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Verwechslung von Narben und Wunden

SPIEGEL-Redakteur Jörg R. Mettke über die Hauptversammlung der Goethe-Gesellschaft in Weimar Mettke, der von 1973 bis 1975 als SPIEGEL-Korrespondent in Ost-Berlin akkreditiert war, ist seit zehn Jahren Mitglied der Goethe-Gesellschaft. *
Von Jörg R. Mettke
aus DER SPIEGEL 24/1985

Wie in jedem ungeraden Jahr waren sie wieder zu Hunderten in Weimar eingekehrt wie ins vertraute Vaterhaus, die »Goethe-Onkels« von nah und fern. So spotten gutmütig die Einheimischen nun schon an die hundert Jahre, seit am 20. Juni 1885 im Saal der Weimarer Armbrustschützengesellschaft gebildete Großbürger und Adelspersonen die »Goethe-Gesellschaft« begründeten, um auf der Spur des damals schon 53 Jahre verblichenen Dichters »fort und immer fort zu wandeln«.

Der Ewigkeitstraum der Gründer, die sich vorm obligatorischen Kaiserhoch noch rasch den Großherzog von Sachsen-Weimar zum Protektor und wenig später den Chef des Leipziger Reichsgerichts Eduard Simson zum ersten Präsidenten erwählten, hat sich nun schon über Monarchie, Republik, Diktatur und schließlich des Reiches Untergang hinweg als dauerhaft erwiesen.

»Unglaublich« und »fast ein Wunder« nannte es denn selbst der seit 1974 als Präsident amtierende DDR-Germanist Karl-Heinz Hahn in seinem diesjährigen Festvortrag, daß die Forscher wie Laien vereinende Gesellschaft durch zwei heiße Kriege und einen kalten als ein Ganzes am Leben und lebendig erhalten werden konnte.

Als »gesamtdeutscher Gesellschaft« freilich, wie die Goethe-Gemeinde in westdeutschen Heimatblättern und Handbüchern bis heute ebenso beharrlich wie falsch gefeiert wird, wäre ihr das Überleben nicht gelungen.

Nur eine mit Augenmaß und Diplomatie betriebene Internationalisierung der Mitgliedschaft und penible Ost-West-Parität im Vorstand bewahrte sie in den sechziger Jahren davor, zwischen Ost-Berlins Abgrenzungs- und Bonns Alleinvertretungsanspruch zerbrochen zu werden wie beispielsweise die Shakespeare- oder die Ernst-Barlach-Gesellschaft.

Und wo die Geschicklichkeit der vier Nachkriegspräsidenten - zwei West, zwei Ost - die kipplige Balance überm Spalt einer auseinanderdriftenden Kulturnation allein nicht hätte halten können, half wohl der geniale Weltbürger von Weimar selbst.

Johann Wolfgang Goethe und seine Erbengemeinschaft, Exegeten wie Enthusiasten, zu tranchieren wie ein x-beliebiges Stück angejahrtes Kulturgeflügel - davor schreckten die Spaltungsstrategen denn doch zurück, obwohl Ost-Berlins Kultur-Kardinal Kurt Hager die Goethe-Gesellschaft schon 1957 kurzfristig als »Agentur der westlichen Ideologie« ins Visier genommen hatte.

Heute, so scheint es, wissen Regierende beider deutscher Republiken endlich zu schätzen, was beharrlicher und hinhaltender Widerstand bürgerlicher wie sozialistischer Intellektueller vom Hochschullehrer bis zum Bibliothekar ihnen da erhalten hat. Denn als sich am Donnerstag vorletzter Woche 1350 organisierte Goethe-Freunde (von 5000 in 36 Ländern) in der Weimar-Halle zur Eröffnung ihrer 69. Hauptversammlung einfanden, lächelte nicht nur der junge Goethe des berühmten Kupfers von Johann Heinrich Lips auf sie herab, sondern auch reichlich politische Gunst und Gnade.

Erich Honecker, SED-Generalsekretär und DDR-Staatsoberhaupt in einem, rühmte in seinem Grußwort die »beachtlichen internationalen Dimensionen« der Gesellschaft und ihre Beiträge zu »Völkerverständigung« und »friedlicher Koexistenz«. Zugleich verlieh er der Organisation mit dem Orden »Stern der Völkerfreundschaft« eine der höchsten DDR-Auszeichnungen.

Bundespräsident Richard von Weizsäcker ließ gleichfalls Glückwünsche zur Hundertjahrfeier ausrichten und bedankte sich für das »redliche und erfolgreiche Bemühen«, Goethe unter die Mitmenschen zu bringen, als einen »wichtigen Beitrag zur Verständigung der Völker«.

Solch lobenden Gleichklang mochte Präsident Hahn den vielen DDR-Teilnehmern, denen ein nur unwesentlich kleineres westdeutsches Kontingent zur Seite saß, stereo denn noch nicht zumuten. Und so verlas er die goldenen Honecker-Worte zum Tagungsbeginn und sparte sich die Bonner Adresse offensichtlich zwei Tage lang bis zum Schluß auf; das Bundespräsidialamt jedenfalls hatte sie bereits eine Woche vor dem Ereignis auf den Weg gebracht, und auch die zum Boten bestimmte Bonn-Vertretung in Ost-Berlin beharrt darauf, das Weizsäcker-Schreiben »rechtzeitig« abgeliefert zu haben.

Doch wer in solch harmlosem Versuch, der gastgebenden DDR einen Extra-Punkt zuzuschanzen, Ärgeres sehen möchte als nachsichtig-vorsichtige Vorstandspolitik, hat die Ausgleichsformel dieser »Vereinigung engagierter Freunde und Liebhaber Goethes« (Hahn) sowenig begriffen wie jener halberwachsene Kulturrevolutionär aus dem Westen, der am Arm seiner Mutter über das »festlich langweilige Harmoniegeschwätz« des Präsidenten räsonierte;

denn salvatorische Hahn-Klauseln wie jene vom »sehr hohen Rang Goethescher Humanität, der auf gar keinen Fall preisgegeben werden« dürfe, sind der bewährte und womöglich einzige Leim, der diese Gesellschaft mit der Rarität einer hüben wie drüben weitgehend respektierten Satzung aus dem Jahre 1928 zusammenhält - nicht zuletzt zum Nutzen ihrer westdeutschen Mitglieder.

Für lächerliche 25 Mark Jahresbeitrag, Familienangehörige die Hälfte, erhalten sie nicht nur ein voluminöses Jahrbuch mit dem Neuesten aus Goethe-Forschung und -Verehrung, sondern auch die reelle Chance zur Weimar-Wallfahrt alle zwei Jahre. Gewiß, diesmal mußten Hunderte aufs nächste Mal vertröstet werden, weil die zwischen Jena und Erfurt verfügbaren Hotelzimmer wieder einmal nicht ausreichten. Und mitunter beschnitten auch die DDR-Behörden dem einen oder anderen Mitglied sein satzungsgemäßes Recht, indem sie das Einreisevisum verweigerten.

Aber zu Satzungsänderungen, die den veränderten Verhältnissen Rechnung trügen, mochte sich der seit Gründerzeiten mit autokratischen Befugnissen ausgestattete Vorstand bislang nicht verstehen. Dadurch, so fürchtete der bundesdeutsche Vizepräsident Jörn Göres vor Jahren, könnte es zu leicht geschehen, daß »man wie bei einem Brückenbogen Gefahr läuft, durch Herauslösen eines einzelnen Steins das ganze Gebäude einstürzen zu lassen«.

Weise bedenken die meisten auswärtigen Goetheaner wohl auch das Wort ihres Meisters, wonach »Denken ... interessanter (ist) als Wissen, aber nicht als Anschauen«. Und was zu betrachten ist an Klassischem im stillen Weimar und seiner Umgebung, haben die Spezialisten der volkseigenen »Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten« mittlerweile ebenso mustergültig wie unprätentiös hergerichtet und ausgestellt.

Vom musealen Goethe-Wohnhaus am Weimarer Frauenplan und dem daran anschließenden Museum über das Schloß der Familie von Stein in Großkochberg bis zu den Dornburger Schlössern hoch über der Saale - nirgendwo wird platter Heldenverehrung oder einseitiger politischer Inanspruchnahme Vorschub geleistet.

Der ganze Goethe mit seiner schier unerschöpflichen und notwendig widersprüchlichen Hinterlassenschaft soll es nun schon seit längerem sein - nicht mehr nur der in der DDR-Frühzeit herauspräparierte geheimrätliche Sozialreformer, der sich um die »hungernden Strumpfwirker in Apolda« sorgte oder »die armen Maulwürfe« im Ilmenauer Bergbau.

Wer Streit suchte auf dem Weimarer Familientreffen, Meinungsstreit von der milden Sorte freilich, konnte durchaus auf seine Kosten kommen: in einer Arbeitsgruppe etwa, die dem Goethe-Verständnis von Georg Lukacs nachspürte, oder in einer anderen, wo der Kölner Germanist Walter Hinck einfühlsam über die Goethe-Rezeption Bertolt Brechts referierte. Vor allen anderen verwiesen diese beiden Themen auf Wunden, die sich die junge DDR während der fünfziger Jahre im erbittert und dogmatisch geführten Streit um literarischen Formalismus und richtige Erbe-Pflege beibrachte.

Doch als der Streit um die 1952 unter politischem Druck abgesetzte Berliner »Urfaust«-Inszenierung von Brecht und Egon Monk noch einmal aufzulodern droht, als sei's ein Stück von heute, mokiert sich der konziliante Gesprächsleiter Helmut Brandt, Germanist aus Jena, über die westliche Neigung, Narben mit Wunden zu verwechseln und »hier Leichen aus dem Keller zu holen, die wir da angeblich verborgen haben": Es sei doch »längst aufgearbeitet, wie verbohrt wir damals waren«.

In dieser Arbeitsgruppe, wohl auch in jener über das Goethe-Bild von Sigmund Freud, konzentriert sich der Nachwuchs, den die Goethe-Gesellschaft so dringend braucht. Derweil schmecken die Älteren Kostproben einer »Faust«-Übersetzung ins Französische ab, auf die Jean Malaplate, hoher Beamter im Pariser Finanzministerium, dreißig Jahre seines Lebens gewendet hat.

Nicht wenige ältere Goethe-Freunde, zumal solche aus dem Westen, ziehen es vor, sich ihren Klassiker einfach zu erwandern - dort, wo er auf dem Kickelhahn bei Ilmenau einst Steine sammelte, Pflanzen preßte oder im Jagdhaus Gabelbach mit der Hofgesellschaft »liederliche Wirtschaft« trieb. Und manch einer mag sich dabei auch zum Ettersberg gewagt haben, an dessen Hang der 26jährige Dichter für Charlotte von Stein die erste Fassung von »Wanderers Nachtlied« schrieb und Hitlers Totenkopf-SS gut 160 Jahre später fast 60 000 Menschen ermordete.

Das Gros der Besucher im ehemaligen KZ Buchenwald sind ostdeutsche Schulkinder, die sich die Last der Geschichte durch das Pflücken von Mercedessternen etwas erleichtern. Doch wenn sie dem Verdursten nahe unten im Tal ankommen, ziehen sie vor dem Kabolz ins Klassische oft vergeblich von Lokal zu Lokal: Die Zwei-Sterne-Gesellschaft - mit dem am Wagen und dem Goethe-Stern im Knopfloch - hält alle besseren Plätze besetzt; bessere Herren auch wie der Hamburger Rotarier Curt Zahn, der dem »lieben Freund Hahn« gerade den mit 30 000 Mark dotierten »Hansischen Goethe-Preis« der F.V.S.-Stiftung angetragen hat.

Vielleicht, denke ich, würde es die draußen vor der Tür trösten, was ein chinesischer Goethe-Forscher der hohen Festversammlung aus seiner Heimat zu berichten wußte: Dort werde Goethe eifrig studiert und massenhaft verehrt - als abendländische Inkarnation des Philosophen Konfuzius und des Lyrikers Li Tai-po zugleich.

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