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HONGKONG Versüßter Plan

Peking proklamiert den Anschluß Hongkongs an das chinesische Reich bis zum Jahr 1997.
aus DER SPIEGEL 30/1982

Einen Tag nach ihrem Sieg über die Argentinier bekamen es die Briten mit einem stärkeren Gegner zu tun: mit Chinas Menschen-Milliarde.

Wie die Falklands vor Argentinien liegt vor China, nur viel näher, die Insel Hongkong. Ein großes Stück der Kronkolonie gehört sogar zum chinesischen Festland: das hektische Kowloon, dahinter die »New Territories«.

Die Einwohner sind koloniale Untertanen ohne Selbstverwaltung, regiert von einem Gouverneur Ihrer Majestät - wie die Falkländer. Doch anders als jene sind sie zu 99 Prozent keine Briten, sondern Chinesen. Ihr Paß gilt nicht einmal fürs Mutterland.

Am Tag nach Argentiniens Kapitulation, am 15. Juni, redete Chinas Chefkommunist Teng in Peking ein ernstes Wort mit zwölf Gästen aus Hongkong - meist Vertreter der Gewerkschaften und der chinesischen Handelskammer - sowie zwei aus Macau, der portugiesischen Kolonie gleich nebenan, die Lissabon zweimal schon an Peking zurückgeben und die Teng nicht haben wollte.

Teng erklärte jetzt, China werde seine Souveränität über Hongkong wiederherstellen, und zwar ungefähr in 15 Jahren. Dann läuft jener Vertrag ab, mit dem Großbritannien 1898 die »New Territories« auf 99 Jahre gepachtet hatte. Doch S.88 Teng sprach von ganz Hongkong: Kowloon und die Insel eingeschlossen, die der Kaiser von China einst den Engländern »für alle Zeiten« abgetreten hatte.

Was auch immer im vorigen Jahrhundert vereinbart wurde - das kommunistische China hat stets die »ungleichen Verträge« lautstark angefochten, ohne aber damit ernst zu machen. Als Rußlands Chruschtschow 1962 den Pekinger Genossen vorhielt, vor der eigenen Tür »Kloaken der Kolonialisten« zu dulden, antwortete die Pekinger »Volkszeitung« mit der Anfechtung jener ungleichen Verträge, durch die Rußland sich im 19. Jahrhundert riesige chinesische Nord-Territorien angeeignet hatte.

Von Hongkong war seither, abgesehen von kulturrevolutionären Gewaltaktionen 1967, bis vorigen Monat nicht mehr die Rede. Teng versüßte seinen Heim-ins-Reich-Plan mit der Versicherung, auch nach einem Anschluß wolle Peking den fortdauernden »Wohlstand« Hongkongs sichern.

Tatsächlich braucht die Chinesische Volksrepublik Hongkong, diesen reichen Vorposten des Kapitalismus im armen China, als Devisenquelle und Wechselstube, als Tor zur Welt - zur Technologie des Westens, zum internationalen Handel. Das funktioniert nicht mehr, wenn ein Parteifunktionär, allemal Expropriation im Sinn, die Residenz des britischen Gouverneurs bezieht. Britische Rechtsordnung, westliche Freiheitsbräuche und auch Konsumgelüste gehören zu jener ganz besonderen Atmosphäre Hongkongs, in der die Chinesen ihre außergewöhnlichen kommerziellen Fähigkeiten voll entwickeln können. Exportvolumen 1981: 50 Milliarden Mark.

Zwar versprach Teng, Hongkong könne sein »kapitalistisches System« behalten. Doch wer seine Hongkong-Dollar in Industrie, Handel und Hochhäuser steckt, will sichergehen: Schon heute laufen sogar alle Arbeits- und Mietverträge nur bis 1997, bis zum Ende des Pachtvertrages über das Hinterland.

Bis dahin muß sich jede Investition amortisiert haben. Schon erwerben Hongkonger Geschäftsleute vorsichtshalber eine Wohnung auf Hawaii, Finanziers suchen andernorts Anlagemöglichkeiten: Die Shanghai Commercial Bank, die demonstrativ einen Wolkenkratzer im Stadtzentrum bezog, kauft sich zugleich bei ausländischen Banken ein.

Noch vor dem Besuch der britischen Premierministerin Margaret Thatcher, der Siegerin von Falkland, im September in Peking steigerte sich das Investitions-Risiko in »Xianggang« (wie Peking Hongkong nennt): Die Nachrichtenagentur »Hsinhua« verbreitete vorletzten Freitag Worte von Peng Tschen, Vizepräsident des Volkskongresses (etwa: Parlament) und zuständig für die Gesetzgebung der Volksrepublik.

Peng, der früher einmal als Bürgermeister von Peking Schauprozesse im Stadion (mit anschließender Hinrichtung) dirigiert hatte, das erste Opfer der Kulturrevolution wurde und 1980 den Prozeß gegen die »Viererbande« arrangierte, rief seine »Landsleute« in Taiwan, Hongkong und Macau auf, sich mit dem Entwurf der neuen Verfassung für die Volksrepublik zu beschäftigen.

Und, deutlicher: Die noch nicht heimgeführten Volksgenossen sollten sich auch anstrengen, zu einer »früheren Wiedervereinigung der chinesischen Nation« beizutragen. Die Lokalzeitung »Hongkong Standard« kam sofort mit der Schlagzeile heraus: »China plant Verwaltung Hongkongs«. Am Montag schloß die Börse, am Dienstag sanken die Kurse wie schon die Bodenpreise.

Kommunistische Zeitungen Hongkongs wiegelten ab, es habe sich um die übliche Grundsatzerklärung gehandelt, über die Zukunft sei gar nichts ausgesagt. Sie müssen es wissen: Der einflußreichste kommunistische Verleger Hongkongs, Fei Yiming, ist Abgeordneter des Pekinger Volkskongresses und war bei Tengs Ankündigung dabei.

Der chinesische Botschafter in London beruhigte einen britischen Bankier beim Dinner: »Hongkong wird als Freihafen weiterbestehen, um Ihre Investitionen sollten Sie sich keine Gedanken machen.« Darauf der Finanzmann: »Was wird aus den fünf Millionen Menschen, die heute in Hongkong leben?« Antwort: »Dieses Problem kann später diskutiert werden.«

Schon jetzt hat Peng, der Verfassungsexperte, auf Artikel 30 des Entwurfs verwiesen: »Der Staat kann, wenn nötig, Sonderverwaltungsgebiete einrichten«, entsprechend den »gegebenen Bedingungen«. So ein Sondergebiet gibt es bereits in China: Shenzhan, gleich an der Hongkong-Grenze. Dort dürfen ausländische Kapitalisten investieren. Dort bremsen aber auch Funktionäre - keine Konkurrenz für Hongkong.

Peng wurde noch konkreter: Der Artikel 30 sei die »Legalisierung« dessen, was Chinas Präsident und Marschall Jeh, 85, vorigen September zur Angliederung Taiwans vorgeschlagen hatte, nämlich lokale Autonomie, Beibehaltung der eigenen Armee, sogar Teilnahme an der Regierung Chinas - nur auf eine eigene Fahne und eine eigene Nationalhymne müsse Taiwan verzichten.

Erfahrene Hongkong-Bürger, die nicht glauben können, daß Peking seinen Goldesel selbst schlachtet, spekulieren denn auch schon, Teng & Peng wollten mit einer echten Autonomie für Hongkong vor allem Taiwan ködern.

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