Zur Ausgabe
Artikel 31 / 68

JUGOSLAWIEN / MIHAJLOV Versunkenes Schiff

aus DER SPIEGEL 34/1966

Zehn Tage nach der Entmachtung der

jugoslawischen Geheimpolizei durch die Kommunistische Partei forderte der jugoslawische Schriftsteller Mihajlo Mihajlov, 32, die Entmachtung der Partei.

»Lieber Genosse Tito«, begann seine Empfehlung an das Staatsoberhaupt - obwohl Mihajlov der Partei nicht angehört. »Ich stimme mit Ihnen überein, daß der Staatspolizei nicht gestattet werden darf, die Gesellschaft zu beherrschen - aber auch dem Kommunistenbund sollte das nicht erlaubt sein.«

Denn: »Diese Organisation, die kaum sechs Prozent der Bevölkerung vertritt, kann nicht über Verfassung und Landesrecht gesetzt werden.« Im Fall des Jung-Jugoslawen Mihajlov hatte das Landesrecht bis dahin allerdings über Parteiwillkür triumphiert.

1964 war der im dalmatinischen Zadar lebende Assistent der Universität Zagreb im Rahmen des jugoslawisch-sowjetischen Kulturaustauschprogramms vier Wochen in der Sowjet -Union gewesen. Mihajlov, Sohn russischer Emigranten, die vor den roten Revoluzzern geflüchtet waren, veröffentlichte seine Reise-Notizen in der Belgrader Zeitschrift »Delo«. Eine Mihajlov-Enthüllung schlug besonders ein: »Die ersten Todeslager gründeten nicht die Deutschen, sondern die Sowjets.«

Moskau protestierte und forderte Genugtuung. Am 11. Februar 1965 machte Tito seine Staatsanwälte auf Mihajlov aufmerksam: »Er ist ein Reaktionär.«

Noch am selben Tag verbot das Belgrader Bezirksgericht die Verbreitung des Reiseberichtes. Mihajlov schickte das Manuskript ins Ausland: an den römischen Verleger Giovanni Volte. Dafür verurteilte das Bezirksgericht von Zadar den Russen-Kritiker zu zehn Monaten Gefängnis. Seine Assistenten -Stelle hatte er schon vorher verloren.

Doch Kroatiens Oberster Gerichtshof senkte das Strafmaß auf fünf Monate und billigte dem Reaktionär Bewährung zu. Mihajlov gewann auch eine Klage gegen seine Entlassung.

Dadurch ermutigt, forderte Mihajlov, dessen Schwester Marija in Washington an der Katholischen Universität studiert, in Aufsätzen für westliche Zeitschriften »Befreiung vom politischen Totalitarismus« und Gründung einer Oppositionspartei in Jugoslawien.

An einer ähnlichen Attacke gegen das Parteimonopol war zwölf Jahre zuvor schon Titos einstiger Partisanenkamerad, Vizepräsident Milovan Djilas, gescheitert. Er sitzt für seine Kritik am Kommunistenbund und wegen seiner Propaganda für eine zweite - sozialdemokratische - Partei heute im Staatsgefängnis von Sremska Mitrovica ein.

Mihajlov aber will noch mehr als Djilas: »Eine Evolution des Einparteiensystems in Jugoslawien zu einem freien, demokratischen Mehrparteiensystem würde ein Wegweiser für alle Länder Osteuropas einschließlich Rußlands sein.« Sein Streben ist, »die Menschheit vor dem asiatisch-kommunistischen Totalitarismus zu bewahren«.

Zwecks Verwirklichung dieser Ideen lud Mihajlov inländische Gesinnungsgenossen und ausländische Publizisten zur Gründungsversammlung einer Oppositionszeitschrift nach Zadar ein.

Sie fand nicht statt. Am vergangenen Montagmittag ging Mihajlov zum Gericht, wo er sich täglich melden mußte. Um 15 Uhr rief er seine eigene Telephonnummer 3249 an und bat um eine Zahnbürste. Das Bezirksgericht von Zadar (Große Sowjet-Enzyklopädie: »Seit Machtergreifung der faschistischen Tito-Clique ein Kriegsmarine-Stützpunkt der amerikanischen Imperialisten im Mittelmeer") hatte den Oppositions -Assistenten in Haft genommen.

Auch sein Freund Marjan Batinic, 28, früher Ausbildungschef einer Zagreber Bonbonfabrik, wurde abgeholt.

Zurück blieb die Inschrift über Mihajlovs Wohnungstür an Zadars »Platz der Opfer des Faschismus« Nummer 3: »Was vermögen die Winde über ein versunkenes Schiff?«

Zur Ausgabe
Artikel 31 / 68
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.