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Versteh den Stoiber

aus DER SPIEGEL 5/2002

Sepp Herbergers Wahrheit gilt immer noch: Nach dem Clash of Civilizations ist vor dem Clash of Civilizations. Nach dem vorläufigen Sieg der »Koalition gegen den Terror« in Afghanistan beginnt der Kampf der Kulturen im Herzen Deutschlands: Stoiber gegen Schröder, Weißbier gegen Lüttje Lage, »Genau so!« gegen »Ich sach ma ...«. Wie stets tobt die Schlacht in der Medienarena, und wieder einmal entscheidet die Frauenfrage über Sieg oder Untergang. Schon ein flüchtiger Blick zeigt: Schröder flirtet gern mit weiblichem Moderationspersonal - Stoiber aber packt die nackte Angst vor dem anderen Geschlecht. Die unheimliche Serie von Freudschen Fehlleistungen und Verhasplern gegenüber Sabine Christiansen, die Harald Schmidt sogleich zur lustigen Aufklärungsaktion mit Gewinnspiel - »Versteh den Stoiber!« - inspirierte, gipfelte in der verzweifelten Wortfindungsexpedition nach dem Begriff der »geschlechtsspezifischen Verfolgung«. Ein Hauch von Anthony Perkins wehte da durchs Fernsehstudio, Bayrisch-»Psycho« für verklemmte Einserjuristen. Als Stoiber sein Verhältnis zur »traditionellen Frauenrolle« aus dem Geiste der ministeriellen Wiedervorlage mit einem »Sowohl-als-auch« charakterisierte, war klar: So hat er keine Chance gegen die geschlechtsspezifische Medienpartnerschaft Gerd & Doris. Kandidat Stoiber fehlt zweierlei: Schröders Fegefeuer namens »Hillu« und die Revolution im verrauchten Hinterzimmer. Ottfried Fischer, der »Bulle von Tölz«, sagt es so: »Schröder hat eben die Juso-Diskussionsschule durchlaufen, dem Stoiber hat dagegen nie jemand widersprochen. Das rächt sich jetzt.« Wusste doch schon Herbergers legendärer Nachfolger Berti Vogts: Der Star ist die Mannschaft.

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