Zur Ausgabe
Artikel 38 / 74

BELGIEN / PRESSE Verstummte Prosa

aus DER SPIEGEL 44/1965

In Brüssels düsterer Rue de la Caserne, dem Sitz der belgischen KP, kam es letzte Woche zu einer kapitalistischen Krise: Die zwölf Redakteure des Parteiorgans »Le Drapeau Rouge« (Die Rote Fahne) weigerten sich, weiterhin »für den Hungerlohn« von 560 Mark im Monat die aggressive Feder zu führen. Sie traten in den Streik.

Für Belgien war es der erste Journalistenstreik - für den Weltkommunismus die erste Arbeitsverweigerung leitartikelnder Genossen.

Vier Mitglieder des Zentralkomitees besetzten sofort die Rote-Fahne-Redaktion. Angeführt vom roten Senator Jean Terfve, begannen sie die handgeschriebenen Manuskripte der Arbeiter-Korrespondenten zu redigieren. Doch der Katastrophen-Einsatz war vergeblich:

Setzer und Drucker schlossen sich dem Streik der Schreiber an; gemeinsam zogen die renitenten Genossen in das zum Streiklokal erhobene Stammcafe »Au coup d'Ekla« auf dem Boulevard Maurice Lemonnier.

Just in der Woche des Parteitages der belgischen KP (Hauptreferat: »Der soziale Rückschritt der belgischen Unternehmer") hörte die papierene Rote Fahne auf zu flattern.

Die Krise in der Kasernenstraße gärte aber schon länger. Wiederholt hatte Henri Detiére, der seit 18 Jahren für den Lohn eines städtischen Straßenfegers (600 Mark im Monat) als Chef vom Dienst zur Roten Fahne hielt, Gehaltsaufbesserung für jene Kollegen gefordert, die weniger als 500 Mark verdienen.

Verlagsdirektor Marcel Levaux und Parteichef Ernest Burnelle - Besitzer einer Wochenendvilla in Frankreich - lehnten immer ab, obwohl das übliche Mindestsalär belgischer Volljournalisten bei 1000 Mark im Monat liegt. Begründung: Die roten Redakteure seien nicht in erster Linie Angestellte, sondern Mitkämpfer für eine große Sache.

Außerdem ist die anzeigenlose Zeitung (Auflage: 10 000) ein Zuschußunternehmen, das durch Subventionen aus der Parteikasse mühsam am Leben erhalten wird.

Letzten Montag wurde Lohnkämpfer Detiére gefeuert. Boß Burnelle machte ihn dafür verantwortlich, daß die KP -Gazette viereinhalb ihrer sechs Seiten dem Sport und nur anderthalb der Ideologie gewidmet hatte. Chefredakteur Robert Dachet und die übrigen zehn Redakteure erklärten sich mit Detiére solidarisch und beschlossen zu streiken.

Den größten Jubel weckte der Kommunisten-Aufstand bei jenen Genossen, die vor drei Jahren von der moskautreuen Partei abgefallen waren und eine prochinesische Fraktion gebildet hatten.

Unter der Überschrift »Streik bei Chruschtschows Roter Fahne« frohlockte Jacques Grippa, Direktor des Wochenblatts der Peking-Kommunisten »La voix du peuple« (Volksstimme): »Die Prosa im Dienste einer ungerechten Sache, eines ekelerregenden Verrats, ist verstummt.«

Gleichzeitig machten die gelben Kommunisten den roten Brüdern ein Angebot: Jeder Schreiber, der zur Volksstimme konvertiere, würde dort erheblich besser honoriert werden als bei der Roten Fahne.

KP-Chef Burnelle, KP-Organ »Rote Fahne": Gelbe Rote gegen rote Rote

Zur Ausgabe
Artikel 38 / 74
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.