, daß das Internationale Militär-Tribunal in Nürnberg 1946 über einen Toten zu Gericht gesessen hatte.

Drittens: Stalins kuriose Idee war gar nicht so schlecht. Man sollte den Verdacht, der zweitmächtigste Nazi-Führer sei noch am Leben, ruhig als eine Mahnung aufrechterhalten, die Greuel des Dritten Reichs nicht zu vergessen.

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