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»Vertändelte Zeit«

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aus DER SPIEGEL 40/1988

Sie hockten in der Kanzlermaschine, wenn es sein mußte auf Kisten, und diskutierten mit dem Kanzler.« So erinnert sich Marianne Duden, langjährige Sekretärin von Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt, an den Andrang der Wirtschaftsbosse, wenn der Chef ins Ausland reiste. Banker und Industrielle versucfhten selbst auf langen Reisen wie 1975 nach China einen Sitz in der engen Bundeswehr-Boeing zu ergattern.

Die Zeiten haben sich geändert: Als Helmut Kohl am vorigen Donnerstag zu einer zwölftägigen Traumreise nach Indonesien, Australien, Neuseeland und Singapur startete, mieden 10 von 15 »Sondergästen« aus der Wirtschaft den Kanzlerkontakt. Sie verzichteten auf Kanzlerglanz zugunsten von Komfort im Linienjet. »Die Topleute kümmern sich lieber um ihre Unternehmen zu Hause, als auf solchen Lustreisen die Zeit zu vertändeln«, weiß ein Verbandssprecher.

Kein Glück hatte Kohl auch mit DGB-Chef Ernst Breit, der zum erstenmal eine Einladung Kohls angenommen, dann aber den Kanzler aufgefordert hatte, seinen Vorwurf zu korrigieren, der DGB verfolge die Bundesregierung mit »Feindschaft«. Als das Kanzleramt nicht reagierte, telegraphierte Breit am Tag vor der Abreise seine Absage: »Ich halte das für staatspolitisch mehr als bedenklich, wenn sachliche Kritik an Gesetzesvorhaben einer Regierungskoalition mit dem Begriff 'Feindschaft' belegt wird.«

Keine Probleme hatten die Kohls wie schon auf der letztjährigen China-Reise mit einer Karlsruher Unternehmerin. Christine Esswein, frühere Lebensgefährtin des Ex-SPD-Finanzministers Alex Möller, nahm dankbar als Sondergast in der Kanzlermaschine Platz. Sie ist eine enge Freundin von Hannelore Kohl.

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